Online-MegazineKolumne

SWORN IRON

Einmal Afghanistan und zurück

Sowrn Iron

Deutsche Bands verschlägt es an immer exotischere Orte: Ausgedehnte Touren durch Russland und China sind keine Seltenheit mehr, auch Südamerika wird immer häufiger bereist. Eine Tournee durch Afghanistan jedoch ist schon eine Besonderheit. Zur Motivation lädt die Bundeswehr hin und wieder Künstler ein, vor den Truppen Konzerte zu spielen. So bekam auch die Metal-Band SWORN IRON diese Möglichkeit und zögerte keine Sekunde, den Trip ins Krisengebiet zu unternehmen, um den Soldaten einzuheizen.

So machte sich Mitte Dezember 2012 unsere siebenköpfige Gruppe auf den Weg ins Kriegsgebiet: SWORN IRON, bestehend aus Sänger und Gitarrist Robert, Bassist Gode und Schlagzeuger Saner, die Coverboyz und Technik-Verantwortlichen Allie und Alvaro, der Spanier, Bandfreund und -grafiker Thomas und ich.

Unsere Reise beginnt am Militärflughafen Köln-Wahn, wo wir ausschließlich auf uniformierte Menschen treffen. Ein Bild, das sich in den nächsten Tagen nicht großartig verändern soll. Das Flugzeug ist eine normale Airbus-Maschine. Diese bringt uns zunächst nach Usbekistan, genauer gesagt nach Termez. Hier landen erst einmal alle Soldaten und Zivilisten, die nach Afghanistan weiterreisen möchten, weil dort nur Flugzeuge mit gepanzertem Boden und Raketenabwehr fliegen dürfen. Die Soldaten selbst nennen Termez auch den ersten Schritt zurück in die Realität, denn hier sind zwar ebenfalls fast ausschließlich uniformierte Menschen unterwegs, allerdings sind die Lebensumstände einigermaßen normal: Es herrscht kein Krieg und die Soldaten dürfen sich unbewaffnet bewegen. Nach unserer Ankunft und einem wirklich guten Essen begeben wir uns in die Area 51. Das ist eine Art Kneipe mit Kickertischen, einer Bar und vielen Sitzgelegenheiten. Auch Filme werden hier gezeigt und am Ende unserer Reise soll hier ein Konzert stattfinden. Von einer richtigen Kneipe unterscheidet die Area 51 die Zwei-Bier-Regelung: Den Soldaten ist es erlaubt, pro Abend zwei Bier zu trinken, danach ist Schluss. Später am Abend beziehen wir in unsere Container. Diese sind zwar klein, aber mit bequemen Betten ausgestattet, sodass wir auch prompt bis mittags durchschlafen. Allerdings liegt zwischen Deutschland und Usbekistan eine Zeitverschiebung von vier Stunden, was bedeutet, dass wir eigentlich um 8 Uhr aufstehen. Noch scheint die Sonne bei sommerlichen 20 Grad, in den nächsten Tagen soll sich das Wetter aber beträchtlich ändern.

Nach dem Essen fliegen wir weiter mit einer Transall in Richtung Masar-i-Sharif. Im Cockpit des Fliegers sehe ich also das erste Mal Afghanistan und es ist fast, wie man es sich vorstellt: Wüste soweit das Auge reicht. Ich sehe die Brücke der Freundschaft und ein paar Dörfer von oben. Die Landung gestaltet sich recht wild; die Transall landet sehr steil, um vom Boden aus nicht zu gut sichtbar zu sein. So langsam wird klar, dass wir uns in einem Kriegsgebiet befinden.

Nach der Landung nehmen unsere neuen Betreuungsoffiziere uns in Empfang und zeigen uns das Camp. Rund 5.000 Soldaten verschiedenster Nationen sind hier stationiert. Die Soldaten leben in Containern und Zelten, es gibt Fitnesshallen, Basketballfelder und jede Menge Fahrzeuge aller Arten. Neben dem Ehrenhain befindet sich ein Local Market, auf dem Einheimische ihre Waren anbieten. Viele Afghanen arbeiten im Camp, allerdings ausschließlich die Männer. Von den Mauern des Camps aus ist entfernt ein Dorf zu sehen, auf den Straßen herrscht für ein Krisengebiet reger Betrieb. Einige Bereiche sind gesondert gesichert, über allem schwebt das sogenannte Evil Eye, eine Kamera, die sehr weit blicken und sehr deutliche Bilder liefern kann. Bei den Soldaten herrscht Waffenpflicht, Gebäude, in denen sich viele Menschen aufhalten, werden gesondert bewacht. Entgegen meiner Erwartung beschert es mir jedoch kein mulmiges Gefühl, so viele bewaffnete Menschen zu sehen. Im Zentrum des Camps befinden sich neben dem Essenssaal auch die Feldpost, eine Seelsorge und ein eckiger Komplex, in dem verschiedene Bars und Cafés untergebracht sind. Doch auch in Afghanistan gilt die Zwei-Bier-Regelung, Soldaten einiger anderer Nationen, wie zum Beispiel der Amerikaner, ist Alkohol gänzlich verboten. Für die Unterhaltung der Soldaten wird trotzdem so gut wie möglich gesorgt, so gibt es zum Beispiel ein Soldatenradio, bei dem sich die Soldaten Lieder wünschen und Grüße hinterlassen können. Die Radiostation befindet sich in Masar-i-Sharif und von hier wird im ganzen Land gesendet. Die Station ist unser Ziel für den Abend. Zunächst lassen wir uns die Radiostation zeigen, danach geben Sworn Iron ein Interview und stellen sich vor. Im Anschluss spielt Sänger und Gitarrist Robert noch ein Lied mit der Akustikgitarre ein als besonderen Gruß an die Soldaten.

