Online-MegazineKolumne

EPICA

Epische Reise

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Die fliegenden Holländer von EPICA beehren zum zweiten Mal das Reich der Mitte und stellen fest, dass die Verbotene Stadt trotz ihres Namens keineswegs verlassen ist.

Es sind geradezu aufreizend schöne Frühlingstage in Beijing. Nachdem die Stadt wochenlang unter einer deprimierenden Smogglocke gefangen lag, hatte der Westwind endlich ein Einsehen und fegte den Dunst beherzt nach Südkorea. Und während sich die Nachbarn über Gastgeschenke aus China freuen, stellen die Beijinger einstweilen verblüfft fest, dass der Himmel auch eine andere Farbe als grau haben kann. Neben ein paar verrückten Ausländern, die sich tatsächlich über die ungewohnten Sonnenstrahlen freuen, jubeln vor allem die Regenschirmverkäufer. Denn speziell für junge Chinesinnen gibt es nichts Schlimmeres als eine mehr oder weniger gesunde Gesichtsfarbe, welche die Noblesse verunstalten könnte. Denn nach chinesischer Logik haben nur Bauern eine dunklere Hautfärbung, da diese auf dem Feld arbeiten müssen, während die wohlhabende Stadtbevölkerung ein Leben im Schatten ihrer Luxusapartments führen kann. Bist du reich, bist du bleich, quasi.

So gesehen dürften Chinas Bleichgesichter angesichts Simone Simons makellosem Teint buchstäblich vor Neid erblassen. Die EPICA-Sängerin sitzt nach einem SightSeeing-Tag entspannt im Backstage-Bereich des Hauptstadtclubs Yugong Yishan - und wirkt abseits des Scheinwerferlichts tatsächlich noch ein wenig hübscher als auf Promo- und Livebildern. Die gesamte Band ist gut drauf und am Ende einer anstrengenden Asien-Tour in gelöster Stimmung: „Wir haben zuvor vier Termine in Australien absolviert, und vor zwei Tagen waren wir zum ersten Mal überhaupt in Hongkong. Das war spannend und hat auch gut funktioniert, das Publikum dort ist super mitgegangen. Es gibt uns als Band auch zusätzliche Motivation, wenn wir Territorien betreten dürfen, in denen wir zuvor noch nicht präsent waren“, lässt Simone die vergangene Woche Revue passieren.



Dabei denkt die Niederländerin an die letzte Asien-Tour vor drei Jahren durchaus mit gemischten Gefühlen zurück: „Das war für mich eine ganz spezielle Reise, denn ich war damals mit meinem ersten Kind schwanger. 2013 spielten wir Konzerte in Australien, Taiwan und China, da waren alleine schon die Flugdistanzen mörderisch. Für mich war das extrem anstrengend und ich fühlte mich ausgezehrt, so dass ich jede freie Minute nutzen musste, um mich ein wenig auszuruhen. Es war eine sehr spezielle Zeit, auf die ich rückblickend dennoch dankbar zurückblicke.“ Dementsprechend groß war die Vorfreude auf eine Rückkehr ins Reich der Mitte: „Auf diesen Trip haben wir uns im Vorfeld tatsächlich sehr gefreut, denn es ist schon sehr einzigartig und speziell, hier zu spielen. Es ist eine ganz eigene Kultur: Das Publikum selbst ist von der Mentalität her ziemlich reserviert, aber wenn sie sich freuen und Spaß haben, können sie auch richtig laut werden - auch wenn immer eine gewisse Distanz gewahrt bleibt. Trotzdem, es ist schon ein tolles Publikum hier!“

Wobei die Band in China allerdings nicht überall auf ungeteilte Gegenliebe gestoßen ist. Genau genommen ging das Sextett mit den Einheimischen ausgerechnet dort auf Tuchfühlung, wo doch per definitionem himmlischer Frieden herrschen müsste: „Wir waren heute in der Verbotenen Stadt, oder besser gesagt, wir haben es versucht. Egal, wo wir hinwollten, wir sind einfach überall von den Touristenmassen weggedrückt worden. Wenn die Chinesen ein Foto machen wollen, dann drängen sie dich einfach weg, obwohl sie mir teilweise ja nur bis zur Hälfte reichen! Ich habe dann irgendwann einmal dasselbe gemacht, denn sonst hätte ich überhaupt keine Chance gehabt, überhaupt ein Bild zu bekommen. Meinen Männern ging es da ganz gleich - obwohl die ziemlich groß sind, sind sie von dieser Touristenwalze einfach plattgemacht worden“, muss die Kampfamazone wider Willen lachen. Mit anderen lokalen Eigenheiten hat die Band jedenfalls mehr Freude, insbesondere beim Essen: „Ich stehe auf die asiatische Küche, wobei ich allerdings doch eher konservativ bin. Frühlingsrollen und Gerichte mit Hühnchen und Rind finde ich super, aber ausgefallenere Sachen wie Schlange und Skorpion muss ich jetzt nicht unbedingt haben. Da ist unser Schlagzeuger Ariën [van Weesenbeek] schon ein wenig mutiger, der hat sich heute auch einen frittierten Tintenfisch am Spieß gegönnt.“

Mahlzeit. Kommen wir abschließend noch auf das neue EPICA Album zu sprechen, das zum Zeitpunkt unseres Gesprächs fast fertig ist: „Wir nennen die Platte als Projektname derzeit ‚Epica Seven‘, ich muss nach dieser Tour noch zusammen mit Mark [Jansen, auch Gitarre] meinen Gesang aufnehmen. Wir haben also nur ein paar Tage Pause, dann geht es auch schon mit den Studioarbeiten weiter. Hoffentlich plagt uns der Jetlag nicht zu sehr (lacht). Mitte Mai müssen die Mixe und das Mastering fertig sein, die Veröffentlichung ist für Herbst anvisiert, wobei wir im Sommer noch für einige Festivals gebucht sind. Stilistisch würde ich unsere siebte Platte als größere Schwester von „The Quantum Enigma“ (2014) beschreiben - sie klingt für mich ziemlich brutal, hat allerdings auch viel Dynamik zu bieten. Chor und Orchester haben wir dieses Mal größer gemacht, es wurden mehr Instrumente live aufgenommen. Ich würde also sagen: bigger, better, EPICA!“

Was ließe sich bei so einem Schlusswort noch hinzufügen…?




Setlist EPICA, Beijing, Yugong Yishan, 25. März 2016

Originem
The Second Stone
The Essence Of Silence
Sensorium
Unleashed
Storm The Sorrow
The Obsessive Devotion
Chemical Insomnia
Quietus
Cry For The Moon
Victims of Contingency
Design Your Universe

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

Pics: Liu Jun

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