Online-MegazineKolumne

AT THE GATES

Hinter den Toren Chinas

AT THE GATES

AT THE GATES mögen sich zwar im Krieg mit der Realität befinden, doch zumindest auf der Bühne läuft ihr Comeback einigermaßen rund – was sie auch im Reich der Mitte unter Beweis stellen.

12. Mai 1995: In der Münchner Charterhalle steht ein Headliner mit dem Namen Unleashed auf der Bühne, doch tatsächlich sollte an diesem Abend nur eine Band entfesselt auftrumpfen: AT THE GATES, und niemand, der dieses Konzert damals besucht hat, würde es jemals vergessen. Ein ausgemergelter Tompa Lindberg windet sich mit verfilzten Haaren am Mikrofon und schreit, als hätte er gerade ein Messer in den Bauch gerammt bekommen, während sich die Björler-Zwillinge im Hintergrund wie böse Zombies auf der Suche nach Fleisch bewegen. Man spürt, dass diese Band hart am Rande des Abgrunds taumelt, was der speziellen Magie dieser Nacht keineswegs schadet, im Gegenteil. Als Unleashed schließlich auf die Bretter gehen, ist der Club bereits ausgebombt, es gibt nichts mehr zu holen, da in der Stunde davor bereits Geschichte geschrieben wurde.

28. Juni 2008. Es sind ein paar Jahre ins Land gezogen, als AT THE GATES eines ihrer ausgewählten Comeback-Konzerte beim „Gods Of Metal“-Festival im italienischen Bologna spielen. Tompa Lindberg ist in der Zwischenzeit Lehrer für schwierige Fälle aus prekären Verhältnissen, die Björlers machen einstweilen etwas Ähnliches (sprich: sie spielen mit Peter Dolving bei The Haunted). Die Schweden sind an diesem Wochenende in der komfortablen Situation, dass zwischen gut eingeölten Edelboliden der Marke Iron Maiden, Slayer (die echten) und Meshuggah niemand etwas von ihnen erwartet. Tatsächlich ziehen sie sich achtbar aus der Affäre, auch wenn im Vergleich zu 1995 keine Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs mehr auf der Bühne stehen, sondern eine komplett andere Band: Tompa vermittelt den Eindruck, dass er sich seines Lebens und der Aufmerksamkeit des Publikums erfreut, während den Zwillingen hin und wieder sogar ein Lächeln rausrutscht. So hätte man die Legende gerne in Erinnerung behalten.

Bis AT THE GATES im Jahr 2014 ein neues Album veröffentlichen, das, sagen wir mal, nicht gänzlich unumstritten ist. Immerhin bringt die darauffolgende Tour die Schweden wieder nach Asien: „Wir spielen nach 2013 schon das zweite Mal in China, wir kannten das schon und wussten, dass die Konzerte hier von Painkiller (chinesisches Metalmagazin und umtriebige Konzertveranstalter) gut organisiert sind. Von dem her haben wir uns sehr auf diese Shows gefreut und hoffen, auch in Zukunft öfter kommen zu können“, sagt ein ausgeglichen wirkender Tomas „Tompa“ Lindberg im Backstagebereich des Yugong Yishan. Der Club hat schon allerlei Exzesse erlebt, bei AT THE GATES schlägt das Pendel hingegen in die andere Richtung aus: Veranstalter Yang muss für Tompa extra einen speziellen Pfefferminztee kaufen gehen, den dieser literweise in sich hineinkippt; die Björler-Brüder hängen währenddessen an der Wasserflasche und beschweren sich höchstens, wenn ihre VPN-Programme an der chinesischen Internet-Firewall zerschellen. „Die Zeiten haben sich geändert. Wir spielen heute wirklich nur noch, weil wir Freude daran haben und müssen den Druck nicht mehr mit Alkohol wegdröhnen, wie wir es früher getan haben. Konzerte zu geben ist heutzutage eher etwas wie Urlaub, eine Abenteuerfahrt mit den besten Freunden, um Gleichgesinnte auf der ganzen Welt zu treffen. In einem Land wie China zu spielen, ist dabei Teil der Faszination und auch ein Grund dafür, warum wir die Sache weitermachen.“

