Online-MegazineKolumne

KREATOR

Jetzt schlägt’s 13

KREATOR

Das chinesische „Painkiller“-Magazin feiert seinen Geburtstag mit einer standesgemäßen Thrash-Party und lädt Kreator zu einem Gastspiel nach Beijing.  

Die Zahl 13 ist im metalhistorischen Kontext neben 666 gewissermaßen the neighbour of the beast. Oder, um es einfacher auszudrücken: voll wichtig eben. Bathory haben einst 13 Kerzen entzündet, den Backyard Babies reichten 13 Rotzrocker, um danach total abzusacken und selbst Black Sabbath widerstanden der Versuchung, ihr eigenes Denkmal im Namen der 13 zu demontieren. Für Chinas führendes Metalmagazin „Painkiller“ versteht es sich daher von selbst, dass der 13. Jahrestag gebührend gefeiert werden muss, und niemand anderer als die deutsche Thrash-Institution KREATOR wird in diesem Jahr für ein metallisches Geburtstagsständchen eingeladen. Das „Painkiller-Fest“ hat mittlerweile bereits Tradition, und im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, als die Veranstaltung mitunter wie ein konspiratives Treffen kurzfristig in eine Geheimlocation verlegt werden musste, läuft diesmal alles reibungslos ab. Es ist eben eine Glückszahl, diese 13.

SUFFOCATEDDer Besucherandrang hält sich in diesem Jahr mit 500 Bangern allerdings in Grenzen, was wohl in erster Linie auf das herbstliche Überangebot an Konzerten zurückzuführen sein dürfte. So macht ein vor dem Club abhängender chinesischer Fan seinem Unmut Luft, der zwar kein Geld für die Karte hat, aber wenigstens einen Blick auf seine Lieblinge erhaschen will: „Jahrelang war bei uns überhaupt nix los, und jetzt kommen sie alle auf einmal. Das billigste Ticket kostet heute Abend 220 Yuan (knapp 27 Euro), so viel gebe ich in einer Woche für Essen aus.“ Sprach’s und schaufelt sich eine Ladung Teigtaschen von der Nudelbude ums Eck in den Mund.

Zumindest die Lokalmatadore von SUFFOCATED dürfte er wohl noch öfter sehen. Die spielen zwar einmal mehr einen anständigen Gig, allerdings mehren sich die Zweifel, ob sie jemals den Sprung über die Grenzen Beijings schaffen werden. Lange Zeit wurden sie als Hoffnungsträger des chinesischen Thrashs gehandelt, allerdings lässt sich nicht mehr übersehen, dass sie kreativ und spieltechnisch auf der Stelle treten. Die Konkurrenz sitzt ihnen im Nacken, und wenn sie international noch etwas reißen wollen, müssen sie mehr liefern als das zuletzt erschienene Album „World of Confusion“ (2010). Zumindest ihrem größten Fan Kaiser Kuo ist das egal: Der ehemalige Chef von Chinas erfolgreichster Metalband Tang Dynasty stolpert wie ein beschwipster Tanzbär durch den Circlepit und landet irgendwann mit „Geile Band!“-Gebrüll und gereckten Fäusten auf dem Boden der Tatsachen.

FASTKILLUnd dann kommen, oh mein Gott, die Japaner von FASTKILL. Vor dem geistigen Auge regnet es Sushi von der Decke, eine Horde betrunkener Godzillas bewirft sich im Blutrausch mit „Hello Kitty“-Puppen, während eine Nähmaschine in Überschallgeschwindigkeit zerrissene Manga-Pornos zusammentackert. Niemand weiß, aus welcher Irrenanstalt die Herren aus Tokio ausgebrochen sind, aber dieses Überfallskommando wird man in Beijing lange nicht vergessen: Wie fünf Karnickel auf einer Überdosis Viagra rammeln sie sich ohne Unterlass durch irgendwelche Songs, die sich zwar beim besten Willen nicht voneinander unterscheiden lassen, aber schöne Titel wie 'Senseless Sadistic Souls', 'Total Thrashing Massacre' oder 'Infernal Thrashing Holocaust' tragen. Dazu windet sich der spindeldürre Sänger Toshio Komori unter extatischen Zuckungen, als hätte er zuvor ein Bad im Abklingbecken von Fukushima genommen. Das ist natürlich grober Unfug, aber dermaßen furios und ohne Rücksicht auf Verluste vorgetragen, dass sich selbst die Chinesen den Japanern an diesem Abend freiwillig ergeben. Widerstand zwecklos.

Nach diesem größten anzunehmenden Unsinn wird es jetzt aber ernst, denn KREATOR haben offensichtlich große Lust, mit ihrem zweiten China-Gig der Hauptstadt zu zeigen, wo der Hammer hängt. Beim Erstversuch 2010 musste die Band noch etwas improvisieren, doch diesmal gilt: „Beijing!!! Destroy this fucking city!!!“, wie es Mille in gewohnter Manier charmant-stumpfsinnig ausdrückt. KREATORÜberhaupt, man muss ihn einfach liebhaben: Da kann ihn der Jetlag noch so plagen und der Haarfön schmählich in Stich lassen, auf der Bühne gibt der Mann immer alles. Katzenbuckel an, 'Phantom Antichrist' her, Attacke los. Der Rest der Band steht dem in nichts nach, selbst Gitarrist Sami Yli-Sirniö zeigt sich für seine Verhältnisse geradezu übermotiviert, legt im Verlauf des Abends mindestens neun Meter zurück und schüttelt sein Haupthaar gezählte fünf Mal im Takt. Da soll noch jemand sagen, die Olympischen Spiele hätten nichts bewirkt in dieser Stadt…

Die Spielfreude ist der deutsch-finnischen Freundschaft jedenfalls doppelt anzurechnen, wenn man bedenkt, dass sie mittlerweile weltweit in weitaus größerem Rahmen aufzutreten pflegt. Doch es ist gerade dieses Club-Feeling in der engen Röhre des Yugong Yishan, das diesen KREATOR-Gig zu etwas Besonderem macht. Im Prinzip müsste Mille die Fans gar nicht extra dazu auffordern, sich gegenseitig umzubringen, denn die tun das sowieso und liefern sich eine Schlacht, die selbst für Beijinger Verhältnisse einigermaßen eskaliert. Die Setlist bietet mit den üblichen Klassikern keine Überraschungen, das ist aber erstens nicht schlecht und zweitens wollen die Chinesen sowieso nur das volle Brett. Am lautesten jubeln sie jedoch, als Mille ihnen verspricht, sie nicht wieder so lange warten zu lassen und bald wieder zu kommen.

 

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten und vierzehnten und fünfzehnten Blogeintrag.

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AbfahrplanDie nächsten Konzerte

KREATOR + VADER + DAGOBA16.01.2018CH-LausanneLes DocksTickets
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