Online-MegazineKolumne

GACHARIC SPIN

Die spinnen, die Japanerinnen

Die japanische All-Girls-Band GACHARIC SPIN ist eines der ganz heißen Dinger an der asiatischen Musikbörse – und völlig irre. Bei ihrem Konzert in Beijing beweisen sie: Sie sind „the band to end all bands“.

Gastspiele japanischer Acts sind in der grauen Beijinger Konzertlandschaft ein willkommener Farbtupfer, weil sie a) entweder wahnsinniger oder b) schlichtweg besser sind als ihre chinesischen Kollegen. Zumindest ersteres trifft auf GACHARIC SPIN uneingeschränkt zu, doch der Reihe nach.

Bedauerlicherweise haben sich die politischen Spannungen zwischen Japan und China in den letzten Monaten zunehmend auch auf den Kulturbereich niedergeschlagen. Zahlreiche Nippon-Acts wie beispielsweise die Experimental-Postrocker Boris hatten ihre Gigs zuletzt abgesagt, da sie anti-japanische Ressentiments fürchteten. Nicht ohne Grund: Im Zuge der Konflikte um die Senkaku/Diaoyu Inseln – eine unbewohnte Felsengruppe in der ostchinesischen See, um die sich die beiden Länder streiten – ist die Stimmung in der Bevölkerung spürbar aufgeladen. In Einzelfällen führt das etwa dazu, dass Restaurants ein Schild mit der Aufschrift „Kein Zutritt für Hunde und Japaner“ auf ihre Tür pappen.

Wenn es momentan überhaupt etwas gibt, was das Eis zwischen den beiden Ländern brechen könnte, so sind dies die in China schwer angesagten japanischen Pornostars – und GACHARIC SPIN. In ihrem Heimatland und Südkorea füllen die sechs Ladys bereits größere Hallen, und man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass sie dies bald auch im Rest der Welt schaffen werden. Selbst in Beijing bildet sich vor dem Mao Live House eine stattliche Menschenmenge, in erster Linie junge Burschen Mitte 20, die im Vorfeld noch großmäulig schwadronieren, welcher der Grazien sie gedenken nun gleich den Hof zu machen (um es jugendfrei auszudrücken). Es dauert jedoch nicht lange, bis die Herren der Schöpfung verstummen – denn mit heruntergeklappten Kinnladen lässt sich schwer Schmäh führen. Schnell wird klar: GACHARIC SPIN sind nicht hier, um ein Konzert zu spielen, sie sind hier, um den eigentlichen Konzertbegriff ad absurdum zu führen.

Allein der Einzug der fleischgewordenen Sugardaddy-Fantasien ist kolossal: Die Gitarristin stolziert in weißem Hochzeitskleid und einer pinken Zwerg-Bumsti-Haube aus Latex auf die Bühne, die Petticoat-Keyboarderin legt mit blinkendem Neon-BH der Körbchengröße Z einige Pirouetten aufs Parkett und die Bassistin verwechselt ihr Instrument mit einem Wurfhammer. Dann geht es los: Die Band gibt vom ersten Moment an Vollgas und reitet eine beispiellose Attacke, die die Welt in dieser Form noch nicht erlebt hat. Pausenlos fliegen auf der Bühne die Haare durch die Luft, die vier Musikerinnen sind ständig in Bewegung und stehen keine Sekunde lang still, schlagen dafür immer wieder Flip-Flops und Saltos, was bei den beengten Bühnenverhältnissen des Mao für sich genommen schon eine Kunst ist. Dazu kommen noch zwei Tänzerinnen, die keine andere Aufgabe haben, als die Disziplin des „Ganzkörper-Headbanging“ zur olympischen Sportart zu erheben und nebenbei das Publikum anzuschreien.

Musik spielen die sechs übrigens auch, wobei ihr Stil jedoch schwer festzumachen ist – böse Zungen könnten behaupten, dass sie gar keinen Stil haben. Versuchen wir’s mal so: Das klingt ein bisschen wie eine übergeschnappte Thrash-Variante von White Zombie auf Überschall, unterlegt von einem fetten Keyboardteppich, wobei die Melodieführung oftmals von nervenzerfetzenden Nokia-Klingeltönen übernommen wird. Allerdings: Die Damen mögen zwar mächtig einen an der Klatsche haben, aber spielen können die, da leckst du mich fett. Allen voran Schlagzeugerin Hana, die ihr Kit mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks zu Kleinholz macht, dazu unfassbar abbangt und es beim Singen trotzdem fertigbringt, in 50 Konzertminuten mehr Töne zu treffen als Tarja Turunen in ihrer gesamten Karriere (zugegeben, hier liegt die Latte nicht hoch). Bassistin „F Chopper Koga“ ist zwar nur unwesentlich größer als ihr Instrument, spielt auf diesem jedoch Dinge, die man ansonsten nur bei Koryphäen wie Geddy Lee bestaunen darf. Und wenn Gitarristin „Tomo-Zo“ mal fad wird, zieht sie eine zuckersüße Schnute und schrubbt im Uffta-Uffta-Rhythmus ein Jeff-Hannemann-Gedächtnissolo herunter, dass es nur so rauscht im Wald.

Inwiefern es sich bei Gacharic Spin um eine echte Band oder um ein Projekt zusammengecasteter Wunderkinder handelt, lässt sich schwer beurteilen. Im Endeffekt ist es aber auch egal, denn bei dieser Truppe kommt es einzig und allein auf die Show an – und die ist in dieser Art wie gesagt einzigartig. Bei Festivals wie dem Summer Breeze oder Wacken wären die Japanerinnen unter Garantie DIE Abräumer, da sie schlicht und ergreifend konkurrenzlos in ihrer eigenen Liga spielen. Kurz: Das Erscheinen von GACHARIC SPIN markiert den endgültigen Abgesang der Postmoderne, sie sind „the band to end all bands“. Eine kritische Distanz ist bei ihren Konzerten überhaupt nicht möglich, denn in dem Moment, in dem man sich über diesen Bullshit auf der Bühne tiefergehende Gedanken macht, passiert auch schon wieder irgendein Blödsinn: Einmal schlecken die Tänzerinnen völlig unmotiviert aufblasbare Wassermelonen aus Plastik ab, ein anderes Mal krabbelt die Keyboarderin auf allen Vieren über ihr Instrument und hat dauerheadbangend Sex mit einem imaginären Sumo-Ringer. Abschließend stellen sie mit einer grenzdebilen Rod-Stewart-Coverversion noch kokett die Frage: „Da ya think I'm sexy?“ Aber sicher doch – vor allem, weil es sich in ihrer Aussprache ein bisschen anhört wie „Dujuh ficka Keksi“. Zum Heiraten wären die Mädels vermutlich jedoch nix. Dafür werden sie bereits nach einer knappen Stunde zu anstrengend.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten, achten, neunten, zehnten, elften, zwölften, dreizehnten und vierzehnten, fünfzehnten, sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Blogeintrag.

 

Pics: Wu Gang/Promo