Online-MegazineKolumne

Lao Tze im Antikosmos

Lao Tze im Antikosmos

Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt, sprach der legendäre chinesische Philosoph Lao Tze irgendwann einmal im 6. Jahrhundert vor Christus. Das stimmt alleine schon deswegen, weil es zu seiner Zeit gar nicht anders möglich war, als eine Reise zu Fuß in Angriff zu nehmen; er konnte sich also nicht einfach in den nächstbesten GTI setzen, um nach Wacken zu fahren.

Der solchermaßen stressbefreite Philosoph hatte also für alle Lebenssituationen das richtige Bonmot parat, und daher beginnt so ziemlich jeder Erfahrungsbericht über China mit jenem eingangs erwähnten Zitat. Das ist natürlich langweilig, macht aber in diesem Zusammenhang insofern Sinn, da Lao Tze zwar zu allem und jeden etwas zu sagen hatte, nur nicht über Heavy Metal. Sein Hauptwerk, das Dàodéjīng handelt vor allem davon, dass das Dao – eine nicht wirklich zu definierende Substanz oder Energie – immer schon da war, vor jedem Gott, vor jeder Materie oder vor jedem Menschen, und alles am Ende zu ihm zurückkehren wird. Ein paar Jahre später würden dieselben Gedanken im Geschwafel eines Selim Lemouchi leicht zweckentfremdet wieder auftauchen, wobei der Ahnherr seinem antikosmischen Bruder in der Praxis jedoch entschieden widersprechen würde („Gewalt zerbricht an sich selbst.“).

Dabei ist es jetzt nicht so, dass der erleuchtete Lao Tze unbedingt zum Reisen aufrufen würde, schon gar nicht nach China: „Der Berufene, mag er auch alle Herrlichkeiten vor Augen haben: Er weilt zufrieden in seiner Einsamkeit.“ China ist das Gegenteil von Einsamkeit: Alleine in Beijing leben 20 Millionen Einwohner, und das klingt nicht nur auf dem Papier viel. Wer sich einmal zur Rush-Hour mit einem Schuhlöffel in die U-Bahnlinie 1 gezwängt hat, weiß, wie sich die Sardine in der Sonderangebots-Großpackung beim Aldi fühlt. Allein in meinem aktuellen Häuserblock wohnen 5.000 Menschen, das sind ungefähr gleich viele wie in meinem österreichischen Heimatdorf Schladming zusammengerechnet. Dort, wo ich aufgewachsen bin kann man beim Frühstück den Bergen beim Wachsen zusehen, in Beijing hingegen den nächstbesten Wolkenkratzer, die hier wie Pilze nach einem Tschernobyl-Waldregen in den Himmel sprießen. Es gab also durchaus eine gewisse Skepsis, als ich mich im Herbst 2009 dazu entschlossen hatte, meinen eigenen ersten Schritt zu tun, um nach China zu gehen. Ich war zwar durchaus bereits des Öfteren im Ausland, so lebte ich unter anderem eine Zeit lang in so exotischen Ländern wie Afrika oder Österreich. Doch China war dann doch eine andere Kategorie, denn was hat man nicht alles zuvor über das Land gelesen und gehört – die Sprache wäre sauschwer (das stimmt), dort herrscht der Kommunismus (das stimmt nicht), das Essen wäre furchtbar (das schon gar nicht) und in diesem fremdartigen Land gäbe es vermutlich nicht einmal Heavy Metal. Letzteres ist natürlich ebenfalls Quatsch, und genau davon wird dieser Blog unter anderem erzählen. Auch sonst musste ich in den mittlerweile fast drei Jahren in China viele Urteile und Vorurteile revidieren, denn wenn dieses Land überhaupt etwas ist, dann eines: nicht so, wie man es sich vorstellt. Das ist ein bisschen wie bei der Matrix: Man kann es nicht beschreiben, man muss es selbst erleben.

Und erleben kann man in diesem Land einiges, vor allem Dinge, mit denen man nicht gerechnet hätte. Das wurde mir bereits in den allerersten Stunden klar, als ich in Beijing angekommen bin. Januar 2010: Ein perfekt deutsch sprechender zukünftiger Arbeitskollege holt mich vom Flughafen ab, er kommt gerade aus Deutschland zurück – vom Rammstein-Konzert: „Das letzte Album ist nicht gut, neinnein, wirklich gar nicht, aber das Konzert war super, die verpulvern fast so viel Feuerwerk wie wir beim Chinese New Year, hahaha“, meint der 1,40 Meter-Stöpsel, der seine letzten Ersparnisse für einen Rammstein-Pin geopfert hat, der jetzt seine Krawatte ziert. Das „rrrrr“ donnert ihm fast so schön über die Zunge wie General Lindemann, womit schon mal das Vorurteil widerlegt wäre, Chinesen könnten kein „r“ aussprechen. Auch sonst ist der Mann bester Dinge: „Beijing erlebt gerade die ärgsten Schneestürme seit 50 Jahren, das heißt, wir stecken hier ganz schön in der Scheiße, hihihahahoho!“ Tatsächlich liegt auf den Straßen eine mit bloßem Auge sichtbare Schneedecke, und was in Österreich maximal einen Einsatz der Straßenverwaltung auslösen würde, sorgt hier für Katastrophenalarm: Da es in Beijing keine Schneepflüge gibt, kommen die Einsatzkräfte auf die geniale Idee, dem Schnee mit heißem Wasser zu Leibe zu rücken. Dumm nur, dass ebenjenes innerhalb kürzester Zeit zu Eis gefriert, weswegen sich die halbe Stadt in einen hübschen Eislaufplatz verwandelt. Als die Autos beginnen, Pirouetten zu schlagen und der dauerfluchende Taxifahrer ein paar Abkürzungen über Bürgersteig und Radweg nimmt, merke ich: Hier bin ich richtig, der Rock’n’Roll lebt auch in China. Also lehne ich mich einfach mal zurück und denke entspannt an die Worte des weisen Lao Tze: „Der Berufene macht das Nichtmachen, so kommt alles in Ordnung.“ Anders ausgedrückt: Alles wird gut. Oder, wie Selim Lemouchi sagen würde: Hail Satan.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

Hier geht es zum zweiten, dritten und vierten Blogeintrag.