Online-MegazineKolumne

Hellfest-Blog – Tag 2 – Die Eröffnung

Hellfest

Es ist wieder so weit: Unsere Rock-Hard-Delegation macht sich auf die Reise ins wunderschöne Clisson, um euch vom Hellfest zu berichten, das auch in diesem Jahr zweifelsohne das stärkste Festival-Billing in ganz Europa auffährt.

Unseren ersten Morgen in Clisson nutzen wir für Einkäufe und eine kleine Besichtigungstour durch das wunderschöne Städtchen. Alle? Nun, alle bis auf Schnarchnase Peters, der mich nachts mit seiner Sägerei wach gehalten hat und nun bis in die Mittagsstunden den Schlaf der vermeintlich Gerechten schläft. Im Gegensatz zu Festivals wie Wacken, wo das Dorf unter der Überbevölkerung der Festivalbesucher fast zusammenzubrechen droht, finden sich in Clisson nur vereinzelte Hellfest-Gäste, die die angenehme Verschlafenheit des Ortes kaum stören. Und so haben sich die Bewohner und Stadt auch mit dem Hellfest arrangiert: Der Besuch der Burgruine ist während des Festivals gar kostenlos. Nach einem Mittagessen beim Italiener, bei dem die Bedienung stolz ein Hellfest-Shirt und einen etwas fragwürdigen Tattoo-Ärmel trägt, nehmen wir den zwanzigminütigen Fußmarsch zum Gelände auf uns. Beim Anblick der durch ein monströses Comic-Design zusammengehaltenen Mainstages läuft mir aufgrund der detailverliebten Gigantomie direkt eine Gänsehaut über den Körper. Während in Deutschland immer die reine Funktionalität im Vordergrund steht, zeigt sich auf dem gesamten Hellfest-Gelände, dass beim Design weder Kosten noch Mühen gescheut werden.

Ansonsten wirkt das Gelände aufgeräumter und besser durchdacht als im letzten Jahr, fiese Nadelöhre hat man entfernt und einige betonierte Hauptwege angelegt, auf denen man sich tatsächlich etwas schneller bewegen kann, da die meisten Besucher raffen, dass der Hauptweg kein idealer Ort zum Stehen oder Sitzen ist. Allgemein fällt auf, dass die Franzosen wesentlich zurückhaltender und kultivierter als deutsche Festivalbesucher agieren. Sinnloses „Helga“-Rumgebrülle oder dergleichen findet man hier nicht. Wenn man aus Versehen angerempelt wird, folgt sofort ein Entschuldigung, in Deutschland leider auch keine Selbstverständlichkeit mehr.

Auch die Zeltbühnen wurden vergrößert und haben einen Videoscreen spendiert bekommen. ORCHID zocken sich im Valley durch ihr doomiges Set und überzeugen mal wieder durch ihre unbändige Spielfreude und den besten Sound, den ich je in einem Festivalzelt gehört habe, während GODSMACK die Massen vor der Hauptbühne verzücken und VALLENFYRE die Extreme-Metal-Freunde im The Altar bedienen. Ja, ihr lest richtig, beim Hellfest werden immer drei der sechs Bühnen gleichzeitig bespielt, weshalb sich immer wieder (teils ungünstige) Überschneidungen ergeben. Man muss sich also entweder für eine Band entscheiden oder zwischendurch Bühnenhopping betreiben. Aber auch so fällt es schwer, den persönlichen Running-Order-Plan aufgrund des starken Angebots einzuhalten. So schaffe ich es nicht zu SODOM und den parallel spielenden HIGH ON FIRE, weil wir uns mit der französischen Rock-Hard-Delegation auf ein Bier treffen. Dafür sehe ich BILLY IDOL auf der Mainstage und kann kaum fassen, wie schwach sowohl Band als auch Billy klingen. Für uns – und da sind wir uns alle einig – die Enttäuschung des Tages.

Bei MOTÖRHEAD wird es dann erstmals etwas eng auf dem Gelände. In Anbetracht von Lemmys Gesundheitsproblemen will jeder die Legende hinter dem Rickenbacker-Bass noch einmal live sehen, bevor der Mann von der Bühne fällt. Auch wenn Lemmy in den Stimmbändern und seiner rechten Hand nicht mehr die Power von früher hat, muss man der Band eine starke Show attestieren, bei der auffällt, dass Phil Campbell sich mittlerweile mehr in den Vordergrund spielen darf und auch viel von der Interaktion mit dem Publikum übernimmt. Wenn Lemmy und er sich auf der Bühne über ihre Mikrofone unterhalten, hat das allerdings etwas von den Muppets-Charakteren Waldorf und Statler.

