Online-MegazineKolumne

Kein Taxi für Alcest in Beijing

Alcest

Üblicherweise wird man in Beijing mit Qualitäts-Konzerten jenseits des Ensiferum-/Amon-Amarth-Äquators nicht grade verwöhnt. Wenn es um ausländische Metalbands geht, spielen hier meist jene Acts, die im Rest der Welt schon bei jeder Tankstellen-Eröffnung dabei waren und sich langsam selbst ein wenig langweilen. Doch dann und wann geschehen auch hier kleine Wunder, und es passiert meistens völlig überraschend.

So auch an jenem schönen Tag Anfang Oktober, an dem ich eigentlich schon die Füße hochlegen will, als meine Frau einen routinierten Blick ins Internet wirft und plötzlich meint: „Heute spielt im 13-Club eine französische Band, die klingt ein bisschen so wie 'Almpest'. Kennst Du die?“. Füße also runter vom Tisch und noch mal nachgeschaut, und leck mich doch fett, spielen da doch tatsächlich die Schöngeist-Metaller von Alcest – und NIEMAND weiß etwas davon. Ein paar hektische Telefonate später steht fest: Die Meldung stimmt tatsächlich. Die Franzosen wurden für eines jener überambitionierten Festivals gebucht, die in China wie Unkraut aus dem Boden wachsen und dann im letzten Moment abgesagt werden. Die Leidtragenden sind in solchen Fällen immer die Bands, die mitunter auf ihren Flugkosten sitzenbleiben und im allgemeinen Chaos mit versinken.

AlcestAlcest machen jedoch das Beste aus der Situation und organisieren zwei Last-Minute-Konzerte in Beijing und Shanghai. Na dann nix wie los. Als wir nach einer Taxifahrt über Stock und Stein und rote Ampeln im 13-Club ankommen, ist der mit gut 150 Besuchern den Umständen entsprechend überraschend gut besucht. An der Abendkasse kosten die Karten 120 Yuan (zirka 15 Euro), auch einige T-Shirts, die im Handgepäck von Neige und Co. noch Platz hatten, werden um 100 Yuan (12 Euro) vercheckt. Ein Vorprogramm gibt es dankenswerterweise nicht, und so legen Alcest um halb neun mit ihrem Minihit 'Autres Temps' los. Die ersten Minuten lassen Schlimmes befürchten: Der Sound ist unterirdisch, und die vier Herren stehen so verdattert auf der Bühne wie Trappistenmönche auf Betriebsurlaub in der Ritze. Es scheint ihnen selbst bewusst zu sein, dass sich hier ein Debakel anbahnt – und so schalten sie mit dem zweiten Song 'Les Iris' auf Angriff. Irgendwie scheint jetzt auch der Soundmann sein Mischpult besser in den Griff zu bekommen, und auf einmal entfaltet die Musik jene verträumt-entrückte Wirkung, die diese Band in ihren besten Momenten auszeichnet. Neige macht einige Ansagen in drolligem Franzenglisch, die niemand versteht, die aber trotzdem abgefeiert werden, ansonsten ist es im Publikum während der Pausen geradezu beängstigend ruhig. Auch scheint es sich in China nach wie vor nicht herumgesprochen zu haben, dass man nach dem letzten Song um eine Zugabe klatscht – mit „Souvenirs d’un autre monde“ wird diese trotzdem noch charmant serviert. Dann ist leider nach knapp 80 Minuten viel zu früh Schluss.

AlcestNach dem Konzert zeigt sich die Band, die überraschend umgänglich und hemdsärmelig wirkt, auch zufrieden: „Wir sind froh, dass wir den Gig überhaupt spielen konnten, sonst wäre nach der Festival-Absage alles umsonst gewesen. Wir haben sehr viel improvisieren müssen und bis zum letzten Moment darum gekämpft, heute auftreten zu dürfen“, erklärt Neige, dessen Hals übrigens eine todschicke Pfauenfeder-Kette schmückt. Dass die chinesischen Fans während der Songs keine La-Ola-Schlachtgesänge anstimmen und stattdessen andächtig schweigen, stört ihn nicht: „Das passt ja auch besser zu unserer Musik. Für uns ist es nicht das erste Mal, dass wir in China spielen, wir haben das Land bereits im letzten Jahr mit 12 Konzerten intensiv bereist. Insofern waren wir jetzt nicht mehr überrascht.“ Auf die Frage, was ihn an China besonders gefallen würde, antwortet der Chef: „Es ist überwältigend, diese Kultur kennen zu lernen, in der alles anders ist: das Essen, das Verhalten der Menschen, die Landschaften und Städte. Normalerweise bekommst du auf Touren weltweit fast überall dasselbe – dasselbe Catering, dasselbe technische Equipment, alles sieht ähnlich aus, aber das hier ist wirklich eine völlig eigene Welt. Wir genießen es jedenfalls, wenn wir mal nicht zu McDonalds müssen, sondern so wie heute in einem echten mongolischen Restaurant lokale Spezialitäten zu probieren. In solchen Momenten macht das Reisen als Musiker wirklich Sinn.“ Bei dem Konzert in Beijing fällt jedenfalls auf, dass die Black-Metal-Anteile deutlich heruntergeschraubt wurden. Laut Neige soll es auf der nächsten Platte auch in der Tonart weitergehen: „Auf der nächsten Platte wird es überhaupt keinen Black Metal mehr geben, wir wollen uns dafür mehr auf die melodischen Aspekte von Alcest konzentrieren – denn sie sind es, die uns als Band meiner Meinung nach ausmachen.“ Sprach’s und stellt sich noch einer Autogrammstunde, bei der die Band jeden noch so abgedrehten Autogramm- und Fotowunsch („Could you please stick out your tounge for me?“) mit einer Engelsgeduld erfüllt. Ein paar Feierabendbierchen später ist die legendäre Toilette des 13-Clubs dann endgültig im Arsch, die letzten Fans wanken freudetrunken nach draußen – und wer steht dort? Alcest, die mit ihren Instrumenten im Arm ebenso verzweifelt wie erfolglos versuchen, ein Taxi anzuhalten. Der Weg zum Rockstar ist eben auch in China lang und beschwerlich.

Alcest

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website. 
Hier geht es zum ersten, zweiten und vierten Blogeintrag.

 

Pics: Wu Gang