Online-MegazineKolumne

SUICIDE SILENCE

Dicke Luft hier

SUICIDE SILENCE

Die vom Schicksal gebeutelten Deathcore-Bestseller SUICIDE SILENCE beackern auf ihrer „Aftershock“-Tour Asien und machen dabei auch in Beijing Station.

Es ist eine der ersten größeren Touren für die Jungs aus Kalifornien seit dem Tod ihres Sängers und Aushängeschildes Mitch Lucker, der im November 2012 mit seinem Motorrad tödlich verunglückte. Das Tourmotto steht im Zeichen dieses Verlustes, der zumindest personell mit dem ehemaligen All-Shall-Perish-Brüllaffen Eddie Hermida kompensiert werden konnte. Der ist backstage ein echter Strahlemann und demonstriert mit einem „Ich hab euch lieb und will euch alle kaputt machen“ seine überaus beeindruckenden Germanistik-Kenntnisse: „Deutsch ist neben Japanisch meine absolute Lieblingssprache, das klingt alles so herrlich abgehackt.“ Während der neue Mikromann über das ganze Gesicht strahlt und ständig Faxen macht, präsentiert sich Drummer Alex Lopez beim Interview deutlich nachdenklicher:

»Wir sind direkt nach der letzten Show nach Beijing geflogen, wo wir um 2 Uhr in der Früh angekommen sind. Der Stau auf dem Weg zum Hotel war da natürlich besonders lustig. Unsere Touren sind eigentlich immer intensiv, auch wenn wir jetzt aus bekannten Gründen eine Zeit lang pausiert haben. Aber wir wussten sofort wieder, wie es sich anfühlt, irgendwo um 4 Uhr morgens aufzuwachen, komplett verkatert weiterzureisen oder wieder mal das Gepäck zu verlieren. Und die Probleme sind auch noch immer dieselben, etwa, dass man eine Beziehung über SMS führen muss, wenn die Freundin gerade wieder spinnt. Wir überleben quasi über WIFI. Diese Tour war mit den verschiedenen Zeitzonen in Neuseeland, Australien oder Thailand natürlich mörderisch. Da muss man schauen, dass man irgendwie ein gewisses Energielevel aufrecht erhält, um nicht komplett müde auf der Bühne auszusehen. Das hat natürlich schon ein bisschen was von Schauspielerei, denn ehrlich gesagt, sind wir mittlerweile ziemlich im Arsch.«
 
Die langen Flugreisen zählen sicher zu den größten Schwierigkeiten einer solchen Tour. Die Tatsache, dass unmittelbar vor eurer Ankunft ein Flugzeug von Malaysian Airlines spurlos verschwunden ist, hat die Sache sicher nicht leichter gemacht.  

»Ich hatte definitiv ein ungutes Gefühl, als wir von Hongkong hierher geflogen sind, aber ich habe ohnehin große Flugangst. Ich habe meiner Freundin gesagt, wenn sie nichts mehr von mir hört, sind wir irgendwo abgestürzt. Das ist extrem, aber ich bin da vielleicht ein wenig zurückgeblieben… Das bleibt immer irgendwo im Kopf hängen, auch wenn einem die anderen Bandmitglieder sagen, dass eh alles okay sein wird. Es gibt kein beruhigenderes Gefühl, als wenn das Flugzeug endlich auf den Boden aufsetzt.«
 
Nachdem China nach wie vor als Metalcore-Hochburg gilt, war es für den Fünfer selbstverständlich, den weiten Weg nichtsdestotrotz auf sich zu nehmen:  

»Wir haben irgendwie eine spezielle Verbindung zu den Leuten hier. Die mögen uns schon seit über fünf Jahren und sehen zu uns auf. Manche glauben gar nicht, dass wir wirklich hier sind und sind teilweise regelrecht schockiert – speziell dann, wenn wir rausgehen, um ein bisschen mit ihnen zu quatschen. Das ist eine große Sache für sie, wahrscheinlich auch, weil sie nicht auf so viele Konzerte gehen. Wir waren überrascht, dass das Equipment auf dieser Tour überall wirklich gut war. Das macht es einfach, mit den Leuten zu arbeiten, weil wir alles bekommen, was wir brauchen.«

 
Am heutigen Tag meldet die amerikanische Botschaft wieder einen Feinstaubwert von 370 – ein Wert, der in eurer Heimat Kalifornien höchstens in Waldbrandgebieten gemessen wird und das gesundheitsgefährdende Limit um das Siebenfache übersteigt. Kann euch so etwas nach zwei China-Abenteuern eigentlich noch schockieren?

