Online-MegazineKolumne

KREATOR

Dunkle Geschichten im Fernen Osten

KREATOR

Vor dem KREATOR-Gastspiel in Beijing gewährt Mille dem Rock Hard eine kleine Audienz und plaudert über Fernreisen, Politik und die Zerstörung. 

Es ist drei Uhr am Nachmittag in irgendeiner Hotellobby in Beijing – und Mille hängt in den Seilen wie nach einer gemeinsamen Nacht mit den Klitschko-Brüdern: »Ich habe eigentlich viel zu viel geschlafen, aber ich stecke den Jetlag nicht mehr so gut weg wie in früheren Jahren. Die anderen Jungs waren heute Vormittag in der Verbotenen Stadt – die hätte ich mir auch gerne angeschaut, aber mir ist mein Schlaf einfach wichtiger«, entschuldigt sich das Szene-Urgestein für seinen wenig heldenhaften Zustand. Wenige Stunden später ist der Mann wie ausgewechselt und spielt mit Kreator ein Konzert, dem die Band im Vorfeld mit besonderer Spannung entgegengeblickt hat:

Mille: »Es ist immer noch etwas Besonderes, hier in China zu spielen. Es ist ja unser erstes richtiges Konzert hier, obwohl wir 2010 schon einmal in Beijing waren. Das war jedoch in einem kleineren Rahmen und ziemlich chaotisch; wir kamen gerade aus Russland und sind im Anschluss nach Südamerika weitergeflogen. Das heißt, es haben uns ein paar Crewmitglieder gefehlt und wir mussten an allen Ecken und Enden improvisieren, aber irgendwie hat das auch geklappt und im Endeffekt war es ein super Konzert.«

Mittlerweile sind Konzerte westlicher Metalbands in China keine Seltenheit mehr – wird das Land bzw. Asien im Allgemeinen zu einem neuen Tourstandard, nachdem die bisherigen Märkte wie Europa und Amerika weitgehend abgegrast sind?

Mille: »Es scheint so zu sein. Ich habe auch gehört, dass hier in den letzten Jahren mehr Metalkonzerte stattfinden – was ja prinzipiell gut ist, das kann der Szene nur nützen. Natürlich kommt es dann vor, dass Bands zu oft kommen und zu viele Konzerte stattfinden, aber das ist ja immer so. Ich mag nur das Wort „Märkte“ nicht so gerne, das hört sich immer so an wie ein Geschäftsstand, dabei geht es ja eigentlich um Musik.«

Inwiefern hat sich die Situation in China seit eurem ersten Besuch aus Deiner Sicht geändert?

Mille: »Nun ja, 2010 habe ich gar nichts gesehen, dieses Mal ein kleines bisschen, und zwar den Weg zum Restaurant gestern (lacht). Ich kann das also nur schwer beurteilen, aber ich vergleiche die Situation für Musiker jetzt einmal mit Russland: Wir sind 1993 zum ersten Mal nach Moskau geflogen, damals war das noch unglaublich exotisch. Dieses Mal haben wir Anfang des Jahres eine vierwöchige Tour durch Russland gespielt, in Städten, von denen ich überhaupt nicht gewusst habe, dass sie existieren. Das war wirklich Neuland für uns, und ich glaube, eines Tages wird es möglich sein, in China ebenfalls mehrere Konzerte zu spielen. Mit der Öffnung tut sich in kultureller Hinsicht sehr viel, auch wenn mir Yang (Yu, Chef des Painkiller-Magazins und Konzertveranstalter) gestern erzählt hat, dass es immer noch eine Dominanz der chinesischen Kultur gibt. Langsam aber sicher setzt sich auch Metal durch, das Midi-Festival ist hier ein gutes Beispiel.«

Wart ihr eigentlich überrascht, dass eine Band wie KREATOR trotz Songtiteln wie 'Destroy What Destroys You“ oder 'Violent Revolution' in China offensichtlich ohne gröbere Probleme spielen kann?

Mille: »Wir haben vorher dunkle Geschichten gehört über Texte, die geprüft werden und ein Komitee, das darüber entscheidet, ob deine Band jetzt kommen darf oder nicht. Das sind alles ziemlich apokalyptische Visionen, mit denen man sich eigentlich gar nicht so wirklich beschäftigen will. Die Leute denken immer, wir wären eine politische Band – in erster Linie sind wir aber eine Metalband, die eben auch politische Texte hat. Darin geht es um Unterdrückung und um den Menschen als solches, und das hat eben auch seine negativen Seiten, die in der Politik stärker anzutreffen sind. Macht definiert sich heutzutage über Kapital und über militärische Präsenz. Das sind die Bausteine, durch die ein totalitäres System überhaupt erst entstehen kann, daher kritisieren wir automatisch alle Regierungen, die Menschen unterdrücken. Wenn das jemand von der chinesischen Regierung mitbekommen würde, wäre es wahrscheinlich nicht gut. Aber ich glaube, die interessiert eine Band wie KREATOR wohl nicht genug.«

Allgemein gesehen sorgt China im Westen eher für negative Schlagzeilen, was auch ein bestimmtes China-Bild evoziert. Haben sich Deine Eindrücke von dem Land bestätigt, als Du hergekommen bist?

