Online-MegazineKolumne

MASERATI

Ein Maserati groovt durch Asien

MASERATI

Mit MASERATI macht einer der schnittigsten Postrock-Boliden überhaupt eine ausgedehnte Spritztour durch ganz China – inklusive Boxenstopp in Beijing.

Es ist wirklich zum Mäusemelken: Gibt man in der Suchmaske des Rock-Hard-Archivs den Begriff „Maserati“ ein, erhält man sage und schreibe null (in Zahlen: 0) Treffer. Das ist eigentlich ein Skandal, denn die Postrock-Wundertüte aus Athens (Georgia) hat bis jetzt vielleicht kein schweres Metall, dafür jedoch pures Gold ausgespuckt: Sämtliche ihrer bislang drei Studioalben („Inventions For The New Season“, „Pyramid Of The Sun“, „Maserati VII“) sowie die EP „Passages“ sind lupenreine 9,5-Punkte-Geschosse, denen jeweils nicht viel zur Höchstnote gefehlt hätte. Höchste Zeit also, die Band endlich in einem angemessenen Rahmen zu würdigen, und wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, kommen MASERATI eben nach China zur Rock-Hard-Außenstelle Beijing.

Der Weg dorthin ist allerdings ein steiniger, denn die Ochsentour führt die vier Herren wie ein Bumerang einmal quer durch Asien und retour: Ausgehend von Hongkong geht es Richtung Norden über Taiwan nach Hangzhou zur Hauptstadt und dann wieder hinunter in den Glutofen Wuhan bis in die Südmetropolen Guangzhou und Shenzhen. Das sind 4.500 Kilometer Luftlinie in zehn Tagen, die die Band zu einem Gutteil mit dem Zug zurücklegt: „Ich habe mit meiner Gitarre in der Koje geschlafen. Das ist eben wahre Liebe“, grinst Gitarrist Coley Dennis, der wie seine Kollegen trotz der Strapazen bester Dinge ist. Dass die Tour eher suboptimal organisiert und trotz der wahnwitzigen Distanzen kaum beworben wurde, sehen die Jungs ebenfalls erstaunlich locker: „Mein Gott, das sind junge Burschen, die erst lernen müssen, dafür bringen sie extrem viel Enthusiasmus mit“, nimmt der zweite Gitarrist Matt Cherry – im Zivilberuf übrigens Architekt – das Promoterteam in Schutz. Enthusiastisch ist jedoch vor allem die Band selbst. Insbesondere Drummer A.E. Paterra kriegt sich gar nicht mehr ein: „Dude, ich kann hier in China herumreisen, lauter tolle Sachen essen und werde dafür auch noch bezahlt! Wie geil ist das denn? Wir haben hier schon alles ausprobiert, rohe Schnecken, Tintenfisch, Schafshoden – total super, Mann! Aber weißt Du, was am besten ist? Hier kann man Bier auf der Straße trinken“, strahlt der Mann übers ganze Gesicht – zu derartigen Emotionen sind wohl nur Amerikaner fähig. Während wir vom Mao-Livehouse durch die Altstadt zum Trommelturm schlendern, um ein paar Fotos zu machen, darf natürlich auch ein Stopp in Beijings Stahlhochburg „666“ nicht fehlen, wo umgehend die Vinyl-Abteilung geplündert wird: „Wir sind zwar musikalisch gesehen keine Metalband, hören aber viel altes Zeug wie Iron Maiden, Rush und Slayer“, erklärt Cody und staubt umgehend die chinesische Version von „Show No Mercy“ ab.

Keine Gnade zeigen MASERATI wenig später im Mao Live House, das zwar erwartungsgemäß eher schütter gefüllt ist, aber immerhin findet sich eine geschmackssichere Hundertschaft ein, darunter auffallend viele hübsche Mädels. Das passt, denn so unscheinbar sich die Band optisch auch geben mag, so sexy ist ihre Musik: Food for thought and food for feet eben. Zwei der stärksten Brecher geben den Startschuss für ein hinreißendes Konzert: 'Inventions' wird in seiner ganzen epischen Breite ausgewalzt, während die Groove-Granate 'Monoliths' direkt in Beine, Hüften und Fortpflanzungsorgane fährt. Wer hier noch stillsteht, hat keine mehr. Dabei passiert auf der Bühne relativ wenig: Das Gitarrengespann Coley und Matt steht andächtig an den Seiten und staunt offensichtlich darüber, in welche Galaxie es sich jetzt schon wieder verdudelt hat. Der eigentliche Frontmann ist daher Drummer A.E. Paterra, der genau so aussieht wie Zach Galifianakis aus der „Hangover“-Trilogie und ebenso abgedreht auf sein Schlagzeug eindrischt. Jeder Schlag wird von einem irren Mienenspiel begleitet, und jeder Schlag ist so hart, dass den Zuschauern ständig absplitternde Drumsticks um die Ohren pfeifen. Fotografieren bei einem Maserati-Konzert kommt somit einer Kriegsberichterstattung gleich. Es ist Bassist Chris McNeal zu verdanken, dass der Gig nicht völlig aus dem Ruder läuft: Der Mann ist schlichtweg Weltklasse und hält das sexy schlingernde Schiff mit einem bombensicheren Groove-Teppich auf Kurs. Es ist ironischerweise gerade diese Unperfektheit, die dem Live-Sound der Band eine zusätzliche, organisch-lebendige Dimension verleiht. Das gilt auch für einen brandneuen Song, der an diesem Abend vorgestellt wird und mit einem zackigen Marschrhythmus nach vorne prescht. Herrlich – wie überhaupt die gesamten viel zu kurzen 70 Minuten, die sich anfühlen wie Sex mit einem kosmischen Tintenfisch, der dich in 10.000 Metern Tiefe mit fluoreszierenden Fangarmen ordentlich durchorgelt. Muss man erlebt haben, so was.

 

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Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

Pics: Wu Gang