Online-MegazineKolumne

Die Schlacht um Wacken

JACKY DANNY

Bevor wir uns in das nächste Abenteuer stürzen ist es mir ein großes Anliegen, eine Richtigstellung meines letzten Blogs vorzunehmen: Laut der anerkannten Sinologin Professor DDr. Stephanie Karaß heißt „sha bi“ (傻屄) nicht Kuhfotze, sondern dumme Fotze. Bei der Kuhfotze handelt es sich hingegen um „niubi“ (牛屄). Ich bitte, mir dieses linguistische Vergehen nachzusehen; die Jahrtausende alte Kultursprache Chinesisch ist eben reich an Geheimnissen, die ich offensichtlich nie ergründen werde.

Jacky DannyAnders kann ich es mir nicht erklären, dass mich der Taxifahrer an einem schönen Samstagabend zunächst beim „Papaya Beach Karaoke Madness“ absetzt, obwohl ich eigentlich zum „13Club“ wollte. Nachdem sich der Fahrer höflich für seinen Lapsus entschuldigt hat („Fick deine Vorfahren bis in die 13. Generation!“), erreiche ich schließlich doch noch die Kult-Location, wo mich zunächst fast der Schlag trifft: Dort, wo früher die Bühne war, nämlich vorne, ist jetzt ein Billardtisch, und dort, wo früher der Billardtisch war, nämlich links, ist jetzt die Bühne. Erst nach gründlicher Inspektion der hygienischen Zustände der Toilette bin ich mir sicher, dass es sich hier tatsächlich um den 13Club handelt; die Leute kotzen immer noch auf den Fußboden und nicht in die zu diesem Zweck offensichtlich bereitgestellte Waschmaschine. Die Verwirrung weicht nur langsam, man ist als Metaller schließlich Gewohnheitstier. Ihr würdet euch auch wundern, wenn AC/DC plötzlich Hip Hop und Sabaton gute Musik machen würden.      

MULTI EGOGrund für die samstägliche Exkursion ist das Finale des „Metal Battles“, bei dem es für die teilnehmenden Bands gewissermaßen um alles geht: Dem Gewinner des musikalischen Wettstreites winkt ein Auftritt beim Wacken Open Air, und nachdem sich das größte Metal-Festival der Welt auch in China einer gewissen Reputation erfreut, spielen die sechs Finalteilnehmer quasi um den heiligen Gral des Rock. Ob sie sich dessen als würdig erweisen? Die Opener JACKY DANNY (杰克丹尼) rocken jedenfalls ohne Furcht und Tadel drauflos und machen dabei eine gute Figur: Sänger Reboot sieht aus wie der uneheliche Sohn von Steven Tyler und der chinesischen Schauspielerin Zhang Ziyi, zieht sich an wie Pocahontas und kreischt herum wie Bon Scott. An der gut abgehenden Mischung aus Aerosmith und Guns’N‘Roses gibt es nichts auszusetzen, und es ist ein bisschen schade, dass sich zunächst nur wenige Fans für das Geschehen auf der Bühne interessieren. Die Band würde sich in Wacken gut zwischen U.D.O. und der Feuerwehrkapelle machen.

CAVIA PORCELLUSDie darauffolgenden MULTI EGO (多重自我) waren in der Metalcore-Sonderschule (Sprechstunden bitte hier: http://www.youtube.com/watch?v=ZFNlb6itOso) offensichtlich die Klassenstreber und würden sich in Wacken gut zwischen dem dritten und vierten Stuhlgang machen. Und dann wird es endgültig skurril, denn auf die Bühne kriecht das CAVIA PORCELLUS (豚鼠乐队), zu Deutsch Hausmeerschweinchen. Jeder Beutelnager würde sich durch diese Hommage beleidigt fühlen, denn Frontstaubsauger Xing Tian ist der mit Abstand hässlichste Zwerg, der jemals das Firmament dieser Erde verfinstert hat. Mit einer stattlichen Körpergröße von zirka 1,20 stapft er über die Bühne, quiekgrunzt irgendwelche Botschaften von Tod und Grind ins Mikrofon und rotzt dazwischen majestätisch ins Publikum. Bei einem aussichtslosen Date wäre der Mann der ideale Sidekick, denn unansehnlicher als Herr Xing könnt ihr gar nicht sein. Die Band würde sich in Wacken gut zwischen den Excrementory Grindfuckers und der Wahl zum Mister Universe machen.

