Online-MegazineKolumne

Hellfest-Blog – Tag 3 - Mitten drin

Hellfest

Es ist wieder so weit: Unsere Rock-Hard-Delegation macht sich auf die Reise ins wunderschöne Clisson, um euch vom Hellfest zu berichten, das auch in diesem Jahr zweifelsohne das stärkste Festival-Billing in ganz Europa auffährt.

Hossa, da die letzten Bands immer bis 2 Uhr nachts spielen, kommen wir am Samstag vormittag zeitlich ein bisschen ins Schwimmen. Nachdem Text und Fotos fertig sind, bleibt bei mir keine Zeit mehr für eine Dusche. Da ich aber unbedingt GHOST BRIGADE sehen will, mache ich mich schon mal ohne die anderen auf dem Weg zum Gelände, wo ich pünktlich zu den ersten Klängen der Finnen eintreffe. Bei strahlendem Sonnenschein haut das Sextett dem Publikum vor der Mainstage 02 ihre Depri-Klassiker wie 'Into The Black Light' um die Ohren. Fronter Manne Ikonen zeigt sich ungewohnt glattrasiert, leidet aber gewohnt erstklassig durch die intensiven Kompositionen. Wachübergabe an Herrn Peters, ich muss erstmal duschen. (rb)

Hellfest_Dusche

Während sich Ronny den Freuden einer kalten Dusche hingibt (ohne Scheiß, unter selbiger könnte man bei diesen Temperaturen problemlos auch den halben Tag verbringen) und unsere Dolmetscherin Conny sich in der Schlange für die Faith-No-More-Pressekonferenz einreiht, um "ihrem" Mike Patton ein paar Fragen stellen zu können - ganz unverbindliche und für unsere Leserschaft WAHNSINNIG interessante Dinge wie "bist du Single" und "möchtest du mich heiraten" - treffe ich mich zum Interview mit ex-Guns-N'-Roses Gitarrero Slash. Die Gitarristenlegende hat es sich in der Garderobe bequem gemacht, trägt stilsicher Sonnenbrille und Zylinder und zupft während des Gesprächs fast durchgängig auf der Gitarre rum. Cooler Typ!

Faith No More PK

Im Anschluss ist es Zeit für eine der ersten Shows, die die BACKYARD BABIES nach ihrer mehrjährigen Pause spielen. Verlernt haben die Herren, die sich zwischenzeitlich diversen Solo- und Nebenprojekten gewidmet haben, selbstredend nix, und irgendwie ist es schon schade, dass so eine Truppe verhältnismäßig früh am Tag verheizt wird, denn im Publikum will noch nicht so richtig Stimmung aufkommen. Vielleicht schonen die Anwesenden aber auch nur ihre Kräfte für das, was anschließend auf der Mainstage 01 folgt.

Bei AIRBOURNE gibt es, ähnlich wie bei Motörhead am Vortag, erstmals massive Platzprobleme. Und nicht nur das: Mitten im zweiten Song verabschiedet sich die PA. Die Band nimmt's mit Humor und überbrückt die gut zehnminütige Zwangspause mit allerhand Albereien, wirft die eine oder andere Bierdose ins geduldig wartende Publikum und freut sich im Anschluss darüber, dass trotz der Panne tatsächlich kaum jemand in Richtung der anderen Stages abgewandert ist, auf denen Hellfest-typisch parallel ebenfalls was los ist. Kollege Küper weiß nach der Show gar wunderliches zu berichten: In den hinteren Publikumsreihen versucht Body-Count-Fronter Ice T persönlich, für schlanke fuffzehn Euro Caps seiner Band unters Volk zu bringen. Ob es der Langeweile oder akuter Geldnot geschuldet ist, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Die Show der frisch wiedervereinten Grunge-Ladies L7 nutze ich, um zu schauen, ob Kollege Bittner inzwischen wieder auf das Gelände zurückgekehrt ist, kann ihn aber nirgendwo finden. Entweder nimmt der Mann tatsächlich die ausgiebigste Dusche der Welt, oder er tut sich mal wieder "klammheimlich" an den verbliebenen Bieren in unserem Kühlschrank gut - beides sei ihm gegönnt. Conny ist inzwischen von der Pressekonferenz zurückgekehrt und grinst von einem Ohr zum anderen. Ob's daran liegt, dass sie Mr. Patton ihren Antrag tatsächlich unterschieben konnte, weiß freilich nur der liebe Gott - und der kann uns gerade keine Auskunft geben, denn er muss ja auf der Mainstage 01 den Sechssaiter schwingen: Vorhang auf für SLASH FEAT. MYLES KENNEDY AND THE CONSPIRATORS, die einen Wahnsinnsgig auf die Bretter legen und sich als echtes Tageshighlight entpuppen - findet auch der Bittner, der inzwischen wieder aufgetaucht ist. (jp)

Slash

Die Hitze plättet heute ziemlich, so sehr, dass ich eigentlich vor Sonnenuntergang nix trinken will. Bei einem kostenlosen Jägermeister im VIP-Bereich können Jens und ich dann aber doch nicht widerstehen. Mein Kollege hat danach direkt Blut geleckt und will mich zum Bier verpflichten, anstatt den weiten Weg zu BODY COUNT auf mich zu nehmen. Ich entscheide mich für BODY COUNT, stelle aber schnell fest, dass Bier trinken die bessere Option gewesen wäre. Die Band wurde auf die kleine Warzone-Bühne verfrachtet, an dessen Eingangsbereich so gut wie kein Durchkommen ist. Ich gebe nach zehn Minuten nervigem Geschiebe auf und sichere mir lieber schon mal einen Platz vor der Mainstage 01, die als nächstes für ZZ TOP reserviert ist.

