Online-MegazineKolumne

Empty Tankard

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Jeff Hannemann hat sich also zu Tode gesoffen, Al Jourgensen scheint kurz davor zu sein und mir geht’s auch schon ganz schlecht. Grund genug also, dem berühmt-berüchtigten International Beer Festival in Qingdao einen Besuch abzustatten.

In der ostchinesischen Hafenstadt findet jährlich im August das größte Bierfest Asiens statt; vier Millionen Menschen kippen dort in den zwei Wochen 40.000 Liter Bier – also circa so viel wie ein paar Metaller in drei Tagen Wacken. Nachdem der Durst in der langsam verglühenden Sommerhitze nach wie vor groß ist und vor allem, weil’s eh schon wurscht ist, scheuen wir trotz Kosten und Mühen nicht vor dem Unvermeidlichen zurück. Und so war das also:

12:36 Uhr: Ankunft am Flughafen von Qingdao. Die 600 Kilometer Luftlinie von Beijing vergehen nach nur vier Stunden Verspätung wie im Flug (ach? - Red.); für Unterhaltung an Bord sorgen eine 14-köpfige Reisegruppe aus Gansu, die während des gesamten Fluges irgendwelche Volksweisen vor sich hin jodelt, zwei Burschen aus Kanton, die sich trotz Nummerierung um einen Fensterplatz raufen und ein sturzbetrunkener Amerikaner, der sich bereits vor dem Abflug in den Schoß der besorgten Stewardess erbricht. 

13:03 Uhr: Taxifahrt zum Hotel. Qingdao ist eine überraschend schöne Stadt, womit sie im Klartext etwas weniger hässlich ist als andere chinesische Städte. Dafür sorgen die schicken Stahl-Spargeltürme in der Nähe des Yachthafens und die wilhelminischen Villen in der deutschen Altstadt. Ja richtig, deutsche Altstadt, denn Qingdao war ab 1897 dazu auserkoren, als Opfer deutscher Kolonialbestrebungen zu einer Art germanischem Hong Kong zu werden. Dort wohnten sie also am Bismarckberg oder am Moltke-Platz, Reisende stiegen im Hotel Prinz Heinrich ab und Heiratswillige ließen sich in der evangelischen Christuskirche trauen. Bis ausgerechnet die Japaner dem bösen Treiben ein Ende setzten und die Deutschen 1914 wieder nach Hause bombten.

14:15 Uhr: Die Taxifahrt zum Festival führt an der weltberühmten Tsingtao-Brauerei vorbei. Diese liegt strategisch günstig an einem Eck zwischen der „Bierstraße“ und der „Hochzeitstraße“. In ersterer reiht sich Kneipe an Spelunke, während wenige Meter weiter Schneider von Brautkleidern, Ringjuweliere sowie ein Hochzeitsamt auf ihre Opfer warten. Wer sich genügend Mut angetrunken hat, kann hier umgehend sein Schicksal bzw. den Bund fürs Leben besiegeln.

14:29 Uhr: Ankunft am Ort des Geschehens. Das Festivalgelände liegt in einer feschen Betonwüste und ist ebenso groß wie gähnend leer. Kellner in Kunstlederhosen blicken den herumirrenden Besuchern erschrocken hinterher und verstecken sich schnell in ihren überdimensionierten Bierzelten, während ein Luftballonverkäufer verzweifelt versucht, seine Ware an den Mann zu bringen. Das wird schwierig, denn auf seine zirka 50 Ballons kommen derzeit höchstens 20 Besucher.

14:34 Uhr: Auf diesen Schock wird es Zeit für das erste Bier, was dummerweise gleich für den nächsten Schock sorgt: Stolze 16 Euro kostet die Maß im Hofbräuhauszelt, die Karaffen der Hausmarke Tsingtao sind noch teurer. Daneben gibt es noch Angebote von so exotischen Biermarken wie Heineken und Carlsberg. Die sind zwar nicht billiger, machen das Festival aber weltmännisch und international.

15:01 Uhr: Ein als betrunkener Zivilist mehr oder weniger gut getarnter Straßenhändler vercheckt pisswarmes Dosenbier der Beijinger Hausmarke Yanjing. Das ist in der Höhle des Hauptrivalen Tsingtao nicht nur frech, sondern auch erheblich günstiger, weswegen wir ihm gleich seinen gesamten Bestand abkaufen. Gan bei!  

15:04 Uhr: Nachdem es nun endlich etwas zu trinken gibt, sei an dieser Stelle kurz die Bedeutung von „Gan bei!“ erklärt: Wörtlich übersetzt heißt der Spruch „das Glas trocknen“, also „Prost!“ oder noch besser „Ex!“, wobei das Rufzeichen obligat ist, da der Toast als Ultimatum zu verstehen ist: Bis auf den letzten Tropfen muss das Glas geleert sein. Geschieht dies nicht, führt dies zur sofortigen Aufkündigung der Freundschaft bzw. der eben geschlossenen Verträge; Widerstand zwecklos. Nach konservativen Schätzungen erschallt dieser Schlachtruf jährlich 16 Milliarden Mal irgendwo in China. Wie gerade eben jetzt.