Mille: »Naja, ich bin das schon gewohnt, denn die Medien verzerren meistens die Wirklichkeit – ich hatte ja auch von Chile einen ganz anderen Eindruck, als wir zum ersten Mal dort gespielt haben. Die Realität war bzw. ist für mich eine ganz andere, denn es geht für mich in erster Linie um die Leute, die zum Konzert kommen. Da ist es eigentlich völlig egal, in welchem politischen System das passiert; die Leute wollen einfach nur raus aus diesem Quatsch. Das ist eine Art Eskapismus – du willst nicht an diese Dinge denken, wenn du zum KREATOR-Konzert kommst, du möchtest das vergessen und dieser Welt entfliehen. Deshalb ist die Realität, die wir vorfinden, auch eine verzerrte Version, weil es eben eine optimierte Version ist. Die Leute kommen, um Spaß zu haben, da geht es nicht um Politik, Unterdrückung usw.«

Hat es eigentlich schon einmal ein Land gegeben, in dem ihr spielen wolltet, wo es aber nicht geklappt hat?

Mille: »Ja, es gab einmal eine Anfrage aus Südafrika, das hat nur leider nie geklappt, dort scheint es generell einige ernsthafte Probleme zu geben. Dafür waren wir danach in Marokko, wo wir ein fettes Konzert mit über 20.000 Leuten gespielt haben, und das war super. Es gibt einige Länder, wo wir noch hinfahren wollen; der Iran wäre beispielsweise sehr interessant, weil ich ganz genau weiß, dass die Szene dort groß ist. Wir haben da noch eine gewisse Abenteuerlust, solche Erlebnisse machen uns Spaß. In Indien haben wir im letzten Jahr zum ersten Mal gespielt, und das war sehr beeindruckend, die Szene dort ist wirklich groß und gut organisiert. Das sind Länder, die wir in Zukunft mehr bespielen werden.«

Gibt es Deiner Meinung nach etwas, das der Ruhrpott-Thrasher mit dem Metalhead aus Indien und dem Mosher aus China gemeinsam hat?

Mille: »Ja, da gibt es wirklich einen roten Faden, und das ist die Liebe zur Musik und dieses nerdige Fachsimpeln der Marke „Das letzte Album war aber nicht so gut wie das vorletzte und ich hätte mir mehr Songs in Richtung so und so gewünscht“ – das können die alle ganz gut. Ich glaube, wenn diese drei an einem Tisch sitzen würden, könnten die lange diskutieren, und jeder würde eine andere Meinung haben. Genau das ist ja das Spannende an der Musik! Wir lesen das alles auch sehr aufmerksam auf unserer Homepage und auf Facebook usw. und ich finde es immer interessant, welche Meinungen die Leute von der Band haben. Da gibt es alle möglichen Kategorien, die „Erste-fünf-Alben-Möger“, die 90er-Jahre-Gutfinder und dann gibt es noch die Neuzeithasser. Tolle Sache (lacht)!«

Eine tolle Sache sind auch Deine kultig-debilen Ansagen, auf die sich viele Fans mittlerweile fast genauso freuen wie auf die Musik. Gibt es heute Abend auch etwas Schönes der Marke „Peking!! Zerstörung!!“?

Mille: »Ja natürlich! Du musst Dir vorstellen: Diese Quatsch-Ansagen sind natürlich vom Englischen ins Deutsche übersetzt, deswegen klingen die so bescheuert. Die klingen auf Englisch einfach besser. Es ist einerseits ein Privileg, in Deutschland zu wohnen, weil man hier in Ruhe arbeiten kann. Auf der anderen Seite bist du im Nachteil gegenüber Bands, die aus dem Ausland kommen, die auf Englisch natürlich viel cooler rüberkommen. Aber keine Angst, du kriegst Deine Zerstörung…«

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten und vierzehnten, fünfzehnten und sechzehnten Blogeintrag.

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

ANNIHILATOR + BEHEMOTH + BLACK MESSIAH + BRAINSTORM + DELAIN + EISREGEN + FINNTROLL + KATAKLYSM + KISSIN' DYNAMITE + KORPIKLAANI + u.v.m.08.07.2016
bis
10.07.2016
GeiselwindOUT & LOUD FESTIVALTickets
IN FLAMES + ARCHITECTS + SEPULTURA + AIRBOURNE + APOCALYPTICA + BAD OMENS + EQUILIBRIUM + CALLEJON + ELSTERGLANZ + BETRAYING THE MARTYRS + u.v.m.22.06.2017
bis
24.06.2017
FerropolisWITH FULL FORCE OPEN AIRTickets
AMON AMARTH + AVANTASIA + KREATOR + MAYHEM + SALTATIO MORTIS + PARADISE LOST + HEAVEN SHALL BURN + LACUNA COIL + POWERWOLF + CANDLEMASS + u.v.m.03.08.2017
bis
05.08.2017
WackenWACKEN OPEN AIRTickets
MEGADETH + KREATOR + WINTERSUN + ELUVEITIE + MGLA + HEAVEN SHALL BURN + VITAL REMAINS + EPICA + HATEBREED + FIDDLER'S GREEN + u.v.m.16.08.2017
bis
19.08.2017
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