Online-MegazineKolumne

Hotter than hell

Beijing Thug Life Brothers

Solltet ihr irgendwann einmal auf die an und für sich hervorragende Idee kommen, unsere schöne Hauptstadt Beijing zu besuchen – tut es nicht im Sommer! Denn schon in einem normalen Jahr herrschen hier Zustände, gegen die der sogenannte „Jahrhundertsommer“ in Europa wie ein Eisbärfurz wirkt.

EgoTemperaturen um die 40 Grad werden dann in China zum Dauerzustand und machen jeden einzelnen Tag zur Qual. Besonders schlimm hat es in diesem Sommer die Osthälfte des Landes erwischt, wo es sich Menschen zum Volkssport gemacht haben, auf den Bürgersteigen und Kanaldeckeln ihre Shrimps und Steaks zu brutzeln. Im Internet werden derzeit eifrig Rezepte für dieses Straßen-Teppanyaki ausgetauscht. Die U-Bahnstationen sind in Städten wie Hangzhou noch überfüllter als sonst, da die Menschen in Massen vor der Hitze flüchten und sich teilweise nackt auf die kühlenden Marmorplatten legen. In der Provinz Hunan verunglückte ein mit Fisch beladener LKW, worüber sich die lokale Dorfbevölkerung ausgesprochen freute – für den Rest der Woche stand gebratener Fisch auf dem Speiseplan, frisch gekocht von der Fahrbahn aufgelesen. Andere Gar-Phänomene sind hingegen weniger willkommen: Als eine Bekannte aus Shanghai letztens eine Packung Eier kaufen wollte, fand sie darin Küken, die sich gerade aus den aufgebrochenen Eierschalen herauspickten. Hatten die Sommerluft wohl mit einem Brutkasten verwechselt.

Zu behaupten, es wäre in Beijing vergleichsweise kühl, ginge wohl zu weit, da nicht einmal der tägliche, Monsun-artige Regenguss für Abkühlung sorgt. Daher ist man als Metaller für die aktuelle Konzertflaute direkt dankbar, denn was Konzerte im Hochsommer bedeuten, zeigt das Minifestival „Beijing Thug Life Brothers“, das unter dem schönen Motto „Back to Nu Metal – Hormone Rush“ an den Start geht. Neun Bands treten in dieser mörderischen Julinacht auf, wobei angesichts der Temperaturen eine schon zu viel gewesen wäre. Dass es bei einem Rockkonzert schon einmal warm wird, soll vorkommen, doch an diesem Abend herrschen im altehrwürdigen Yugong Yishan Club lebensfeindliche Bedingungen: Die Luft ist zum Schneiden dick, die Ausdünstungen hunderter verschwitzter Leiber mischen sich mit beißendem Zigarettenrauch und der Schweiß tropft als Kondenswasser von der Decke. Wer sich noch wundert, warum die meisten Fans nicht in der Halle sind und stattdessen völlig fertig vor dem Club auf dem Boden liegen, wird schnell eines Besseren belehrt: Es dauert keine drei Minuten, und das eigene T-Shirt ist bis auf die letzte Faser durchgeschwitzt.

