Online-MegazineKolumne

IRON MAIDEN

Die Abschiedsvorstellung

IRON MAIDEN

Wasted Years? Von wegen: Sechs Jahre lang habe ich in China gelebt und gearbeitet, und während IRON MAIDEN das erste Mal in der Volksrepublik spielten, bedeutete ihr geschichtsträchtiges Konzert für mich gleichzeitig meine Abschiedsvorstellung: Nur drei Tage später sollte mich mein eigener Flight 666 zurück ins heimatliche Österreich bringen.

Unter solchen Umständen eine würdige Titelstory aus dem Boden zu stampfen, war natürlich eine kleine Herausforderung. Zum einen hieß es im Vorfeld Koffer packen, Haushalt auflösen, unzählige Dokumente ausfüllen und noch mehr Abschiedsfeiern absolvieren. Zum anderen war der Support von Plattenfirmen, Promotern und Veranstaltern im Vorfeld durchaus enden wollend - die Band wolle nicht gestört werden, hieß es dann meistens. Da sich sechs Seiten jedoch nicht von alleine füllen, tut man als Journalist in solchen Situationen das, was Journalisten eben so tun: Man ruft Leute an, die Leute kennen, die wiederum irgendjemanden kennen, und nach ein paar Tagen weiß man dann tatsächlich die Zimmernummer von Familie Harris im schönen Sheraton Hotel. Dort klopfte ich zwar nicht an, dafür folgte ich Bruce, Nicko und Adrian zum Tiananmen - wo das im Vorfeld gezeichnete Bild der Abschottung und die Realität krass auseinander klafften. Alle drei gaben sich umgänglich und entspannt, wobei sie in ihren „Mr. Bean“-Touristenoutfits allerdings auch kaum erkannt wurden. Die meisten Touristen interessierten sich für Mao und die Verbotene Stadt, IRON MAIDEN waren ihnen wurscht, was Bruce später mit einem ironischen „We might be big in Japan, but small in China“ kommentieren sollte. Irgendwie ergab sich dann doch noch ein Kurzinterview mit Dave Murray, der sich tagsüber auf der Großen Mauer ausgetobt hatte und am Abend umgehend die Terrakotta-Armee besichtigen wollte - nicht wissend, dass diese im zentralchinesischen Xi’an vergraben ist, 900 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Jetzt ist zumindest klar, warum man bei dieser Band ein eigenes Flugzeug braucht.

Das Konzert selbst wird vielleicht nicht als eines der besten in die glorreichen Annalen von IRON MAIDEN eingehen, dafür war es eines der emotionalsten: Viele Fans rechneten bis zuletzt fest mit einer Absage und hatten Tränen in den Augen, als die Band dann wirklich auf der Bühne stand. Letztere wiederum war ob der Reaktionen sichtlich gerührt und stolz auf das Geleistete. Und ich selbst realisierte während der abschließenden Takte von ´Wasted Years´ nach dem Stress der Wochen zuvor erstmals, dass jetzt wirklich mein Abschied aus jenem Land bevorstehen würde, das sechs Jahre lang meine Heimat gewesen war. In diesem Sinne: Zài jiàn - wir sehen uns wieder!

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