Online-MegazineKolumne

Mama ist stolz

OBITUARY

„Rotting slow in Beijing“. Grammatikalisch vielleicht nicht ganz korrekt, dafür optisch umso beeindruckender, kündigen schmucke Plakate bereits seit Wochen das Gastspiel einer weiteren Death-Metal-Legende aus Florida an: Obituary geben sich im Yugong Yishan die Ehre, einer der coolsten Locations der Hauptstadt. Gleich nebenan befindet sich die ehemalige Residenz des chinesischen Warlords Duan Qirui, die speziell bei Nebel wie ein britisches Spukschloss aussieht. Solltet ihr einmal in Peking vorbeischauen, ist ein (übrigens kostenloser) Besuch der Anlage durchaus zu empfehlen. Und solltet ihr dann im Yugong Yishan (oder sonstwo) einen freundlichen jungen Deutsch-Chinesen in einem roten Pullover treffen, kann es sich eigentlich nur um Painkiller-Chef und Konzert-Veranstalter Yang Yu handeln: „Die Band ist zwar müde, hat aber gerade nix zu tun – kannst also mal mit ihnen quasseln.“ Machen wir.

Doch im Backstage-Bereich gibt es zunächst kein Interview, sondern einen Schock: Das Monster vom „Cause of Death“-Cover hockt mit blutunterlaufenen, roten Augen vor einem Stapel Autogrammkarten und schreibt sich die Finger wund. Beim zweiten Hingucken entpuppt sich diese Mischung aus Peter Tägtgren und Inspektor Derrick als Obituary-Gitarrist Trevor Peres, der mit sich und der Welt zwar fertig ist, aber trotzdem extrem freundlich bleibt: „Oh Mann. Oh-mann-oh-mann. Wir sind erst am Nachmittag mit zweistündiger Verspätung aus Japan angekommen. Das war schlimm. Vor allem, weil es kein Bier an Bord gab“, kommentiert der Langhaardackel die Katastrophe mit einem Schluck aus der Pulle. Und auch sonst zeigt er sich über den engen Terminplan dieser Asientour, die die Band außerdem noch nach Thailand, Indonesien, Singapur und Australien führt, nicht gerade erfreut: „Wir müssen heute Abend direkt nach der Show zum Flughafen und fliegen weiter nach Bangkok. Welcher Idiot hat das eigentlich gebucht? Ich war noch nie in China, und so sehen wir von diesem Land nur die Venue und den Flughafen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir ruhig einen Day-off einlegen können.“

Ist es dann überhaupt noch etwas Besonderes, zum ersten Mal auf chinesischen Brettern zu spielen?

„Sicher, denn wir wissen ja nicht, wie die Crowd auf uns reagieren wird und ob sie unsere alten Schoten überhaupt kennen. Wir spielen heute einen Old-School Set aus den ersten drei Alben, was auch für uns interessant ist, denn einige der Songs haben wir noch nie live gespielt. Es sind sozusagen alte, neue Songs.“

Hat das eventuell Einfluss auf das Songwriting zur neuen Platte, die gerade im Entstehen ist – back to the Rotz, quasi?

„Nö, bei Obituary ist eigentlich eh alles Old-School, insofern ist das jetzt relativ wurscht. Die neue Platte kommt übrigens Anfang 2014. Wir wollten ursprünglich eine 3-Track-EP veröffentlichen, aber daraus ist irgendwie nix geworden. Egal, kommen sie halt aufs Album.“

Und wie klingen die Songs so?

„Wie Obituary.“

Assklar.