Ronny und Jens

Die drei Texaner grooven sich mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit durch ihr Hit-gespicktes Set, wie sie es dabei mit dreifacher Kopfbedeckung (Bandana, Mütze UND Hut) bei der Hitze aushalten, bleibt ungeklärt. Leider ist der Bass ein Stück zu laut, weshalb es mich zwischendurch zum Valley-Zelt verschlägt, nur um festzustellen, dass ORANGE GOBLIN mit noch dröhnigerem Sound zu kämpfen haben. Naja, wenn ich schon mal hier bin, kann ich ja die nahe gelegene Fressmeile aufsuchen. Bei aller Schönheit des Festivals: Teile des kulinarischen Angebots sind eine überteuerte Vollkatastrophe. Wenigstens der Nutella-Crepes zum Nachtisch kann was.

ZZ Top

Bei FAITH NO MORE wird es dann 'Aggressive' und 'Epic', von 'Midlife Crisis' keine Spur: Den fünf Musikern ist mit „Sol Invictus“ ein gelungenes Comeback-Album geglückt, das auch eine erneute Welttournee rechtfertigt. Mit der weißen Bühnendeko hebt sich die Band dabei bewusst von allem Metal-Klischees ab, man wird allerdings das Gefühl nicht los, dass die Truppe die ironische Brechung braucht, um ihrer, zwischen allen Genres pendelnden Musik ein Gesicht zu geben. Am besten funktionieren live für mich die „A King For A Day...“-Songs, schön, dass das Quintett heute sogar den Mut besitzt eine Lärmorgie wie 'Cuckoo For Caca' einzubauen. Mike Patton beweist während 'Easy' mal wieder seine wahnwitzige Ader, als er von der Bühne springt, um mit einem Security sein Hemd zu tauschen. Verrückter Typ.

Faith No More

Jens Peters lockt mich derweil unter Vortäuschung falscher Tatsachen in den VIP-Bereich. „Während Faith No More gehe ich Bier trinken“, war seine Ansage. Als ich im VIP ankomme, sitzt mein Kollege hingegen im Pressezelt und hält ein Nickerchen. War wohl doch ziemlich anstrengend, dieses Interview mit Slash heute. Zu den SCORPIONS ist unser Glam-Rocker dann wieder fit. Noch fitter sind allerdings die SCORPIONS selbst. Dafür, dass die Band aus Angst vor Altersgebrechen schon einmal kurz davor war abzudanken, wirken die fünf Musiker erstaunlich agil. Dafür sind die Videoeinspieler von vorgestern und würden sich eher für eine Klingeltonwerbung als für eine Rockshow eignen.

Scorpions

Da der Band viel Zeit zur Verfügung steht, wird zu Anfang zweitklassiges Material verbraten, weshalb es mich dann doch recht schnell zu OBITUARY ins rappelvolle Altar-Zelt zieht. Richtige Entscheidung: Die Florida-Death-Metaller erweisen sich erneut als unschlagbare Live-Macht, die bei brillantem Sound neue „Inked In Blood“-Songs als auch alte Gassenhauer zelebrieren und sich – neben Slash – so zum meinem Tageshighlight emporspielen. Danach ziehe ich mir noch den Anfang von VENOM im Tempel-Zelt rein, ohne die große Pyro-Show macht mir das Ganze, trotz Cronos toller Bühnenpräsenz, aber nur halb so viel Spaß.

Außerdem will ich den Anfang von MARILYN MANSON nicht verpassen. Zwar stöhnt Jens anschließend, dass das ja „total miese Kacke“ war, ich hatte mich aufgrund der wechselhaften Live-Qualitäten des Amerikaners allerdings auf viel schlimmeres eingestellt. Musikalisch und stimmlich sitzt hier nämlich alles. Was Jens (und einigen anderen) negativ aufstößt, sind die langen Pausen zwischen den Songs und Mansons bedenklicher Zustand: Heute ist nicht nur die letzte Show der Tour, auch Twiggy hat Geburtstag, weshalb ein offensichtlich angetrunkener Manson das Publikum zu einem schiefen Geburtstagsständchen auffordert. Während der Lieder randaliert Manson immer wieder an dem Bühnenequipment rum, eine Marshall-Box wird mehrfach umgetreten, nur um einige Sekunden später von zwei Roadies wieder in Position gebracht zu werden. Eine Freak-Show mit System, die einem dennoch Unbehagen bereitet. (rb)

Marilyn Manson

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Pics: Björn Fehl