BLOODBATH dürfen passenderweise das „The Altar“-Zelt bespielen und machen blutbesudelt visuell einiges her. Nick Holmes zeigt sich agiler als bei Paradise Lost und scheint sich als Death-Metal-Growler recht wohl zu fühlen. Leider ist der Sound nicht so prall, weshalb es mich zum LAMB OF GOD-Gig auf der Mainstage 02 zieht. Das Richmond-Quintett hat (im Gegensatz zum Auftritt beim Forta Rock) einen Hammersound erwischt und so ist es Frontmann Randy Blythe ein leichtes, das Publikum durch das aggressive Set zu delegieren. (rb)

Was folgt, ist der absolute Wahnsinn: Wer ALICE COOPER schon mal live gesehen hat, der weiß, dass der Mann keine halben Sachen macht. Getreu dem Yngwie-Malmsteen-Motto "mehr ist mehr" startet der inzwischen (man glaubt es kaum) fast Siebzigjährige seine Show mit einem anständigen Funkenregen. Im Verlauf des Auftritts kommen außerdem eine Guillotine, ein Degen, diverse Klimperkettchen, übergroße Luftballons, Konfetti und nicht zuletzt ein riesiges Frankenstein-Monster zum Einsatz. Kollege Bittner verpasst all das freilich, weil er backstage lieber mit seinen Kumpels von Slipknot und Lamb Of God abhängt und sich anschließend "ganz erschöpft von der Hitze" auf "ein kurzes Nickerchen" ins Ferienhaus verabschiedet.

Und apropos Hitze: Pünktlich zu FIVE FINGER DEATH PUNCH haben sich die zuvor fast schon tropischen Temperaturen dann wirklich so weit eingepegelt, dass man die Show der Ami-Durchstarter bequem bei 'nem kühlen Bierchen genießen kann. Die Burschen legen zwar einen soliden Gig aufs Parkett, können gegen das, was drumherum spielt (vorher COOPER und hinterher JUDAS PRIEST) aber nicht wirklich anstinken.

Womit wir auch schon zur Überraschung des Tages kommen: Nach der unterirdischen Performance der britischen Heavy-Metal-Urgesteine auf dem Rock im Revier vor wenigen Wochen habe ich von der PRIEST-Show nicht besonders viel erwartet, aber was Halford und seine Mannen heute abliefern, kann sich absolut sehen und (natürlich viel wichtiger) hören lassen. Die Setlist ist nahezu perfekt, der Metal-God hervorragend bei Stimme, die Saiten-Fraktion so agil wie schon lange nicht mehr, und auch das Drumherum stimmt. Rock-Hard-Frankreich-Kollege Francois singt das komplette Set aus vollem Hals mit, Dolmetscherin Conny hüpft begeistert von einem Bein aufs andere, und unser Fotograf Björn krallt sich auch nach den ersten drei Songs irgendwo in der ersten Reihe an der Absperrung fest. Absolut geil - in dieser Form dürfen PRIEST gerne noch ein paar Jährchen weitermachen.

Pünktlich zu SLIPKNOT, die sich als Tagesabschluss anschicken, die Mainstage 02 nach allen Regeln der Kunst abzufackeln, ist dann auch unser Rönny wieder auf den Beinen. Die Iowa-Kids legen einen Gig auf die Bretter, an dem es objektiv nicht besonders viel zu meckern gibt - subjektiv lockt dann aber doch eher die Bar, an der nicht nur französisches Bier (pfui Spinne!), sondern auch Cidre (schon besser!) und Weißwein (now we're talking!) ausgeschenkt werden. Und beim Anblick des einen oder anderen Gogo-Girl-Mäuschens dürfte sich unser daheimgebliebener Chefred Boris "Cpt. Porno" Kaiser dann endgültig darüber ärgern, die Fahrt nach Clisson nicht doch mit angetreten zu haben. (jp)

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Pics: Björn Fehl