Online-MegazineKolumne

Kannibalen mit vollen Hosen

Cannibal Corpse

Weil wir so jung nicht mehr zusammenkommen, gönnt sich das Painkiller-Magazin einmal pro Jahr eine fette Geburtstagsparty. Das „Painkiller-Fest“ des ersten chinesisch-sprachigen Metalmagazins ist 2012 bereits in seine zwölfte Runde gegangen und mittlerweile eine Institution.

Cultural Law EnforcementDas muss natürlich mit einem speziellen Headliner gefeiert werden, und kein Geringerer als die Death-Metal-Legende Cannibal Corpse hat die Ehre, Beijing das brutalste Konzert seiner 859-jährigen Hauptstadtgeschichte zu bescheren. Dass so etwas bei dieser Band nicht ganz komplikationslos verlaufen sollte, war eigentlich von vornherein klar. Zudem fällt das Konzert in die politisch heikle Zeit vor dem Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas, in der die ohnehin hochgradig nervösen Sicherheitsbeamten noch einmal eine Schippe drauflegen: Taxifahrer müssen ihre Fensterkurbeln abschrauben, da „subversive Kräfte“ möglicherweise mit Parolen beschriftete Tischtennisbälle aus dem Fahrzeug werfen könnten. Im chinesischen Internet wird seitdem darüber diskutiert, was passiert, wenn der Fahrer an Blähungen leidet. Auch das Steigen von Lenkdrachen sowie der Verkauf von Luftballons ist während des Parteitages verboten – keine günstigen Voraussetzungen also für ein Konzert einer „gefährlichen“ Band aus Amerika.

Als einige Tage vor dem Event auch noch eine anonyme Anzeige wegen  „Pornographie“ und „Gewaltverherrlichung“ hereinflattert, steht das Konzert endgültig auf der Kippe. Doch da Chinesen die ungekrönten Meister der Improvisation sind, lassen sich auch hier Mittel und Wege finden, um den Abend zu retten. Offiziell wird das Konzert zwar abgesagt, doch hinter den Kulissen mieten die Veranstalter kurzfristig eine Location in einem anderen Verwaltungsbezirk an, in der wenige Stunden zuvor noch eine Autovorstellung stattfindet. Egal, die Halle ist groß genug, die Technik einigermaßen akzeptabel, also kann’s losgehen. Die Kunde vom Location-Wechsel verbreitet sich via SMS und Weibo (dem chinesischen Twitter-Ersatz) wie ein Lauffeuer, und konspirativ werden Busse organisiert, welche die Besucher vom Stadtkern zum neuen Veranstaltungsort in der Nähe des vierten Rings schleusen. Um nicht unnötig die Aufmerksamkeit der Beamten zu erregen, treten Cannibal Corpse an diesem Abend gleich als erste Band an, und die chinesischen Bands Narakam, Hyonblud und Deathpact freuen sich wie die Schneekönige, die berühmten Amis quasi als „Vorband“ zu haben. Auf dem Programm hätten theoretisch auch noch Impiety gestanden, doch die Schwarzmetall-Horde aus Singapur schafft es aufgrund von Visa-Problemen gar nicht erst bis nach Peking.

Cannibal Corpse

Egal – die 800 Zuschauer, die aus ganz China und sogar der Mongolischen Republik angereist sind, kommen wegen Cannibal Corpse, und viele können ihr Glück kaum fassen, als sich die klassische Todeswindmühle endlich zu drehen beginnt. Mit 'Demented Aggression' vom aktuellen Album „Torture“ beginnen die Kannibalen die für sie typische Zerstörungsorgie und machen unmissverständlich klar, dass sie nicht gewillt sind, hier und heute irgendwelche Gefangenen zu machen. Dabei sind die Musiker spielerisch gar nicht in Bestform: Der Jetlag steckt ihnen ebenso in den Knochen wie der anstrengende Tourneeplan, und die mechanische Präzision, mit der sie ihr Publikum üblicherweise niedermetzeln, kommt teilweise ein wenig ins Stocken. Speziell Sorgenkind Paul Mazurkiewicz – abseits der Bühne der freundlichste Kannibale wo gibt – klöppelt der Attacke hörbar hinterher und hat mit den Blastbeats seine liebe Not. Es spricht jedoch für die Qualität der Band, dass sie auch an einem müden Abend den Laden kurzerhand zu Kleinholz macht. Das Publikum frisst ihr aus der Hand und verwandelt sich in kürzester Zeit in einen „Pit of Zombies“, der die Security bis zum Äußersten fordert. Diese darf sich zumindest über etwas Abkühlung von hinten freuen, denn auf der Bühne sorgt der Corpsegrinder mit seinem unglaublichen Propeller-Banging wieder mal für reichlich Wind. Der Mann ohne Hals ist einfach ein Phänomen: Abseits der Bühne bringt er zwar nur noch ein heiseres Röcheln heraus, dafür gibt er für die gut 80 Minuten-Show kompromisslos Vollgas und ist neben Bassvieh Alex Webster Dreh- und Angelpunkt einer Cannibal-Corpse-Show. Mit 'Hammer Smashed Face' und 'Stripped, Raped and Strangled' geben die Herren dem Publikum den Gnadenschuss, das nach dieser Breitseite benommen in den Seilen hängt und nur noch nach Hause zu Mutti will.

Kleine Randnotizen noch: Der berühmte (!) Gründer von Metalcon, René Pickhardt, fungiert an diesem Abend höchstpersönlich als Head of Security und macht seine Inkompetenz mit dem Tragen seiner schönsten Festtagsschuhe wett (siehe Foto). Außerdem gibt es vor dem Konzert noch eine Autogrammstunde, bei der eine kleine Mongolin die Inkompetenz besagter Security nutzt, um jedes Bandmitglied und insbesondere den Corpsegrinder ordentlich durchzuknuddeln. Außerdem kommt es im Rahmen des Meet&Greets noch zu einem rührenden Dialog zwischen Paul Mazurkiewicz und einem vor Aufregung zitternden Fan: „Jetzt mach Dich mal locker. Als ich das erste Mal Kerry King gesehen habe, habe ich mir auch fast in die Hosen geschissen.“ – „Aber ich habe mir gerade wirklich in die Hosen geschissen!“ Uuuh.

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten und vierten Blogeintrag.

 

Pics: Wu Gang