15:45 Uhr: Das Gelände füllt sich langsam, eine Gruppe aufgeregter Touristen aus dem zentralchinesischen Wuhan läuft ziellos über das Areal und fotografiert alles, was nicht bei drei auf dem Maibaum ist. „Und das hier ist übrigens ein Ausländer“, brüllt die Führerin ins Megaphon und deutet mit dem Zeigefinger auf mich. Die Attraktionen sind eben eher rar gesät.

16:03 Uhr: Ein Highlight für sich sind jedoch die völlig durchgeknallten Lammspießchen-Verkäufer, die hinter ihren überdimensionierten Grills wie aufgezogen auf und ab hüpfen und das auf dem Rost brutzelnde Fleisch mit ihren Schweißtropfen veredeln. Während aus den Boxen südkoreanischer Techno-Pop plärrt, schreit ein Typ mit Osama-bin-Laden-Maske unentwegt „Lang lebe mein Lamm!“. Dieses sieht allerdings in Kebabform ziemlich tot aus. 

16:47 Uhr: Der Platz vor der „Tsingtao“-Hauptbühne wird voll: Vier halbnackte Hupfdohlen umkreisen dort einen Jüngling, der gerade Bier trinkt. Viel Bier. Mit jedem Schluck wird sein Blick glasiger und die Begeisterung der grölenden Zuschauer größer. Das erinnert ein bisschen an Manowar-Fans, die ihren Hofnarren zu Majonäse beim abendlichen Bier-Verschütten anfeuern. Im Gegensatz zu letzterem leert der 25-jährige Li Bao Cheng – so heißt der Typ – sein 1,5-Liter-Glas anstandslos in exakt 8,88 Sekunden (eine Glückszahl in China!), wobei das Bier tatsächlich im und nicht auf dem Bauch landet. Die anschließende 600-Milliliter-Flasche wird als Draufgabe in nicht minder beeindruckenden 6,4 Sekunden gezischt. Damit krönt sich Li eindeutig zum Bierkönig 2013. „Gan bei!“, rülpst er triumphierend ins Mikrofon.

17:16 Uhr: Tsingtao-Bier war übrigens lange Zeit das erfolgreichste Exportgut der Volksrepublik und ist gewissermaßen auch ein Erbstück der deutschen Kolonialvergangenheit: Nachdem die Eroberer selbst fern der Heimat nicht auf ihr Liebstes – das Bier – verzichten wollten, lehrten sie den Chinesen zuerst das Grauen und dann das Brauen. Schon 1903 nahm die „Germania Brauerei“ in der Hauptmann-Müller-Straße ihren Dienst auf; heute ist Tsingtao die zehntgrößte Bierbrauerei weltweit, mit einem Imperium von 52 Standorten in ganz China. Auch wird längst nicht mehr nach dem Reinheitsgebot mit Hopfen mit Malz gebraut, sondern mit Reis. Aufgrund des geringen Alkoholgehalts ist die größte Gefahr bei diesem Gebräu kein Leberschaden, sondern explodierende Bierflaschen, die auf der Liste der Beschwerden bei Chinas Konsumentenvereinigung jährlich ganz weit oben stehen.

18:05 Uhr: Mittlerweile ist es auf dem Gelände geradezu infernalisch laut. Statt einer zünftigen Blaskapelle geben in Qingdao Karaoke-Zelte den Ton an – und das bei einer Lautstärke, die jedes Motörhead-Konzert zu Kammermusik degradiert. Nur wenn es richtig krächzt und kracht, sodass man kein Wort mehr versteht, gibt der Gastgeber auch sein Bestes, und wer seine Musikanlage am meisten übersteuern kann, hat gewonnen. Wenn sich Frau Liu mit Herrn Wang dann beim chinesischen Mitgröl-Klassiker „Ich liebe Dich, wie die Maus den Reis“ duelliert, wackeln die Gläser im Takt und die Trommelfelle sehnen sich danach, im nächstbesten Bierfass ertränkt zu werden.

18:49 Uhr: Langsam werden nicht nur die Ohren taub, sondern auch der Magen leer. Eine Unterlage muss her, doch die gestaltet sich als wenig Oktoberfest-affin: Statt Grillhendln und Haxn gibt es getrockneten Tintenfisch, eingelegte Wachteleier und Tofuhäppchen. Obwohl das Zelt bestenfalls halbvoll ist, sind bereits sämtliche Tische und der Boden mit Gräten, Schalen und Knochen übersät, während das erschöpfte Personal die Bestellung nur noch Eis-lutschenderweise entgegennehmen kann.

19:33 Uhr: Ein weiterer Westler in Impaled-Nazarene-T-Shirt rennt völlig aufgelöst an uns vorbei in Richtung Ausgang und brüllt: „Ich halte den Lärm hier nicht mehr aus!“

19:45: Wenig später ergreifen wir selbst relativ nüchtern, dafür mit Telefonfreizeichen im Ohr die Flucht. Auf dem Heimweg torkelt uns noch Bierkönig Li Bao Cheng entgegen, der zwar ein Auto gewonnen hat, aber trotzdem unzufrieden ist: „Ein Japaner“ mault er, Nissan-Autoschlüssel in der linken, Bierkrug in der rechten Hand. Was er denn jetzt machen wird? „Ich fahr nach Hause, ich hab schließlich gerade ein Auto gewonnen.“ Gan bei!

 

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften und zwölften Blogeintrag.
 
 
 
Pics: Wu Gang