Online-MegazineKolumne

Feuer frei

Einst tobte in Europa der 30-jährige Krieg. Schlimme Sache. Doch das ist nichts gegen jenen 30-tägigen Krieg, der seit Jahr und Tag verlässlich über die Chinesen angesichts des Frühlingsfestes hereinbricht. Dieses wird auch „Chinese New Year“ genannt und ist das mit Abstand wichtigste Fest des Landes. Umgelegt auf europäische Verhältnisse wäre das so, als ob Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag zusammenfielen. Das chinesische Neujahrsfest wird – wie übrigens auch das Tết in Vietnam – am zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende gefeiert, also zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar. In diesem Jahr fällt es auf den 31. Jänner, und nach dem Jahr der Schlange steht das neue nun im Zeichen des Holz-Pferdes (für alle Year-Of-The-Goat-Fans:

Schon in den Tagen vor dem großen Ereignis befindet sich Peking im Ausnahmezustand: Die üblicherweise verstopften Autobahnen sind verdächtig leer, da alle nicht Lebensmüden zu ihren Familien aufs Land flüchten. Diametral entgegengesetzt nimmt die Intensität der Feuerwerke mit jedem Abend zu, was sich so anfühlt, als ob eine gewaltige Front stündlich näher rückt. An jeder Straßenecke stehen staatlich kommissionierte Feuerwerkshütten, die alles verkaufen, was das Herz eines Pyromanen erfreut: Panzer, Flugzeugträger, Stealth Bomber, Flammenwerfer, Raketen und Feuerwerksbatterien, die ausreichen würden, um ein Auto in die Luft zu sprengen. Das lassen sich die Pekinger auch einiges kosten, denn eine Box mit Munition für 12 Minuten kostet bis zu 2.000 Yuan (240 Euro, zum Vergleich: eine durchschnittliche Kellnerin verdient im Monat zirka 300-500 Yuan). Am Silvesterabend wird also locker das österreichische Landesverteidigungsbudget verballert.

Unbedarfte Peking-Touristen sollten sich an diesem Tag daher mit Schutzhelmen und kugelsicheren Westen eindecken. Ab Mitternacht bricht nämlich die Hölle los. Der CNN-Reporter, der einst in Bagdad voller Verzückung ob der Zerstörungskraft amerikanischer Bomben “Der Himmel ist erleuchtet!” ausrief, würde sich in dieser anarchischen Straßenschlacht wie zu Hause fühlen. Wobei die amerikanische Armee damals nicht einmal halb so betrunken und scharf bewaffnet gewesen sein dürfte. Raketen pfeifen kreuz und quer, horizontal und vertikal durch die Luft, Böller mit der Wucht von Artilleriekanonen hallen durch die Häuserschluchten, während aberwitzige Teppichkracher wie MG-Nester von allen Seiten auf ihre Opfer einprasseln. Die Behörden versuchen zwar seit einigen Jahren, dem Treiben angesichts der schlechten Luftqualität Einhalt zu gebieten.

Doch die Chinesen wollen mit dem Lärm ja eigentlich die bösen Dämonen vertreiben, und die sind schließlich gefährlicher als ein paar Rußpartikel in der ohnehin rauchgeschwängerten Luft. Sollte tatsächlich so ein Geist diesen Raketenhagel überstehen, müsste der mindestens so böse sein wie Papa Emeritus II. oder Oscar Dronjak.

Übertreibung? Keineswegs: 2009 brannte das Nachbargebäude des berühmten CCTV-„Faltturms“ nach illegalem Raketenbeschuss bis auf die Grundfesten ab. Die Asche regnete noch einen Kilometer entfernt zu Boden, während die Pekinger fröhlich weiter feierten und feuerten. Zitat eines Augenzeugen: „Das war das schönste Feuerwerk, das ich je gesehen habe!“

Im Folgenden die Top-11-Massenvernichtungswaffen der Kriegssaison 2014:

11. Ja, ich will!

Die ideale Allzweckwaffe für Brautwerber, die von ihrer Angebeteten nicht erhört werden. Nach wiederholten Detonationen zu je 140 Dezibel ist die Dame entweder taub oder sturmreif: Yes, I doom.