Dementsprechend reist die Band auch schon einen Tag früher an, um ein wenig Zeit für Sightseeing zu haben. Der Lama-Tempel steht ebenso auf dem Programm wie der Konfuzius-Tempel, während am Nachmittag der Erdaltar im Ditan-Park besucht wird: „Das sind alles sehr spirituelle Orte, von denen eine spezielle Atmosphäre ausgeht. Ich selber bin ja nicht religiös, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass solche Erlebnisse keinen Eindruck bei mir hinterlassen. Auf einer unterschwelligen Ebene haben sie durchaus auch einen Einfluss auf das Schreiben meiner Texte.“ Ihr wisst Bescheid, falls das nächste Ikea-Tod-Album mit einem chinesischen Intro um die Ecke kommen sollte. Apropos: Wie viele Leute haben der Band eigentlich gesagt, dass ihr letzter Wurf eventuell nicht als großer in die Historie eingehen wird? „Nun, ich würde sagen, zu 95 Prozent waren die Reaktionen positiv, wir waren auch sehr überrascht von den Verkaufszahlen, da wir etliche große Namen abhängen konnten. Sobald man eine Platte veröffentlicht, entzieht sie sich ohnehin unserer Kontrolle, wir können nicht wissen, welche Emotionen unsere Musik bei den jeweiligen Hörern hervorruft. Das ist auch nicht unsere Aufgabe, sondern wir müssen eine Arbeit abliefern, mit der wir selbst zufrieden sind – alles andere entscheidet sich dann da draußen.“

Da draußen in Beijing ist die Stimmung jedenfalls schon hervorragend, als die japanische Vorband NO LIMITED SPIRAL nach circa sechs Stunden Soundcheck auf die Bühne tritt. Ihre Grindcore-Variante von Children Of Bodom lässt sich nur deshalb ertragen, da die blondierte Tastenmaus hübsch anzusehen ist und Sänger Ren kultig-sinnentleerte Ansagen vom Stapel lässt, die sich ungefähr so übersetzen lassen: „Okay fuck China ist super, wir okay sind No Limited Spiral aus Japan. Okay, mögt ihr fuck Heavy Metal? Yeah fuck, und unser letztes Album okay heißt… (zur Keyboarderin) wie heißt das noch mal?“

AT THE GATES machen hingegen Ernst und starten mit irgendeinem Song vom neuen Album. Freunde, fragt mich nicht, welcher, es ist mir erstens wurst und zweitens hauen die Schweden als Wiedergutmachung sofort 'Slaughter Of The Soul' drauf. Now we’re talking. Die Band ist definitiv gut eingespielt und spürbar motiviert, Tompa tigert ständig mit seiner „Ich stech euch jetzt ab“-Mikrofonbewegung über die Bühne, während die Björlers trotz erschreckend bleicher Hautfarbe ziemlich fit wirken und ihrer Arbeit mit präziser Emotionalität nachgehen. Das Publikum hingegen ist bei Brechern wie 'Terminal Spirit Disease' oder 'Windows' außer Rand und Band, die vorderen Reihen lassen sich nur unter Lebensgefahr betreten, da sich ständig irgendwo ein neuer Circle-Pit austobt und Crowdsurfer vom Himmel fallen wie ansonsten nur die an Lungenkrebs erkrankten Tauben im Beijinger Dauersmog. „Ich bin 16 Stunden lang mit dem Zug aus Südchina angereist, alle meine Ersparnisse sind weg, ich weiß nicht einmal, wie ich jetzt den Arzt bezahlen soll – aber das hier ist der schönste Tag in meinem Leben“, sagt ein dünnes Kerlchen, das mit einer riesigen Platzwunde freudestrahlend aus dem Klo taumelt, während das Todesgeschwader vorne mit 'Blinded By Fear' gerade die erste Zugabe abfeuert. Die Reaktionen fallen enthusiastisch aus, sodass sich nach 90 Minuten trotz aller Widrigkeiten – neues Album hin, ein etwas schwachbrüstiger Tompa her – nur festhalten lässt: AT THE GATES sind wieder da, und das ist immer noch erfreulicher als eine Rückkehr von Ebola oder Mystic Circle.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

Pics: Wu Gang

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