Online-MegazineKolumne

MOTÖRHEAD

Das letzte Interview

LEMMY KILMISTER

Das erste Mal wurde ich relativ früh in meiner journalistischen Karriere mit Motörhead konfrontiert. Und es endete im Desaster. Die Jahrtausendwende war gerade vollzogen, und die Band war dank „We Are Motörhead“ mit Volldampf ins neue Millemmyum gestartet. Ich sollte den Motörböss im Backstagebereich des Stuttgarter Longhorn zum Interview treffen.

Widerstrebend ließ ich mich von der resoluten Promo-Tante durch die Garderobentür schubsen, wo Lemmy in voller Kampfmontur (weiße Stiefel, Nietengürtel) auf einem Ledersofa thronte. Mir ging im Angesicht des leibhaftigen Warzengottes natürlich erst mal ordentlich die Klammer. Doch Lemmy war nicht nur viel kleiner als erwartet, sondern auch total nett und bot kräftiges Special Brew an, was meine Nerven beruhigte. Blöd nur, dass das Ganze als Mini-Pressekonferenz angelegt war. Der anwesende Kollege von einem inzwischen untergegangen deutschen Metal-Magazin verwickelte Lemmy in eine Diskussion, warum Motörhead denn nicht ihr eigenes Label gründeten. Lemmy hielt Plattenfirmen aber offensichtlich für das personifizierte Böse und den natürlichen Feind hart arbeitender Musiker wie ihn selbst und wurde richtiggehend stinkig. Was den Mitschreiber aber nicht davon abhielt, immer weiter auf diesem Thema herumzureiten. Als ich dann noch mit der Anregung kam, es wäre doch cool, wenn die doch immer recht gleichförmige Motörhead-Setlist endlich mal entrümpelt würde, war´s endgültig rum. Beim Konzert widmete Lemmy einen Song „dem Typen, der über die Setlist gemeckert hat“. Titel: ´Dead Men Tell No Tales´. Andererseits: Wie viele Leute können schon von sich behaupten, Motörhead hätten ihnen mal ein persönliches Ständchen zugedacht? Also sei´s drum.

Beim nächsten Mal war ich schlauer. Maßnahme eins: Ich nahm eine gute Freundin mit. Schließlich war Lemmy als großer Freund des weiblichen Geschlechts und vollendeter Gentleman bekannt. Eine Frau würde also sicher eine besänftigende Wirkung auf ihn haben. Zweitens verwendete ich eine gehörige Portion Gehirnschmalz darauf, mir Fragen zu überlegen, die der Vielinterviewte vielleicht noch nicht 5.000 Mal hatte beantworten müssen. Die Frauentaktik jedenfalls funktionierte prima. Lemmy flirtete hier ein bisschen, schenkte dort Whiskey nach und war überhaupt „all smiles“, wie der Engländer sagt. Nicht mal die angesichts der damaligen Motörhead-Merch-Flut (Wodka, Kopfhörer, Wein und was nicht alles) von mir nur halb scherzhaft gestellte Frage, ob es bald auch Motörhead-&-Shoulders-Shampoo geben würde (worauf Lemmy blaffte: „Ich hab keine Schuppen – die Leute, die welche haben, sollen gefälligst ihr eigenes Shampoo herausbringen“), konnte die Stimmung dauerhaft trüben. Das Interview wäre sogar noch ausführlicher ausgefallen, wären mir nicht frühzeitig die sorgfältig zurechtgelegten Fragen ausgegangen. Worauf Lemmy grollte: „Da hast du schon mal die Gelegenheit, eine Legende wie mich zu interviewen, und dann so was.“

Bei unserer letzten Begegnung im Jahr 2014 in Hamburg hatte ich dann meinen Leitfaden für Motörhead-Interviews voll ausgefeilt und neben einer Frau auch genügend Fragen und ein Fläschchen Wein im Gepäck (Lemmy war ja aus Gesundheitsgründen von Jacky auf Rosé umgestiegen). Das Ergebnis ist vielleicht nicht das perfekte Motörhead-Interview, aber doch eines mit Antworten, die man von Lemmy nicht schon zigfach gelesen hat. Außerdem ist es ein eindrückliches Zeitdokument dafür, wie er, den wir alle immer als unzerstörbar angesehen haben, mit seinen zunehmenden gesundheitlichen Limitierungen umgegangen ist: unerschrocken und mit unverwüstlichem Humor. Ahnen, dass es mein letztes Gespräch mit dem alten Bärbeiß sein würde, konnte ich damals natürlich nicht.

Ach ja, kein Zusammentreffen mit dieser Band ohne wenigstens ein bisschen Chaos: Der Klönschnack mit Lemmy zog sich derart in die Länge, dass sie beim Parkhaus schon die Schotten für die Nacht dichtgemacht hatten. Ein Schock, der mich trotz einiger Wodka Orange schlagartig wieder nüchtern werden ließ. Klar, in der Hansestadt kann man immer eine Nacht zum Tage machen, aber ich hatte ja noch Berichtspflichten in Wacken zu erledigen. Zum Glück hatte der Nachtportier vom Bandhotel die Nummer des Parkhausverwalters, der uns nach einigem Hin und Her doch noch das Tor aufmachte. Interviews mit Lemmy waren einfach immer ein Erlebnis.

 

Pic: Thorsten Seiffert (www.facebook.com/rnrreporter)

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