Online-MegazineKolumne

COLLISION DREAMER, THE SWEET ESCAPE

Mao lässt es polstern

Kissenschlacht

Das Bier schmeckt schal, die Luft ist dick und die Band spielt schlecht? Egal. Es gibt in Beijing keine Konzerte mehr, die nicht mit einer zünftigen Polsterschlacht zum Erlebnis werden können.

Wer erinnert sich nicht mit Wonne an jene Zeiten zurück, als die Polster noch wie Artilleriegeschosse durch das Kinderzimmer flogen, um unliebsamen Erziehungsberechtigten mit fröhlicher Wucht ins Gesicht zu klatschen? Die Polsterschlacht scheint offensichtlich in jedem Kulturkreis ein populäres Phänomen zu sein – auch in China. Dort ist man im Mao Live House zu Beijing in letzter Zeit dazu übergegangen, eigene Polsterschlacht-Konzerte zu veranstalten. Dabei sorgen jeweils einige Metal- oder Punkbands für die akustische Untermalung, während sich die mit Polstern bewaffneten Zuhörer gegenseitig zu Brei kloppen. „Wir hatten die Idee zu diesem Format vor dem Jahreswechsel, weil die Leute zu Weihnachten ja ohnehin nichts anderes machen“, lautet die einleuchtende Erklärung von Mao-Managerin Jide.

Dass das Konzept aufgeht, beweist die lange Schlange erwartungshungriger Schlachtenbummler, die sich vor dem Mao anstellt. Den meisten leuchtet bereits ein dezent irres Flackern in den Augen, als sich die Meute zum Aufwärmen gegenseitig mit Taschentüchern eins überzieht. Ein Mittdreißiger, der dem Aussehen nach tagsüber bei der Bank Of China seinen Dienst verrichtet, bereitet sich gewissenhaft mit Dehnungsübungen und Schattenboxen auf das tödliche Kommando vor. Auf die Frage, warum er sich im fortgeschrittenen Alter einem eher vorpubertären Vergnügen hingibt, antwortet er frei übersetzt so: „Ich geh zu diesem Konzert, weil ich heute Abend noch ein Mädel polstern will.“ Tatsächlich ist die Damenwelt auch zahlreich zur Polsterausgabe angetreten. Beim Verteilen des Kriegsgeräts wird von den Ordnern zur Sicherheit noch einmal die Genfer Konvention durchdekliniert: „Okay Leute, vielleicht solltet ihr vorher noch was essen gehen, damit ihr später schön stark seid. Bittet macht unser Equipment nicht kaputt und drescht nicht auf Personen mit Kameras ein – das sind unsere Fotografen.“

Apropos Bilder: Üblicherweise stehen asiatische Zuschauer während eines Konzertes mit dem Rücken zur Bühne, damit sie während des gesamten Gigs Selfies mit Band-Hintergrund auf soziale Netzwerke hochladen können. Dass dieses Spielchen bei einem Polsterschlacht-Konzert nur bedingt funktioniert, müssen einige bereits bei den ersten Takten von 冲撞梦想家 (COLLISION DREAMER) zur Kenntnis nehmen: Die erste Reihe an ausgestreckten Smartphones wird wie ein Weizenfeld im Herbst umgehend abgemäht, und die ersten iPhone-6-Modelle pfeifen auf Nimmerwiedersehen in die hinterste Ecke des Mao. Geschont wird weder Mensch noch Material: Während die Band auf der Bühne irgendeinen belanglosen Emocore schrammelt, tobt im Zuschauerraum ein Inferno, das irgendwo zwischen Weltkriegsszenario, Irrenhaus und Kindergarten angesiedelt ist. Strahlend kloppen Frau Holles Kinder aufeinander ein, als hänge ihr Leben davon ab, was in einigen Fällen durchaus richtig ist. Besonders fällt auf, mit welcher Brutalität speziell das vermeintlich schwache Geschlecht zur Sache geht: Während die Jungs eher schüchtern lächelnd ihren Zufallsopfern eins überziehen, haben die Mädels keine Hemmungen, die weichen Geschosse auch in die Weichteile zu rammen. Wenig später sieht man die ersten Opfer an der Bar, die sich mit schmerzverzerrtem Grinsen einen Schnaps als Medizin runterkippen.

In diesem Kampfgeschehen sind die Musiker bestenfalls Nebendarsteller, auch wenn sie dann und wann ebenfalls einstecken müssen, wenn sich ein Artillerie-Ausläufer Richtung Bühne verirrt. Einen Kollateralschaden muss insbesondere der Drummer von COLLISION DREAMER (nomen est omen…) verzeichnen, als ein Blindgänger sein Becken trifft und dieses wiederum in seine Fresse segelt. In your face, bitch! Der Mann nimmt’s sportlich und beweist, dass man zum Schlagzeugspielen keine Zähne braucht. Immer hübsch lächeln wird bei der nächsten Band dann ein wenig schwieriger: 甜蜜大逃亡 (THE SWEET ESCAPE) sind in der Tat die schlechteste Band, die ich in meinem ganzen Leben bislang gesehen habe. Und ich dachte, mit Klaus & Klaus, David Hasselhoff und Sabaton alles erlebt zu haben. Denkste: Diese Herren haben sich Eskimo Callboy (!) zum Vorbild genommen und unterbieten selbst diese tief gelegte Latte mit spielerischer Lockerheit. Ihr Gig ist so mies, dass selbst den bislang so enthusiastischen Beijinger Polsterschlächtern ein wenig die Puste ausgeht. Und so hocken sich viele ermattet auf den Boden, der in der Zwischenzeit reichlich abenteuerlich aussieht. Zwischen Bierflaschen und dem üblichen Dreck liegen zerfetzte Polster, kaputte Brillen und vor allem ganze Berge an Daunen und Wolle. Das wirkt ein bisschen so, als hätten sich die Schafhirten des australischen Outback in ein Mad Max Szenario verirrt, um dort ihren Herden ein letztes Mal das Fell über die Ohren zu ziehen. Gerüchten zufolge soll die Putzfrau des Mao am nächsten Tag umgehend gekündigt haben. Wer jetzt die berufliche Chance seines Lebens wittert, sei jedoch gewarnt: Es soll dem Vernehmen nach nicht die letzte Polsterschlacht zu Beijing gewesen.

Header-Pic & unteres Pic: Gezi / Luo Liang

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.