Online-MegazineKolumne

SOILWORK

Das unentdeckte Land

SOILWORK

Soilwork wagen sich auf ihrer China-Tour in wenig bereiste Gebiete vor und ernten Liebesbekundungen der einheimischen Fans, die dafür auch gerne ihre Zähne opfern.

SOILWORKSchon einmal von Städten wie Harbin und Changchung gehört? Nein? Dann geht es euch genau wie SOILWORK, die sich zwar auf ihrer aktuellen Asien-Tour in unentdecktes Land vorwagen, allerdings keinen Plan davon haben, in welchen Städten sie jetzt eigentlich spielen: „Als ich das erste Mal von unseren Tourplänen gehört habe, musste ich auf der Karte nachschauen, wo wir eigentlich hinfahren“, lacht Gitarrist David Andersson, der im Backstage-Bereich des Beijinger Yugong Yishan die laufende Konzertreise Revue passieren lässt. Dabei sind die besuchten Metropolen durchaus keine Kuhdörfer: Harbin zählt als Hauptstadt der Provinz Heilongjiang immerhin knapp zehn Millionen Einwohner, die sich eines äußerst trinkfesten Rufes erfreuen. Gerüchten zufolge sollen die angrenzenden Russen nur deshalb nie in China einmarschiert sein, weil sie vor der Standhaftigkeit der Harbiner Lebern erzittern (die Russen!). Changchun wiederum wirkt mit sieben Millionen Einwohnern vergleichsweise klein, die Hauptstadt der Provinz Jilin im Nordosten der Volksrepublik ist jedoch aus anderen Gründen interessant – die Grenze zu Nordkorea ist nicht weit.

Nach Pjöngjang geht die Reise der Schweden diesmal zwar nicht, doch die Gigs im Norden Chinas erscheinen exotisch genug: „In Harbin hatten wir gerade mal sechs Kanäle am Mischpult zur Verfügung, normalerweise arbeiten wir mit mindestens 36. Aber das war okay und hat uns ein bisschen an unsere Ursprünge als Band erinnert – back to the roots quasi“, schmunzelt David über die Location, die üblicherweise als Karaoke-Bühne herhalten muss. Superdrummer Dirk Verbeuren ist hingegen ein alter China-Fuchs, der im Rahmen einer Drum-Clinic-Tour bereits das halbe Land von Tianjin über Wuhan bis zur Bierhauptstadt Qingdao abgegrast hat: „Das war süß, dort sind die Kinder nach einem Drumsolo auf die Bühne gekrabbelt und wollten mich vor lauter „I love you“ gar nicht mehr weglassen…“, erinnert sich der Belgier.

SOILWORKÄhnliche Reaktionen schlagen SOILWORK auch in Beijing entgegen, denn obwohl das Yugong Yishan mit ca. 200 Nasen eher schütter gefüllt ist, ist die Meute heiß auf die wiedererstarkten Melodic-Deather. Schon beim Eröffnungs-Triple 'This Momentary Bliss', 'Like The Average Stalker' und 'Overload' dreht die Meute wieder einmal völlig durch und legt alles zwischen Fotograben und Mischpult in Schutt und Asche. Dementsprechend gelöst strahlen die Musiker auf der Bühne; man merkt ihnen an, dass sie nach einer eher schwierigen Zeit wieder Fuß gefasst haben. Front-Fleischberg Björn „Speed“ Strid sieht mittlerweile aus wie Popeye nach einer Überdosis Spinatwachteln, stapft gravitätisch über die Bühne und nutzt seinen massiven Resonanzkörper für eine astreine Gesangsperformance. Das Gitarrengespann Sylvain Coudret und David Andersson blickt längst nicht mehr nur auf die Griffbretter und liefert gemeinsam mit Basszottel Ola Flink derart kultige Schwuchtelposen, dass selbst Turbonegro vor Neid die Schminke zerlaufen würde.  Der hinter der Bühne eher schüchterne David ist sowieso irgendwie knuffig: Wenn der kettenrauchende Glatzkopf mit Fluppe im Mundwinkel seine Backing-Vocals beisteuert, klingt das immer ein bisschen wie „Wuflflufffgruffgruff!!“. In der Setlist tummeln sich erfreulich viele ältere Perlen wie 'Bastard Chain', während das schwache „The Panic Broadcast“-Album nur mit dem melodiösen 'Let This River Flow' bedacht wird. Keine Frage: Der Aufwärtstrend vom letzten Album „The Living Infinite“ setzt sich auch live fort, und in dieser Form ist mit der Göteborg-Institution durchaus wieder zu rechnen.

EGO FALLRechnen sollte man auch mit den Rock-Hard-Lesern bereits bekannten EGO FALL, die an diesem Abend die Rolle des Anheizers selbstbewusst ausfüllen. Sie testen einige neue Songs, die zeigen, dass die Band genau an den richtigen Stellen dreht und den Core-Anteil zugunsten origineller, mongolischer Melodien reduziert hat. Diese Truppe hat einfach alles: cooles Aussehen, eine explosive Stage-Performance und vor allem eigenständige, gute Songs. Da geht was – EGO FALL werden ihre Chance garantiert nutzen, sollten sie diese im Rahmen einer Tour bekommen. Und weil der Abend so schön war, gibt’s als Draufgabe beim Verlassen der Halle einen jener berühmt-berüchtigten Dünnpfiff-Dialoge, für die man die Beijinger Fans manchmal einfach nur knuddeln möchte: „Krass Alter, Du hast Dir gerade im Pit zwei Zähne ausgeschlagen.“ – „Hahaha, ja genau, aber es ist mir wenigstens bei 'Exile' passiert, so geil, der Song.“ – „Aber den haben sie doch gar nicht gespielt!“ – … – „Oh.“

SOILWORK

 

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.
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Pics: Liu Jun

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