Online-MegazineKolumne

BABYMETAL

Drei Mädchen und ein Baby

BABYMETAL

Keine andere Band ist in der Szene derzeit so umstritten wie BABYMETAL. Was die drei Japanerinnen freilich nicht davon abhält, dieser Tage in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihrer spektakulären Show wieder auf Tour zu gehen.

In der Geschichte unseres Kulturmagazins ist das Abendland bekanntermaßen schon oft untergegangen. Doch wer glaubt, dass es nach einem Interview mit Heino nicht schlimmer kommen könnte, wird hier und jetzt eines Besseren belehrt. Ladies and Gentlemen: Vorhang auf für BABYMETAL! Wobei man die drei jungen Damen aus Japan mittlerweile kaum mehr vorzustellen braucht, gelten sie doch in der Metalszene längst als der Inbegriff des Verrats und des Grauens und generell allen Übels, das die Welt bisher heimgesucht hat. Was einerseits schon ein wenig nachvollziehbar ist, denn vermutlich hat es bislang noch kein geistig gesunder Mensch geschafft, ihr zuletzt neu aufgelegtes Debütalbum am Stück durchzuhören. Insofern wäre eigentlich ein Interview mit BABYMETAL-Fans weitaus interessanter als ein Interview mit BABYMETAL selbst, doch dazu kommen wir noch.

Andererseits muss man Su-Metal, YuiMetal und MoaMetal auch ein wenig in Schutz nehmen: Die drei Japanerinnen mit den bürgerlichen Namen Suzuka Nakamoto, Yui Mizuno und Moa Kikuchi, derzeit zwischen 16 und 18 Jahren jung, können selbst am wenigsten für den ganzen Ärger. Sie sind eigentlich zu bemitleiden: Als sie 2010 von einem Casting-Projekt – der „Idol“-Gruppe Sakura Gakuin – in die Fänge des Produzenten Kobametal gerieten, waren sie weder Herrinnen ihres eigenen Schicksals, noch fanden sie die Musik übermäßig toll. Es spricht für den Fleiß und unendlich viel Disziplin dieser drei Mädchen, dass sie mit ihrer spektakulären Show mittlerweile weltweit ganze Arenen füllen und dabei selbst skeptische Metalheads begeistern können. Unter den Profis hat das Trio ohnehin glühende Befürworter: Slash nannte sie vor kurzem „das aufregendste Ding, das ich seit langem gesehen habe“, Kreators Mille verteidigte sie, dass sie „echten Metal-Bands“ nicht weh tun würden und selbst Napalm Deaths Shane Embury lobte sie dafür, eine jüngere Generation zum Metal zu locken.

Was es jedoch heißt, bei BABYMETAL zu spielen, zeigt ein kurzes Telefonat mit Frontdame und Sängerin Su-Metal (die beiden anderen Gören hüpfen nur rum und schreien lustige Sachen wie „Watatata taata taatatata dokkyun“). Schon die Interview-Anbahnung erweist sich als ein wenig schwierig, weil die zuständige Plattenfirma in Deutschland, die Sängerin in Japan, die Übersetzerin in den USA und der Schreiber dieser Zeilen in China sitzt. Als es über verschiedene Zeitzonen hinweg dann klappt, hat die junge Dame bereits seit den frühen Morgenstunden Interviews am Fließband gegeben, und während die japanische Nacht längst von unzähligen Neonröhren durchflutet ist, gehen bei Su-Metal schön langsam die Lichter aus. Allerdings hält sie tapfer durch und flötet ein entzückendes „Hallooo Lock Hald!“ durch den Skype-Äther, während ihre Altersgenossen entweder längst im Bett oder in einer Karaoke-Bar liegen.
Also ja, moshi moshi retour.

Ihr werdet demnächst wieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tour gehen. Wie ist das denn so für euch, wenn auf einmal tausende Fremde eine Sprache mitsingen, von der sie zuvor maximal „Toyota“ und „Mitsubishi“ verstanden haben?



»Als wir zum ersten Mal im Ausland aufgetreten sind, hatten wir regelrecht Angst, denn wir wussten ja nicht, wie die Leute auf uns und unsere Kultur reagieren würden. Dass so viele Menschen unsere Texte mitsingen, überrascht uns immer noch und es macht uns glücklich, wenn unsere Musik alle Barrieren überwinden kann.«



Eure Show ist körperlich ziemlich anstrengend, dazu kommen auf Tour das Problem mit dem Jetlag und das viele Herumfahren. Wie steckt ihr das weg?



»Unsere Proben sind eigentlich noch viel intensiver als die Show selbst, weil wir ja jeden Schritt und jede Choreographie bis ins kleinste Detail üben. Schließlich muss das Konzert selbst vom Beginn bis zum Ende absolut perfekt sein. Das zieht natürlich viel Energie, aber man gewöhnt sich daran und auf die Shows selbst freuen wir uns wirklich, das baut uns immer wieder auf.«

Nun ja, an der Musik kann die Vorfreude allerdings kaum liegen, denn mit Metal könnt ihr als Protagonistinnen bekanntermaßen eher wenig anfangen.



»Es stimmt, dass wir mit Metal nicht sehr vertraut waren, als wir mit der Band angefangen haben. Aber als wir uns durch unsere Arbeit näher mit der Musik beschäftigten, haben wir doch mehr Zugang zu ihr gefunden und mögen sie mittlerweile schon. Es ist natürlich etwas ganz anderes als diese ‚Idol‘-Musik, die wir zuvor gemacht haben, aber wenn so viele Menschen auf der ganzen Welt unsere Lieder mögen, können sie wohl nicht schlecht sein.«

Aha. Nun gut: Wie schafft man das eigentlich, in so jungen Jahren Abend für Abend mit einer verkleideten Geister-Band vor einer Horde Metalfans einen Höllenkrach zu machen, ohne dabei den Verstand zu verlieren?



»Für uns ist das irgendwie normal, denn wir sind ja damit aufgewachsen. Natürlich hat das alles anfangs ein wenig einschüchternd auf uns gewirkt, aber wir sind in unsere Rollen hineingewachsen. Durch BABYMETAL sind wir in der Lage, Gleichaltrige zu erreichen, die vielleicht auch Probleme und Ängste haben, und wir hoffen, dass wir ihnen Mut geben.«



Apropos wachsen – im Vergleich zu euren Anfängen habt ihr euch schon ziemlich verändert, und in nicht allzu langer Zeit werdet ihr erwachsene Frauen sein. Wird dann aus BABYMETAL Grown-up-Metal?



»Das weiß nur der Fuchs-Gott.«

Sehr aufschlussreich also. Viel interessanter ist es ja wie gesagt ohnehin, was eigentlich im Kopf eines BABYMETAL-Fans so vor sich geht, wenn er/sie diese Musik hört. Gernot O., Wissenschaftler aus Österreich, sagt: „Headobang! Headobang! Headobang!“ Inna W., Programmiererin aus Stuttgart, sagt: „Ring. Ring. Ring. Doki doki morning!“ Werner S., Szenewirt in Köln sagt: „Kinkirariiiiinnnnn! Uki uki midnight!“ Und Gylve F., Briefträger aus Oslo sagt nur noch: „BABYMETAL DEATH! BABYMETAL DEATH!“

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.