10. The Fast & The Furious

In der Filmreihe um Vin Diesel fliegen immer wieder mal ein paar schicke Autos in die Luft – und das ist der Stoff, mit dem sie in 1.000 Stücke gesprengt werden. Alternativ auch als Munition für eine Stalinorgel einsetzbar, falls es im Krieg mal wieder zu langsam geht.

9. Beijing Love Story

Gibt es etwas Schöneres, als sich unter einem vergifteten Himmel in die Arme zu nehmen und noch einmal zu küssen, während die Stadt im Hintergrund langsam in Flammen aufgeht? Es muss schließlich einen Grund geben, warum Metalbands das Wort „Fire“ so gerne mit „Desire“ reimen.

8. Flaming Lips

In Beijing brennen die Lippen oft, was meistens weniger mit Erotik als mit den Folgen eines gut gewürzten Hot Pots zu tun hat. Wer sich lieber die Finger verbrennt, ist mit diesem Flakmodell gut aufgehoben, das 30 Granaten aus den kirschrot leuchtenden Mündern abfeuert. Manche mögen’s eben heiß.

7. One Night in Houhai

Mit Houhai ist das Seenviertel im Zentrum der Stadt gemeint, wo das Herz des alten Peking schlägt – andererseits ist es an manchen Stellen auch eine lärmige Vergnügungsmeile, die ungefähr so grell leuchtet wie dieses hübsche Artilleriemodell. Nach erfolgtem Abschuss gibt‘s „smoke on the water“ als Draufgabe.

6. Der chinesische Traum

Seitdem der im letzten Jahr angetretene Staatspräsident Xi Jinping den „Chinesischen Traum“ als Leitmotiv seiner Amtszeit ausgegeben hat, träumt das ganze Volk offensichtlich kollektiv davon, lauter zu sein als der Rest der Welt. Wer nach Detonation dieser Haubitze noch schläft, ist vermutlich bereits tot.

5. Oh My Lady Gaga

Auch China geht mit der Zeit: Nachdem die politisch subversive Künstlerin Lady Gaga drei Jahre lang auf dem Index stand, haben die Zensoren Anfang 2014 den Bann gelockert, was nun gleich mit einem Feuerwerk gefeiert wird. Jetzt können die Chinesen nach Silvester sagen:
Wir haben die Gaga geknallt.

4. Das Grauen ohne Namen

Bei diesem Hinterlader-Modell gestaltet sich die Übersetzung etwas schwierig, mit etwas Fantasie würde es wohl „Die harte Nuss & Schock deinen kleinen Freund“ heißen. Mit der Feuerkraft einer mittleren Panzermine dürfte die Schockwirkung groß genug sein.

3. Ich bin ein Genie

Als Robert Oppenheimer die Wirkung seiner Atombombe erstmals mit eigenen Augen sah, bezeichnete er sich bestürzt als „Zerstörer der Welten“. Wenn ein gestandener Beijinger seine Stadt in Schutt und Asche legt, kennt der offensichtlich weniger Skrupel und merkt nur bescheiden an: „Ich bin ein Genie.“

2. Explodiere nicht, ich will Frieden!

Über den tieferen Sinn dieses Feuerwerks kann nur gerätselt werden. Soll vermutlich die Dualität des Lebens darstellen, so wie das „Peace“-Symbol an der Uniform von Joker in „Full Metal Jacket“.

1. Ich liebe die Diaoyu Inseln

Der uneingeschränkte Star des heurigen Massenvernichtungs-Ensembles. Die Diaoyu-Inseln sind eine unbewohnte Felsenformation, um die sich China mit Japan streitet. Jetzt machen die Chinesen offensichtlich ernst: Bis zur Auslöschung Japans ist es wohl nur noch eine Frage von Tagen, wenn das Frühlingsfest beginnt und der Feuersturm losbricht. Dann kann Japan nur noch Godzilla helfen.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
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