Online-MegazineKolumne

Die Feste fallen, nichts zu feiern

MIDI FESTIVAL

China, beziehungsweise insbesondere die Hauptstadt Beijing, erlebt derzeit ein Streichkonzert: Ein Festival nach dem anderen wird von den Behörden gecancelt, was Organisatoren und Künstler an den Rand der Verzweiflung bringt.

Wer in China zu Metal-Konzerten geht, kann mit drei Dingen fix rechnen: eine sehr begeisterungsfähige Crowd, Chaos – und Kou Zhengyu. In irgendeiner Funktion ist das Beijinger Szene-Urgestein bei jedem einzelnen Gig vertreten, entweder als Gitarrist der Band Suffocated, als Roadie oder Stagehand oder selbst als Veranstalter. Mitunter auch alles zusammen, etwa beim jährlichen „330 Metal Fest“, das er seit 2002 organisiert und das sich zu einer Art Leistungsschau der heimischen Szene gemausert hat. In diesem Jahr jedoch saß der harte Mann wie ein Häufchen Elend am Bühnenrand, dicke Tränen kullerten ihm über die Wangen, während er schluchzend um Worte rang. Zwei Stunden zuvor hatte die Polizei den „Tango“-Club gestürmt und der 1.300 Mann starken Menge zu verstehen gegeben, dass sie umgehend zu verschwinden habe. Sicherheitsbedenken.

In anderen Ländern hätte dies möglicherweise einen kleinen Bürgerkrieg zur Folge gehabt, in China trollten sich die Besucher mit gesenkten Köpfen und gingen widerstandslos nach Hause. „Ich musste einfach weinen, denn ich wusste nicht, wie ich dem Publikum in die Augen sehen könnte. Und als die Leute mich dann umarmt haben und sagten, sie würden keine Kompensation einfordern, musste ich erst recht drauflosheulen“, erzählt Kou ein paar Wochen später. Tatsächlich gibt es dieser Tage eine Solidarität zwischen Konzertbesuchern und -Veranstaltern, denn das „330 Metal Fest“ ist nicht das einzige Event, das die Behörden in diesem Jahr abgedreht haben. Das „Strawberry“, das größte und internationalste Festival Chinas, wurde – bei voll gebuchtem Line-up – kurzerhand abgesagt, das INTRO-Fest für elektronische Musik in letzter Minute verlegt, das renommierte „MIDI“ in das 1.000 Kilometer entfernte Suzhou abgeschoben.

Das MIDI ging in diesem Jahr zwar mit etlichen klingenden Namen wie Killswitch Engage, den Subs oder Dreamshade über die Bühne, allerdings ohne deutsche Beteiligung. Dafür rückte mit DJ Rokko Ramirez Verstärkung aus dem Nachbarland an. „Österreichs härtester DJ der Welt“ (Eigendefinition) trat bereits zum zweiten Mal in China auf und ist dementsprechend Kummer gewohnt: „Zwei Wochen vor dem Abflug wussten wir nicht einmal, ob das Festival überhaupt stattfinden wird, geschweige denn, wo.“ Umso bemerkenswerter ist es, dass es den Organisatoren innerhalb kürzester Zeit gelungen ist, eine fast reibungslos ablaufende Großveranstaltung mit insgesamt 40.000 Besuchern aus dem Boden zu stampfen: „Ich habe ja schon vor zwei Jahren bei der MIDI-Silvesterausgabe im südchinesischen Shenzhen aufgelegt. Damals gab es fast keine Künstlerbetreuung, ich konnte mich kaum verständigen und wusste nicht einmal, wo ich etwas zum Essen bekommen soll. Verglichen damit hat in diesem Jahr alles perfekt geklappt.“ Dass sein Trip nicht so gelaufen ist, wie es ursprünglich geplant war, sieht Ramirez gelassen: „Die Begeisterung im Publikum war einfach unglaublich, ich habe so etwas in Europa noch nie erlebt. Jetzt bin ich wirklich angefixt und will 2016 unbedingt wiederkommen, vielleicht sogar mit einer kleinen Asien-Tour.“

Bis dahin haben sich die Nerven der Behörden möglicherweise auch wieder beruhigt, denn in diesem Jahr sind sie bis zum Zerreißen gespannt. Das liegt einerseits an der Massenpanik zu Silvester 2015 in Shanghai, die 36 Menschenleben gekostet hat; dafür verantwortlich gemacht wurden die Beamten der Stadt. Ein solches Risiko will momentan kein Entscheidungsträger eingehen. Zudem wirft die große Militärparade Anfang September ihre Schatten voraus, die über den Platz des Himmlischen Friedens rollen wird; ein Großereignis, das keinerlei Nebengeräusche im Vorfeld duldet. Genehmigungen für Veranstaltungen sind daher fast unmöglich zu bekommen, was zum Teil allerdings auch an den Organisatoren selbst liegt, die in China traditionell eine gewisse Affinität zum Chaos haben.

Bestes Beispiel: der gute Kou Zhengyu mit seinem „330 Metal Festival“. „Wir haben im Nachhinein herausgefunden, dass der Tango-Club tatsächlich eine offizielle Kapazität für nur 600 Personen hat, während wir 1.300 Tickets verkauft haben. Das wäre zwar im Prinzip kein Problem gewesen, aber der Club hat uns gegenüber die Wahrheit verschwiegen.“ Weitermachen möchte er dennoch: „Wir müssen im nächsten Jahr diesen Verlust kompensieren – nicht nur finanziell, sondern vor allem spirituell.“

Pics Midi Festival: MIDI

Pic Rokko Ramirez: MIDI

Pic 330 Metal Fest: DM Simon - No Reproduction

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.