Online-MegazineKolumne

THIN LIZZY

Das Phänomen Thin Lizzy

PHILOMENA LYNOTT, HOLGER STRATMANN

Die Entscheidung, mit THIN LIZZY einen unserer Alltime-Faves endlich mit einer Titelstory zu würdigen, fiel ziemlich einstimmig. Nur: Wie porträtiert man eine Band, die sich vor über 30 Jahren aufgelöst hat und deren Bandleader beinahe genauso lange im Himmel musiziert? Man befragt das Umfeld, seinen besten Freund, Verwandte und seine musikalischen Begleiter. Einer von ihnen war leicht aufzutreiben: Die Black Star Riders, die aktuelle Band von Scott Gorham, kündigten Pressetermine für ihr neues Album an.

Aber auch der Rest, meinte Zompf Kupfer noch im Dezember 2014, wäre nicht so schwierig. Man schreibt einfach eine E-Mail an den Organisator des „Vibe For Philo“-Events in Dublin, Smiley Bolger. Der hatte Kupfer 1996 sogar an das Grab des farbigen Hünen verfrachtet und mit seiner Mutter bekanntgemacht, die unweit des Friedhofs lebt. Mit etwas Glück könnte man beim alljährlichen Lynott-Gedenktag weitere Zeitzeugen treffen. Das klang gut. Da wir mit Jörg Staude und Herrn Kupfer zwei Herren mit beträchtlichen THIN LIZZY-Sammlungen im Team haben, konnte auch nichts schief gehen, als es darum ging, dass sich noch jemand durch den Veröffentlichungsdschungel der irischen Legende kämpft. Da die regulären Studioalben nicht immer sonderlich glücklich ausfielen, gibt es bei THIN LIZZY etliche Bücher, Boxsets, BBC-Sessions und Live-Aufnahmen, die gleichwertig neben der offiziellen Diskografie bestehen. Eine Band für Sammler und Spürnasen.

Mittlerweile war es kurz vor Weihnachten, und Smiley hatte immer noch nicht geantwortet. „Der ist bestimmt mit der Organisation des Events beschäftigt und meldet sich noch“, beruhigte Kupfer, während ich mich fragte, ob wir zwischen den Feiertagen noch eine Reise nach Dublin organisiert bekommen. Ein Blick ins Internet verriet, dass das kurzfristig gewährleistet war. Doch Bolger meldete sich auch nach Weihnachten nicht, und im Rock-Hard-Office beschäftigte man sich mit der Frage, ob es sich lohnt, auf Teufel komm raus zum Todestag nach Dublin zu fliegen und darauf zu hoffen, dass man jemanden im Pub hinter der Lynott-Statue auftreibt. Kupfer war seinerzeit beim Zehnjährigen, wo allerlei Prominente in einer großen Halle LIZZY-Songs zum Besten gaben und anschließend gewaltig abfeierten, aber nach „nur“ 29 Jahren war keine große Veranstaltung zu erwarten. Vielleicht ein paar schweigsame Säufer am Tresen, die bei 'Whiskey In The Jar' mit dem Kopf nicken. Nein, dafür durften wir die Rock-Hard-Reisekasse nicht aufs Spiel setzen...

Zwei Wochen vor Redaktionsschluss ging dann ein anderes Türchen auf. Der Zeichner Jim Fitzpatrick meldete sich, allerdings wollte ich auch unbedingt Philomena Lynott interviewen. Ihr Buch „My Boy“ ist eine der ergreifendsten Musiker-Biografien, nirgendwo kommt man Phil Lynott näher als durch seine Mutter. Frage an Jim: „Wie erreichen wir Philomena?“ Antwort: „Schreib ihr einen Brief.“ Au weia. Aber Wehklagen hilft nicht, wenn man THIN LIZZY auf 24 Seiten ausbreiten will. Ein Blick in den Rechner verriet, dass die Dame bereits 84 Jahre alt ist. Ich las das Buch ein zweites Mal, wollte gut vorbereitet sein und keinesfalls in Fettnäpfchen treten, da sie Journalisten - zumindest die von der Tagespresse - offensichtlich nicht leiden kann. Okay, also ein Brief. Ich fuhr zum Postamt und sagte: „Auf dem schnellsten Weg nach Dublin bitte.“ Vier Tage später kam eine Antwort von ihrem Neffen Graham, immerhin per E-Mail. Nein, kommendes Wochenende sei nicht gut, man hätte im Ausland zu tun. Eine Woche später war zwar Redaktionsschluss, aber mittlerweile lief die Geschichte wie am Schnürchen. Die ersten Texte kamen. Kupfer traf Gorham in London und spät abends ausgerechnet einen Fuchs, seit dem „Johnny The Fox“-Album ein mystisches LIZZY-Tier. Ur-Gitarrist Eric Bell wurde interviewt, sowohl Fans als auch Rock'n'Roll-Priester Danko Jones hatten tolle Kolumnen zum Thema geschrieben.

Die Termine in Dublin standen, trotzdem war ich hypernervös, als ich Anfang Februar an das Haus auf der Halbinsel Howth klopfte. So eine Lady hatte ich noch nicht zum Vier-Augen-Gespräch gebeten, und ich wollte ja unbedingt etwas über Phil erfahren, ohne allerdings zu offensive Fragen nach seinem Tod, seiner Drogensucht oder anderen intimen, familiären Details aus dem Buch zu stellen. Zur allgemeinen Beruhigung wurde ich erst mal in Phils Ausstellungszimmer geführt, man bot mir eine Tasse Tee an. Frau Lynott hört bereits etwas schlecht, ansonsten hatten wir viel Spaß mit zahlreichen Anekdoten aus ihrem und Phils Leben. Nach dem Gespräch ging es zum Friedhof, wo wir eine skurrile Begegnung mit ein paar bekifften Kids hatten. Mrs Lynott fährt jeden Tag zum Friedhof, um das Grab sauber zu halten: „Die jungen Leute lassen hier immer Joints liegen.“ Vor einigen Jahren hat sie sicher auch Kupfers „Grabbeilage“ in den Müll geschmissen, einen BVB-Mitgliedsausweis von 1995.

Danach ging es zu Jim Fitzpatrick, dem Zeichner vieler LIZZY-Alben und der berühmten ikonenhaften Che-Guevara-Grafik in Schwarz-Weiß-Rot. Fitzpatrick ist ein wacher Geist der '68er-Generation, schweifte immer wieder ins Hochpolitische ab. Die Essenz davon könnt ihr im Heft lesen - und natürlich auch seine interessanten Aussagen zu seinem besten Freund Phil Lynott.

Ich hoffe, dass wir dem Phänomen THIN LIZZY möglichst gerecht geworden sind, und wünsche allen Lesern viel Vergnügen beim Verschlingen der 24 Seiten.

In unserem Shop könnt ihr Rock Hard Vol. 334 mit dem großen THIN LIZZY-Special bequem portofrei bestellen.

 

Folgende Videos wollen wir euch nicht vorenthalten:

 

Eine rare Video-Version von 'Don't Believe A Word' mit Gary Moore und Cozy Powell:

 

THIN LIZZY Live At The National Stadium 1974:

 

Eine sehenswerte 90-minütige Dokumentation über THIN LIZZY:

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