Der nächste Tag beginnt für uns recht früh, schließlich muss die Badmintonhalle vom Sport- und Fitnessraum in einen Konzertsaal umgebaut werden. Mit Hilfe afghanischer Arbeiter räumen wir die Halle leer und beginnen mit dem Bühnenaufbau. Aus dem Nichts steht innerhalb weniger Stunden eine voll ausgestattete Bühne in der Badmintonhalle: Boxen, Licht und Mischpult sind platziert, die Instrumente gestimmt und der Soundcheck abgeschlossen. Der Abend kann kommen, aber erst mal veranstalten Sworn Iron ein kleines Fotoshooting. Als Highlight stellt sich einer der Soldaten dazu und post mit seinem Gewehr, als sei es eine Gitarre.

Am Abend füllt sich die Halle zunächst nur langsam. Erst die ersten Töne der Vorgruppe Coverboyz lockt allmählich mehr und mehr Besucher an. Trotzdem ist in der Badmintonhalle noch reichlich Platz, die Soldaten verlassen zwischendurch aber auch immer mal wieder den Saal, sodass kaum abschätzbar ist, wie viele Zuschauer sich das Konzert ansehen. Die Coverboys, zu denen auch zwei Mitglieder von Sworn Iron zählen, bieten rockige Evergreens dar, von denen vor allem 'Seven Nation Army', 'Born To Be Wild' und 'Highway To Hell' gut ankommen. Zwar sind die Musiker noch nicht ganz aufeinander abgestimmt und es schleichen sich hier und da Fehler ein, die Soldaten stören sich daran jedoch nicht und feiern gern mit. Vor allem die Lichtshow mit LED-Teppich kann sich sehen lassen und setzt die Band sehr gut in Szene. Als Abschluss legen die Coverboyz noch 'La Bamba' mit Alvaro am Mikro aufs Parkett.

Nachdem die Soldaten etwas aufgeheizt sind, starten SWORN IRON ihren Auftritt mit 'White Swan' und der Bandhymne 'Sworn Iron'. Das Publikum findet sich schnell ein und wippt im Takt mit. Das Trio ist weitaus besser eingespielt als die Coverboyz und bringt mit 'Dark City' und 'Dust My Doom' eingängige, rockige Titel. Vor dem doomig angehauchten 'I Bleed Black' stellt sich Bassist Gode ans Mikro und warnt die Zuschauer vor: „Es wird düster! Düster! Böse! Angst!“ Die Soldaten nehmen es mit Humor. Zum Ende des Konzertes hin leert sich die Badmintonhalle etwas – am nächsten Tag klingelt der Wecker schließlich wieder früh. SWORN IRON bringen mit 'Hey Joe' noch eine Zugabe. Ein paar Soldaten helfen anschließend beim Bühnenabbau. Das Equipment muss komplett verpackt werden, denn am nächsten Tag geht die Reise weiter nach Kunduz. Hinterher begeben wir uns noch zu einer kleinen Aftershowparty, die einige erst spät verlassen.

Entsprechend geschlaucht sind wir am nächsten Morgen. Im wahrsten Sinne des Wortes erschwerend kommt unsere neue Reisebekleidung hinzu: Auf Flügen innerhalb von Afghanistan ist es Pflicht, Helm und Schutzweste zu tragen – letztere bringt einige Kilos auf die Waage. Diese Sicherheitsvorkehrung ist notwendig, damit im Falle einer Notlandung alle Passagiere gegen mögliche Angriffe geschützt sind. Der knapp halbstündige Flug im hinteren Teil des Flugzeuges gestaltet sich recht langweilig: Ein Fenster zum Hinausschauen gibt es nicht, zum Unterhalten ist es zu laut und von den Flugmanövern bekommen wir hier wenig mit. Nach der Landung fahren wir ein paar Minuten in einem Panzerwagen – die Straße führt ein Stück weit durch ungesichertes Gebiet. Doch auch hier sehen wir nichts, denn das Fahrzeug hat keine Fenster. In Kunduz erwartet uns dann ein Militärcamp, wie man es sich vorstellt: Es ist staubig, grau und stinkt. Hier sind überwiegend Deutsche, Niederländer und Belgier stationiert. Die Unterkunft der Niederländer ist sofort durch die davor stehenden Fahrräder zu identifizieren. Kunduz ist mit etwa 1000 Soldaten weitaus kleiner als Masar-i-Sharif. Wie in Termez gibt es hier eine Art Café als Aufenthaltsort. Dieses wird Lummerland genannt, an der Wand ist ein Bild von Jim Knopf und Lucas, dem Lokomotivführer. Der Bereich vor der Tür wird als Bahnhof beschildert und das Fahrzeug der Betreuer ist liebevoll Emma getauft. Außer den Soldaten sind hier auch einige Polizisten untergebracht, die außerhalb des Camps die Afghanen ausbilden. Wir lassen den Abend im Lummerland ausklingen, um am nächsten Tag wieder recht früh das Equipment aufzubauen.