»Doch. Die Situation ist absolut erschreckend und bedrückend, und ganz ehrlich: Durch diese Erfahrung hier weiß ich mein Leben wieder mehr zu schätzen. Es ist traurig zu sehen, in welchem Zustand Teile der Welt sind. Die einzigen Souvenirs, die wir in Beijing gekauft haben, waren ein paar Atemschutzmasken. Ich möchte hier nicht leben und denke, dass diese Regierung ziemlich abgefuckt ist. Ich habe im Vorfeld dieser Tour viel gelesen über die Vorfälle am Tiananmen (er meint die gewaltsam niedergeschlagenen Studentenproteste von 1989, wg). Das in Realität zu sehen, ist schon schwierig. Insofern freue ich mich schon auf die Show heute Abend, um ein bisschen Dampf abzulassen.«
 
Wenn das mal keine Probleme bei der nächsten Visavergabe gibt… Denn zurückkommen möchten SUICIDE SILENCE auf alle Fälle, und dann mit einem neuen Album.  

»Das Ding ist fertig, wir haben es mit Steve Evetts (Sepultura, The Dillinger Escape Plan, Warbringer, wg) aufgenommen und hören uns momentan die Test-Mixe an. Es klingt verdammt hasserfüllt und widerlich, und ich bin extrem zuversichtlich, dass es das beste Album ist, das wir bislang aufgenommen haben. Es hört sich aber definitiv nach SUICIDE SILENCE an. Herauskommen wird die Platte vermutlich im Juni oder Juli, in ein paar Wochen werden wir einen neuen Song im Internet vorstellen. Von der neuen Platte spielen wir heute Abend übrigens ein Hatebreed Cover (was sich in weiterer Folge als 'Last Breath' entpuppt, wg).«
 
Es ist aber nicht die einzige SUICIDE SILENCE-Veröffentlichung in diesem Jahr, immerhin erscheint dieser Tage in Europa die „Mitch Lucker Memorial Show“ als CD  und DVD. Das Konzert, bei dem sich diverse Helden der Szene von Robb Flynn bis Randy Blythe die Klinke in die Hand gaben, ist insofern auch bemerkenswert, da es bis auf Weiteres die letzten Aufnahmen sein dürften, die einen gewissen Tim Lambesis in Aktion zeigen.  

»Wir kennen Tim und die Jungs von As I Lay Dying schon lange. Sie kommen ja auch aus Kalifornien und sind gut mit uns befreundet. Als wir das erste Mal von dieser Sache erfahren haben (Tim hat zugegeben, einen Auftragskiller auf seine Frau angesetzt zu haben, wg), wussten wir noch keine Details, nur, dass er offensichtlich richtigen Ärger hat. Ich will nicht zu viel über die Sache sagen, aber er wird natürlich seine Strafe im Gefängnis abbüßen müssen. Er ist ein starker Charakter. Alle haben eine Meinung darüber und sind traurig, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich über die Sache denken soll. Mit ihm zu arbeiten, war immer eine tolle Sache, das gilt auch für diese Show. Alle Sänger an diesem Abend wussten nicht genau, was sie machen sollen, sie wussten nur, dass sie es für Mitch und seine Tochter Kenadee tun, um Geld für sie zu sammeln. Alle sind einfach nur ihren Instinkten gefolgt. Das war keine Geschäftsentscheidung, wir hatten nur das Gefühl, etwas Richtiges zu tun. Das hat gut funktioniert, es gibt keine vergleichbare DVD wie diese. Nicht zuletzt ist es uns gelungen, die Bruderschaft dieser Szene für eine Show zu versammeln. Es war verrückt, denn die meisten dieser Songs wurden aus einer spontanen Emotion heraus gespielt.« 

 

https://www.facebook.com/suicidesilence

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
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Pics: Wu Gang

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

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