NINE TREASURESIn sogenannten China-Restaurants in Deutschland gibt es häufig ein Katzenfutter mit dem Namen „8 Schätze“ zu bestellen, doch glücklicherweise sind NINE TREASURES (九宝) aus der Inneren Mongolei deutlich gehaltvoller. Endlich wird es vor der Bühne einigermaßen voll - und das zu Recht, denn die Band ist ernsthaft bemüht, ihrem Folk-Metal eine eigene Note zu verleihen. So verwenden sie Original-Instrumente wie eine Erhu (zweisaitiges, chinesisches Streichinstrument), singen auf Mongolisch und überzeugen insgesamt mit vernünftigen Songstrukturen und atmosphärischer Dichte. Papst Franziskus würde sie außerdem für die Wahl ihres Outfits loben. Die Band würde sich in Wacken gut zwischen Finntroll und Amorphis machen.

SILENT RESENTMENTWas dann folgt, ist schwer in Worte zu fassen. Wären Spinal Tap eine Gothic-Band, sie würden sich SILENT RESENTMENT (寂静的幽怨) nennen und den 13Club in eine Kathedrale des Schmerzes verwandeln. Sängerin „Libido“ (ernsthaft!) jault um zwei Oktaven richtiger als die Königin der Nacht (Tarja Turunen), und dabei immer noch falsch genug, um durch Mark und Bein zu fahren. Dummerweise trägt die Goten-Prinzessin mit dem bürgerlichen Namen Zhang Jiazi unter ihrem Top noch ein beiges Unterhemd, was ihren Künstlernamen etwas ad absurdum führt. Dementsprechend kreisen die Hüften zum „Tanz der Totengräber“ (Songtitel – ernsthaft!) nur verzagt, während der Rest der Band offensichtlich Lacuna Coil parodieren will und dabei auf tragischem Niveau scheitert. Die Band würde sich in Wacken gut zwischen der zweiten und dritten Buskoje von Crashdiet machen.

TENNGER CAVALRYDie abschließenden TENNGER CAVALRY (铁骑) klingen wie die Nine Treasures, nur nicht so patent, weswegen sie sich in Wacken gut zwischen Nine Treasures und dem Abreisestau machen würden. So verbuchen letztere einen souveränen Sieg, und solltet ihr im Sommer auf Wacken fahren, macht ihr gewiss keinen Fehler, die mongolischen Schatzsucher einmal anzuchecken. Die Herren spielen nach ihrem samstäglichen Triumph am nächsten Tag übrigens gleich noch einmal beim WILD OS Festival, einer Art chinesischem Keep It True. Dessen Veranstalter Murk von Dying Art Productions hält bereits seit 13 Jahren die Fahne des wahren Stahls hoch, doch der Zuspruch hält sich mit 70 Zuschauern in Grenzen: „In China ist es einfach schwer, solche Veranstaltungen zu organisieren, weil die Basis fehlt und wir auch keinen Support von offizieller Seite bekommen“, klagt Murk und fügt im selben Atemzug freudestrahlend hinzu: „Aber ich liebe diese Musik und kann einfach nicht damit aufhören!“ Deswegen spielen bei seinem Festival Underground-Größen wie DEVILS AT THE CROSSROAD (十字路口恶魔), THE METAPHOR (隐喻) oder EXCITED INSECTS (惊蛰). Die beste Band des Festivals ist jedoch Silent Resentment. Sie spielen nämlich nicht.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
Hier geht es zum ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten und achten Blogeintrag.
 
 
 
Pics: Wu Gang