Time MachineEs wird schnell klar, dass Musik in dieser Nacht nur eine Nebenrolle spielen wird. Die unseren Bloglesern bekannten Army of Jade Kirin quälen sich durch ihren Set und wirken mit ihrem zerronnenen Kajal ein bisschen wie ramponierte Pornopuppen, die frisch zerrupft aus der Sauna stolpern. Time Machine würden mit ihrem Nu Metalcore niemandem wehtun, in diesem Dampfgarer wird jedoch selbst dieser Gig lebensgefährlich. Es gibt derzeit in China wohl nur eine Band, die trotz dieser widrigen Umstände vollends überzeugen kann, und das sind Ego Fall, die aktuell heißeste Aktie des Fernen Ostens. Der Band eilen gewisse Vorschusslorbeeren voraus, weswegen nun auch die vorhin kollabierten Leichen zurück in die Halle kriechen. Tote auffe Tanzfläche, da war doch mal was…? Die Band nimmt die Steilvorlage an und bittet zu einem Zombie-Slam, der sich gewaschen hat. Mit einer rohen Energie, die ein bisschen an die frühen Neunziger-Touren von Stuck Mojo und Downset erinnert, fegt das Sextett über die Bühne und zerlegt nun das, was vom Publikum übrig ist. Körperteile fliegen durch die Luft, ein Zwei-Meter-Amerikaner dreht im Publikum wie ein außer Kontrolle geratener Kreisel durch, während auf dem glitschigen Fußboden mehr und mehr Tanzwütige wie Maikäfer aus der Gefahrenzone krabbeln. Und alle japsen nur noch nach Luft – bis auf Shouter Yu Chao, gemeinsam mit Keyboarder und Co-Sänger A Heicha der Aktivposten der Band. Die beiden brüllen sich ohne Rücksicht auf Verluste die Kehle aus dem Leib und scheinen mit irrer Mimik das ohnehin schon zerstörte Publikum regelrecht fressen zu wollen. Und im Gegensatz zum Gros ihrer chinesischen Mitbewerber haben Ego Fall auch Songs, die tatsächlich herausstechen und hängen bleiben. Klingen tut das wie melodiöser Bay-Area-Thrash mit dezenten, aber nicht aufdringlichen Core-Anleihen, wobei geisterhaft verfremdete Samples mit mongolischen Melodien für originelle Farbtupfer sorgen. Verbesserungspotenzial gibt es lediglich beim etwas eintönigen Brüllgesang, der jedoch live gut kommt, da Frontderwisch Yu das ohnehin schon hohe Energielevel noch einmal nach oben pusht. Nach knapp 40 Minuten und dem Bandhit „Spirit of Mongolia“ ist Gott sei Dank Schluss, und die Folgen des Wahnsinns sind unübersehbar. Am WC drängen sich verschwitzte Leiber gegen die Pissoirs, um dem endgültigen Hitzekollaps zu entgegen, und draußen lassen sich die auffallend vielen Mädels mit Bier abduschen, was zumindest für ein paar erfreuliche Anblicke sorgt.

Beijing Thug Life BrothersWer sich jetzt noch die Festival-Initiatoren Beijing Thug Life Brothers antut, muss entweder kompletter Masochist oder Randalica-Fan sein. Die Homeboys aus den Untiefen der Beijinger Hutong-Hinterhöfe haben sämtliche Familienmitglieder und Müllabfuhr-Mitarbeiter ihrer Neighbourhood eingeladen, die jetzt alle auf der Bühne stehen und über das harte Leben in der Steinzeit rappen. Das dürfte jedenfalls die Periode gewesen sein, in der Biohazard groß waren, was sich jedoch noch nicht in die fucking Hutong-Hinterhöfe von Beijing herumgesprochen hat, wo das Leben nach wie vor fucking hart ist. Da kann es schon passieren, dass ein rivalisierendes Nachbarschaftskomitee einmal in der Nacht vorbeischaut und um einen Grillanzünder für die Lammspießchen bittet. Fucking gefährlich. Da bleibt nichts anderes übrig, als vor den schwerstens zutätowierten Homies Reißaus zu nehmen und das groteske Schauspiel mit einem beherzten Sprung ins nächstbeste Fluchttaxi hinter sich zu lassen. Auch wenn um 1 Uhr in der Früh noch Chinas beste Live-Band Twisted Machine zum Tanz bitten sollte – an diesem Abend geht nichts mehr. Wie weit der Verfall fortgeschritten ist, zeigt ein Fan, der draußen auf dem Boden liegt und sich verzweifelt das Gemächt krault: „Helft mir! Ich hab mir zwischen den Songs dauernd Eiswürfel in die Hose gesteckt, weil ich die Hitze nicht mehr ausgehalten habe – aber jetzt spüre ich meine Eier nicht mehr!“ Hartgekochtes ist in diesem Sommer wie gesagt in Mode.

 

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten und elften Blogeintrag.
 
 
 
Pics: Wu Gang