Online-MegazineKolumne

Das härteste Land der Welt (Teil 1)

Heavy Metal China

Einst war China die Zivilisation - und die Zivilisation war China. Alles, was da rund um das Reich der Mitte so kreuchte und fleuchte, war die Barbarei, die neidvoll zum gleißenden Licht der Zivilisiertheit emporblickte. Die Sonne in diesem Universum war der Kaiser, der in seiner Verbotenen Stadt als gütiger (naja) Botschafter der Tugend seine Untertanen kraft der ihm gegebenen Mustergültigkeit auf den rechten Weg führte. Der edle Mensch (also der Chinese) handelte korrekt und moralisch, war höflich und zivilisiert und daher ein leuchtendes Vorbild für die Barbaren (also den Rest der Welt).

Und jetzt, liebe Leser, willkommen in Beijing. Das Schöne an Chinas Hauptstadt ist nämlich, dass man sich hier als gelernter Motörheadbanger umgehend wohl fühlt. Der Grund: Der Prolofaktor in dieser Stadt ist einfach unübertroffen hoch. Dazu müsst ihr gar keine sozialpsychologische Tiefenforschung betreiben - geht einfach in das nächstbeste Restaurant und erfreut euch an den Tischmanieren eurer Sitznachbarn. Denn wenn diese nicht gerade die Kellnerin beflegeln oder begrapschen (mitunter beides gleichzeitig) werden sie sich über ihr Essen hermachen, dass man glauben könnte, eine Horde Wildschweine durchpflügt gerade euren Gemüsegarten. Angesichts solcher Gepflogenheiten verwundert es nicht, dass Chinesen eine Vorliebe für Heavy Metal haben und dieser höchstwahrscheinlich sogar in diesem Land erfunden wurde. Warum? Weil überhaupt alles vom Papier bis zur Nudel, die einst von italienischen Raubkopierern nach Europa entführt wurde, in China erfunden wurde. Irgendwann wird gewiss ein berühmter Historiker beweisen, dass Tony Iommi das Riff zu 'Paranoid' in Wahrheit einer mongolischen Hirtenfamilie unter Androhung schwerer Folter bzw. Ozzys Gesang entwendet hat.

Dass den Menschen in diesem Land insbesondere der Death Metal in die Wiege gelegt ist, merkt und hört man jedenfalls an jeder Straßenecke. Statt „seek and destroy“ heißt es hier halt „rotzen und spucken“, was einen immer und überall ereilen kann. Am schönsten finde ich es, wenn ich mich zu einem Haufen auf den Bus wartender Chinesen geselle. Es dauert dann meistens nicht lange, bis der erste aus den tiefsten Untiefen seiner Kehle den Urschleim durch ein beherztes Röcheln in Wallung bringt, woraufhin die dadurch aufgebrachte Masse durch Würgen in den oberen Bereich des Halses gegurgelt wird, um schließlich gleich einer entsicherten Kanonenkugel durch Ausspucken ihrer Flugbahn übergeben zu werden. Das können die anderen Wartenden natürlich nicht auf sich sitzen lassen und ehe man sich's versieht (oder verhört), wähnt man sich inmitten einer Kolonie liebeshungriger Erdkröten beim Balzgesang. Das klingt dann ein bisschen so, als ob alle „Sänger“ des Party.San-Festivals von Nifelheim bis Morbid Angel backstage Nabuccos Gefangenenchor anstimmen. Sitzt man schließlich im Bus, kommt einem durch das offene Fenster mitunter das entgegen, was der Mann zwei Reihen weiter vorne gerade hinausbefördert hat. Wobei, was heißt hier Mann? Letztens habe ich im vornehmen Einkaufsviertel Sanlitun ein hauchzartes, nerztragendes Fräulein dabei beobachtet, wie es gezielt auf die Prada-Schuhe seiner Freundin rotzte.

Doch kommen wir noch einmal zurück zu den Tischmanieren, die - wie schon erwähnt - natürlich auch „metal as fuck“ sind. Nudelgerichte werden unter der größtmöglichen Verursachung von Schlürfgeräuschen aus der Schüssel gesogen, was allerdings laut chinesischen Kochbüchern buchstäblich zum guten Ton gehört: "Der Respekt vor der Nudel verlangt nach einer geräuschvollen Begleitung", steht da geschrieben. Vom Respekt vor der empfindsamen Natur ausländischer Ohren weiß der Verfasser leider Gottes nichts. Geräuschabsonderungen jedweder Art sind also nicht nur nicht verpönt, sondern gelten im Gegenteil als Kompliment an die Küche. Ob Furzen und Rülpsen auch dazu zählen weiß ich zwar nicht, in diesem Fall liegt die Ursache vermutlich eher in der traditionellen chinesischen Medizin: Demnach müsse man den Körper regelmäßig von aufgestauten Säften und Gasen befreien. Daher werden abgenagte Knochenstücke mit Schmackes auf den Boden gespuckt (ich weiß auch nicht, warum mir jetzt gerade die Begriffe „Albrecht“ und „Brathähnchen“ einfallen), wo sie sich dann mit Zigarettenstummeln und Speichelresten zu einer hübschen kleinen Müllhalde vereinen.