Dieses Mal findet das Konzert draußen statt, die Holzbühne steht allerdings schon. Aufgrund der Größe verzichtet die Band auf einen Teil der Beleuchtung, dafür wird ein Heizschlauch ausgerollt – nachts sind auch in Afghanistan Minusgrade. In Kunduz ist vergleichsweise mehr los als beim Auftritt vor zwei Tagen. Schon bei den Coverboyz, die an diesem Tag weitaus besser aufeinander abgestimmt sind, kommen sie dicht vor die Bühne und bewegen sich zur Musik. Auch hier ist 'Seven Nation Army' der Hit der Stunde, aber auch die anderen Cover werden bestens angenommen. Beim Auftritt von SWORN IRON bildet sich sogar ein kleiner Pogo, die Soldaten genießen den Abend sichtlich und feiern zu 'White Swan', 'Jungle Rain' und 'I Bleed Black', zu dem Gode wieder seine Ansage macht. Am Ende hat das Publikum nach den beiden Zugaben 'Hey Joe' und 'White Swan' immer noch nicht genug, sodass SWORN IRON noch einmal ihre Bandhymne spielen. Danach wollen die Soldaten sie eigentlich immer noch nicht von der Bühne lassen, dennoch ist Schluss. Nach dem Konzert werden sie in etliche Gespräche verwickelt. Einer der Soldaten setzt sich sogar ans Schlagzeug und spielt. Der anschließende Abbau geht durch die vielen freiwilligen Helfer besonders schnell – ein rundum gelungener Abend, der mit einer gemütlichen Aftershowparty im Lummerland abschließt.

Am nächsten Tag gewähren uns die Betreuer ein spätes Frühstück, um uns anschließend einige Panzer zu zeigen. Unser Panzerexperte ist ein Soldat, wie er im Buche steht: groß und muskulös. Jeder von uns darf mal Platz nehmen in einem der Fahrzeuge, eine Runde drehen können wir leider nicht. Bereitwillig erklären uns die Soldaten die Funktionen der Bedieneinheiten und erzählen von Übungseinsätzen. Weil der Tag als Ruhetag angesetzt ist, verbringen wir die nächsten Stunden im Bett, im Fitnessstudio oder im Lummerland. Mehrmals werden SWORN IRON auf ihren Auftritt angesprochen. Am Abend bestimmt König Fußball das Programm, bevor wir früh ins Bett gehen.

Für den folgenden Tag ist ein straffen Programm angesetzt: Flug nach Masar-i-Sharif, von dort weiter nach Termez, Aufbau des Equipments und Konzert. Doch soweit kommen wir gar nicht – nach unserem ersten Flug ist Schluss. Die Sichtverhältnisse sind zu schlecht für den Weiterflug und wir müssen eine weitere Nacht in Afghanistan verbringen. Weil kein Container für uns eingeplant ist, werden wir im Zelt untergebracht. Unser verlängerter Aufenthalt führt dazu, dass wir kurz dem Bundespräsidenten Joachim Gauck begegnen, der just an diesem Tag zu Besuch ist. Sprechen können wir allerdings nicht mit ihm. Wir verbringen den Abend in einer der Bars, um später eine wenig spektakuläre Nacht im Zelt zu verbringen.

Der Weiterflug am nächsten Tag verzögert sich zwar immer wieder, letztlich kommen wir aber doch zusammen mit dem ungarischen Präsidenten in Termez an. Leider nimmt dieser gleich unser Gepäck mit, sodass die Band zwar ihr Equipment hat, aber keine Klamotten zum Wechseln. Ein Nachholen des Konzertes ist wegen unserer späten Ankunft ohnehin nicht möglich, Robert spielt jedoch ein paar Lieder auf der Akustikgitarre und singt dazu. Die Soldaten nehmen das gern an. Nach einer weiteren Nacht brechen wir wieder mit dem Airbus nach Deutschland auf. Unser Abenteuer in Afghanistan ist schon wieder vorbei. Wir haben viele großartige Erinnerungen mitgenommen und die Band hoffentlich positive Spuren bei den Soldaten hinterlassen. Glücklich und auch ein wenig müde kehren wir heim von einer Tournee der etwas anderen Art.

 

Pics: Pia Kim Schaper