Online-MegazineKolumne

ETERNAL POWER

Let’s talk about sex

ETERNAL POWER

Ein äußerst skurriles Konzert im Mao Live House widmet sich dem schönen Thema, Mann und Frau zusammen zu bringen. Was leider in die Hose geht.

Es begab sich einst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. China hatte gerade erst die Wirren der Kulturrevolution überstanden, als sich der damalige KP-Generalsekretär Zhao Ziyang aufmachte, um der Landbevölkerung einen Besuch abzustatten. Schauen, wie’s dort so geht. Also brach er auf in das chinesische Herzland, in die bis heute relativ ärmliche Provinz Shaanxi. Das lief dann so: Deutsche Limousine mit Pekinger Parteiadel hielt vor einem Feld, Parteiadel und Funktionäre stiegen aus, ein kleines Bäuerchen kratzte sich am Kopf. „Heda“, so sprach der Generalsekretär, „mir scheint, hier haben wir einen Modellarbeiter.“ Kopfkratzen. „Wenn Du hier den ganzen Tag so arbeitest, wirst Du sicher müde sein. Was machst Du denn so in Deiner Freizeit?“ Jetzt wich das Kopfkratzen einem verständnislosen Gesichtsausdruck. Freizeit? Was das für’n Ding. Also hakte Zhao nach, dessen Funktionäre bereits nervös wurden: „Na, nach dem Tagwerk, wenn Du und Deine Genossen nach Hause kommen. Was macht ihr da?“ Nach reiflichen Überlegungen kratzte sich das Bäuerchen diesmal am Nacken und antwortete ungeniert: „Wir vögeln.“ Und dann? „Dann ruhen wir uns aus,“ sagte das Bäuerchen, um nach abermaligem Kratzen des Hosensacks hinzuzufügen: „Und dann machen wir’s noch mal.“

Womit klar sein dürfte, warum 1,3 Milliarden Chinesen diesen Erdball bevölkern. Der ehrenvollen Aufgabe der Vermehrung des chinesischen Volkes hat sich in diesen feucht-schwülen Sommertagen des Jahres 2014 das Mao Live House zu Beijing angenommen. Das gewiss nicht einfache Unterfangen, Mann und Frau zusammenzuführen, soll ein Konzert mit dem vielversprechenden Titel „Choking Hazard“ etwas erleichtern. Als Gleitmittel dürfen an diesem Abend daher zwei in jeder Beziehung harte Metalbands herhalten – und eine chinesische A-Cappella-Boyband. Eine Konstellation, die laut Veranstalter absolut logisch ist, denn: „Der männliche Metal und die weibliche Abneigung gegen Metal werden die Funken sprühen lassen! Wir werden uns bemühen, dass Männer und Frauen wie in einem Neutronenbeschleuniger aufeinanderprallen, wodurch die Metal-Kollision ein geniales Thema wird. Den Anblick der brüllenden Metaller und ihrer charmanten Schwestern dürft ihr auf keinen Fall verpassen!“

Ja wenn das so ist, dann müssen wir wohl – um uns während der ersten Band tatsächlich in einem Pulk junger Damen wiederzufinden, die gerade um ihr Leben kreischen. Den kleinen Tumult verursachen vier Buben auf der Bühne mit dem schönen Namen人声兄弟乐团 (ren sheng xiong di), was auf Deutsch nichts anderes als „A cappella“ bedeutet. Die chinesischen Prinzen schmachten, pupsen, gurgeln und husten sich also durch allerhand heimische Erbschleicher-Standards, ehe auch noch 'Billy Jean' vergewaltigt wird, um Michael Jackson zu huldigen, der gerade seinen Todestag hat. In doppelter Hinsicht, denn würde er noch leben, er wäre spätestens jetzt tot. Die Schwestern im Publikum hingegen sind – buchstäblich – quietschlebendig, blicken verzückt zu den dauerquasselnden Herzensbrechern hoch und zicken sich gegenseitig an, wenn wieder mal ein Selfie durch den wedelnden Arm der Nachbarin gestört wird. Da hört sich der Spaß auf, und nicht erst, wenn die Band als letzten Song 'Jingle Bells' zum Besten gibt – am 25. Juni, wohlgemerkt. Der Weihnachtswahnsinn beginnt eben auch in China immer früher.
Das ist natürlich dumm, denn offensichtlich fühlen sich die bislang so zahlreich anwesenden Damen daran erinnert, noch eben schnell ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen, weswegen sie nach dem Abklingen des letzten Tons fluchtartig den Saal verlassen. Der gottgewollte Plan, die Funken metallischer Kollisionskurse sprühen zu lassen, ist glorreich gescheitert.

Genau genommen ist jetzt überhaupt nur noch eine einzige Frau im ganzen Mao, und das ist die Sängerin von NAUTILUS. Was gleichzeitig auch Kern des Problems ist, denn die Band ist schrecklich. Drei Typen schrammeln eine Standardmischung aus Slipknot und Korn herunter (war das nicht zu jener Zeit modern, als Zhao Ziyang seinen Vögelbauern besuchte?) und zeigt sich dabei ungefähr so beweglich wie chinesische Diplomaten bei Klimakonferenzen, also gar nicht. Die namenlose Sängerin hüpft hingegen selbst dann noch fit wie ein Turnschuh, wenn ihre streichholzdünnen Beinchen schon aus selbigem zu kippen drohen. Dabei schreit sie das Mikrofon an – Publikum ist ja keines mehr da – und dieses gibt nach circa 20 Minuten auf. Übrigens: Die chinesischen Schriftzeichen dieser Band schauen so aus: 鹦鹉螺. Nur für den Fall, dass ihr zu Hause ein wenig üben wollt.

Bei der letzten Truppe des Abends mit dem völlig klischeefreien Namen ETERNAL POWER füllt sich die Bude wieder etwas – Bands mit sieben Mitgliedern haben halt den Vorteil, dass zumindest ihre Sippschaft samt Kindern und Kindeskinder brav zu den Konzerten kommt. Es scheinen jetzt auch viele Schwiegermütter unter den Zuhörern zu sein, denn anders lässt es sich nur schwer erklären, dass die Herren die ersten zehn Minuten mit dem Rücken zum Publikum spielen. Unter den Blinden ist der Einäugige bekanntermaßen König, und so überrascht es nicht, dass sie zumindest musikalisch an diesem Abend mit Abstand am besten sind. Spieltechnisch sind sie fit und zocken eine instrumental akzeptable Mischung aus ganz alten Fates Warning mit dezenter Gothic-Schlagseite. Offensichtlich ist Sänger Wang Dan ebenso wie Boris Kaiser ein großer Bewunderer von John Arch, aber letzterer hält wenigstens die Klappe und versucht nicht, der „transzendenten Stimme“ (O-Ton Boris) bzw. dem „unerträglichen Gejaule“ (O-Ton des Verfassers) hinterherzujapsen. Was soll’s, Wangs zweijähriger Tochter in der ersten Reihe gefällt’s, und das ist doch das Wichtigste. Zumindest hier ist für den Nachwuchs schließlich schon gesorgt.

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

Pics: Wu Gang