Und so kam es, dass ich einst in einem Beijinger Gassenrestaurant, dessen Boden bereits verdächtig an das Hallstätter Gebeinhaus erinnerte, plötzlich niesen musste. Also nahm ich ein Taschentuch zur Hand und begann, mich - nicht besonders laut - zu schnäuzen. Die gerade noch allgegenwärtigen Schmatz- und Würgegeräusche verstummten umgehend und das gesamte Restaurant sah mich dermaßen strafend an, dass ich am liebsten freiwillig in den nächstbesten Suppentopf gesprungen wäre. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Absonderung von Rotz bei Tisch in ein TASCHENTUCH gilt als die größte Unsitte in China überhaupt - ganz im Gegensatz natürlich zum obligatorischen Hinrotzen auf den Boden. Weshalb die versammelte Lokalrunde nach einer geschlagenen Strafminute dann endlich weiterschmatzte und den in der Zwischenzeit aufgestauten Speichel verächtlich in die Richtung des ungehobelten Ausländers spuckte.

Doch auch sonst sind die Gebräuche der metallischen Subkultur tief im chinesischen Alltag verankert. Wer einmal eine amtliche Wall of death erleben möchte, kann sich den Eintrittspreis für’s nächste Heaven-Shall-Burn-Konzert getrost sparen und stattdessen eine kostengünstige Fahrt mit der Beijinger U-Bahn unternehmen. Denn natürlich wartet kein richtiger Beijinger, bis die Aussteigenden den Waggon verlassen haben, neeeein. Wo bliebe denn hier der Spaß? Also zwängt und drängt man sich nach dem Lemming-Prinzip und unter Aufbietung aller Kräfte sofort in die Kabine, sobald die Tür auch nur einen Spalt aufgeht. Auf los geht's los; es gilt das freie Spiel der Kräfte - Aussteigende, die den Regeln dieses fröhlichen Sozialdarwinismus nicht folgen können, haben eben Pech gehabt und fahren ein paar Stationen weiter als geplant.

Ähnliches gilt auch für das Freiwerden eines Sitzplatzes. Im Kindergarten gab es einst ein lustiges Spiel, bei dem die Kinder im Kreis um ein paar Sessel gingen, von denen es dann immer einen zu wenig gab. Auf Kommando stürzten sich die Bälger auf die verbliebenen Sessel, und wer dabei durch die Finger schaute, war draußen. Das spielen die Beijinger in der U-Bahn auch ganz gerne, wenn auch um einiges brutaler. Steht also irgendjemand auf, um sich in Richtung Ausgang zu quetschen, stürzt sich sofort eine Horde kurz vor dem Zusammenbruch stehender Hooligans auf den frei werdenden Platz. Vor meinem geistigen Auge taucht in solchen Momenten immer Candace Kucsulain von Walls of Jericho im Hintergrund auf und brüllt „Circle Pit!! Circle Pit!!“. Das führt jedenfalls mitunter zu heftigen Blessuren, zumindest jedoch zu noch heftigeren Beschimpfungen und Schmähungen an die Adresse des siegreichen Triumphators.

Einmal habe ich mir tatsächlich den Spaß erlaubt, den Anweisungen der offiziellen Hausordnungs-Tafeln (wuarharghargh!) Folge zu leisten und einer alten, am Stock gehenden Dame meinen Sitzplatz anzubieten. Was folgte, war ein mitleidiger Blick besagter Oma vor mir und eine handfeste Prügelei junger Burschen um den Platz hinter mir. Spätestens seit diesem Zeitpunkt bin ich froh, dass an den U-Bahn-Eingängen Gepäckkontrollen durchgeführt werden und die Mitnahme von Schuss- und Stichwaffen verboten ist.

In den folgenden Blogs werden wir das erschöpfende Thema des guten Benehmens im härtesten Land der Welt noch das eine oder andere Mal aufgreifen. Beim nächsten Mal schauen wir uns jedoch an, wie es den französischen Schöngeistern von Alcest bei ihrem letzten Besuch in Beijing ergangen ist. Ausländische Barbaren im Reich der Mitte – kann so was gut gehen…?

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

Hier geht es zum ersten, dritten und vierten Blogeintrag.