Wenig später kommt es zum Einzug der Gladiatoren, als sich die vier Todmetaller mitten durch das Publikum ihren Weg zur Bühne bahnen. Ein chinesischer Fan, der gerade mit Drummer Donald Tardy abgeklatscht hat, holt panisch sein iPhone aus der Tasche und brüllt ekstatisch in den Hörer: „Alter!! Das glaubst Du nicht! Gerade eben hat mir Glen Benton die Hand gegeben! Ein langer und kräftiger Händedruck - ich werde sie mir nie wieder waschen!“ Unabhängig davon, dass in der Hitze des Gefechts schon ganz andere ihre Idole verwechselt haben dürfte der Mann somit hauptverantwortlich für die Ausbreitung der Vogelgrippe sein. „Infected“ steht wohl nicht umsonst ziemlich weit vorne in der Setlist.

Doch zunächst begrüßt Deicide-, pardon Obituary-Klampfer Trevor mit einem breiten Grinsen und einem einigermaßen unfallfrei herausgebrachten „Ni hao, Beijing!“ das Publikum, das bereits mit den ersten Tönen von „Stinkupuss“ steil steht. Wie schon bei der letzten Europatour stehen an diesem Abend ausnahmslos frühe Klassiker auf dem Programm. Dazu passt auch das Auftreten der Band, das buchstäblich „frozen in time“ ist: Trevors Gesichtsbehaarung erinnert zwar immer mehr an Star-Wars-Wookie Chewbacca, und Brüllomat John Tardy führt mittlerweile eine stattliche Wampe des Todes spazieren, ansonsten sind die beiden Herren immer noch lebende Haarvorhänge. Terry Butler fügt sich als Bassist gut ins Gesamtbild ein und hat auch dieselbe „Ich bin der Hooligan von der Dorftanke und schlag dir jetzt die Fresse ein“-Optik wie sein Vorgänger Frank Watkins.

Was allerdings abgeht, ist die zweite Gitarre, und das nicht nur optisch. Der singende Gitarrenlehrer Ralph Santolla mag zwar ein komischer Kauz gewesen sein, sein Fach verstand er jedoch allemal, und sein Tick, den linken Fuß bei jeder sich bietenden Gelegenheit breitbeinig auf der Monitorbox zu parken, sorgte zumindest für Heiterkeit. So entstehen im Sound der Band doch einige Löcher, die der Grimassen-schneidende Trevor allein nur schwer zu füllen vermag. Den chinesischen Fans, von denen die meisten die Band noch nie live gesehen haben, ist das völlig egal: Sie wollen „Body Bag“, „Chopped In Half“ und „Back To One“, und bekommen genau das. Es regnet in Folge zwar kein Blut, dafür jedoch Schweiß in rauen Mengen, und wer nach einem kurzen Abstecher zur Bar wieder zurück zur Bühne möchte, hat Pech gehabt – bereits die mittleren Reihen stehen so dicht gedrängt, wie man es ansonsten nur von Pekinger U-Bahn Linien kennt. Nach 90 Minuten ist dann Feierabend. Zwischen den Zugaben („I’m In Pain“, „Slowly We Rot“) reißt Drummer Donald noch ein kurzes Schlagzeugsolo an, das die übrigen Bandmitglieder dazu nutzen, um die Publikumsreaktionen filmen. „Das machen wir immer, wenn wir irgendwo in fernen Ländern unterwegs sind. Ich schick die Videos dann meiner Mama, die freut sich darüber“, erklärt der Klöppelschwinger nach der Show mit stolzgeschwellter Brust.

Darüber hinaus bleibt jedoch nicht viel Zeit, um zu feiern, denn die Band muss, wie schon erwähnt, direkt zum Flughafen, um nach Bangkok weiterzufliegen. Es bleibt vor allem ihren Sitznachbarn zu wünschen, dass sie vor dem Abflug noch eine Dusche gefunden haben, denn die Herren (t)rotten schweißüberströmt aus der Halle. Trevor wedelt noch einmal mit einer Bierpulle und verabschiedet sich mit einer Frage, die eigentlich nur ein Amerikaner stellen kann: „Wird man hier verhaftet, wenn man mit einem Bier auf die Straße geht?“

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten und neunten Blogeintrag.
 
 
 
Pics: Wu Gang