Online-MegazineKolumne

Kunst im Sommerloch

UNCLE 3

Während Chinas Hauptstadt derzeit wegen der Hitze völlig lahmgelegt ist, wird die Saure-Gurken-Zeit mit einer Ausstellung von Uncle 3, dem bekanntesten Designer des Landes für Konzertposter und Plattencover überbrückt.

Der Sommer in China ist ungefähr das Gegenteil von dem, was man in Deutschland unter der schönsten Zeit des Jahres versteht: Während in Europa jeder Krautacker für irgendein Festival genutzt wird und Musikfans aus dem Vollen schöpfen können, kommt das öffentliche Leben in der Volksrepublik mehr oder weniger zum Erliegen. Das hat nicht nur mit der derzeit wieder mal sensiblen politischen Großwetterlage zu tun: Es ist das Wetter selbst, welches das Leben zur Qual macht. Während in Deutschland ab 30 Grad bereits der Notstand ausgerufen wird, sind in China Temperaturen jenseits der 40 Grad der Normalzustand. Wer dieser Tage durch die Straßen geht, sollte aufpassen, auf keinen Kanaldeckel zu treten – das glühend heiße Metall schmilzt umgehend die Schuhsohlen auf. Der gelernte Beijinger vermeidet es also folgerichtig, in dieser Zeit überhaupt zu gehen, sitzt biertrinkend vor seiner Hütte in der Altstadt, rollt sein T-Shirt hoch und tätschelt seinen Bauch, um sich zu vergewissern, dass er in der Hitze nicht davongeschmolzen ist.

An Konzerte oder gar Festivals ist unter solchen Bedingungen natürlich nicht zu denken. In den Küstenstädten wie Shanghai wäre das sogar lebensgefährlich, da hier gerade ein Taifun nach dem anderen heranrollt. Um während der Saure-Gurken-Zeit nicht völlig zu versauern, finden Metalfans in Beijing eben andere Möglichkeiten, um sich zu bespaßen. So findet derzeit in Beijing in einem klimatisierten Atelier die „Uncle 3 Heavy Metal Poster Exhibiton“ statt.

Organisiert hat die Ausstellung der „666 Rockshop“, Chinas erste Adresse und Anlaufstelle für Metal-Artikel aller Art. Der Shop im Herzen der Altstadt Beijing ist eine Institution, und Uncle 3 wiederum ist der bekannteste Grafiker des Landes für Konzertposter und Plattencover. Seine Spezialität ist es, klassische Gedichte aus der Kaiserzeit mit dem vulgären Slang aus Porno-Foren zu verbinden. Die sind zwar in China offiziell natürlich verboten, was aber kaum jemanden davon abhält, sie trotzdem massenhaft zu frequentieren. Uncle 3 greift diese Widersprüche auf und baut in seine Bilder immer wieder politische Andeutungen ein, wodurch er auf einem schmalen Grat entlang balanciert.
Wer gerade keine Zeit hat, auf einen Sprung nach China zu fliegen, findet einige seiner Werke in unserer Galerie.

Typisches Posterdesign von Uncle 3, in diesem Fall für seine eigene Ausstellung: Während der Zombie bereits den Bohrer anwirft, zeigt sich Chinas ehemaliger Staatspräsident Jiang Zemin rechts unten im Bild entsprechend „aufgeregt“.

 

Fein säuberlich sind die Werke in einer renommierten Galerie im Zentrum des „Ausländerviertels“ Sanlitun zu bestaunen.

 

Es ist nicht zu übersehen, dass das Herz des chinesischen Designers für deutschen Thrash schlägt.

 

Zombies beraten über eine verseuchte Erde: Die Bilder von Uncle 3 geizen nicht mit politischen Anspielungen.

 

Die zerstörte Umwelt ist immer wieder Thema von Uncle 3, hier hat sich ein kleiner Junge in eine verpestete Kanalisation verirrt.

 

Der tote Bräutigam mag zwar bei seiner Ansprache eine amerikanische Flagge in der Hand haben – für die Fabrik im Hintergrund stand jedoch die Stahlstadt Shougang im Westen von Beijing Modell.

 

Der Kapitalismus macht mit seinen Baggerarmen vor nichts Halt. Der Einfluss von Ed Repka (unter anderem Megadeth, Nuclear Assault) ist unübersehbar.

 

Uncle 3 ist auch ein sehr beliebter Gestalter von Plattencovern für chinesische Punk- und Metalbands. Hier das Cover der Band „Punisher“ aus Liaoning in Nordchina für ihr Album „Battle Of Grace“. 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.