Online-MegazineKolumne

BRUCE DICKINSON

Auf der Suche nach dem wahren Ich

BRUCE DICKINSON

Ich würde nicht behaupten wollen, dass ein Gespräch mit Bruce Dickinson einem Fechtduell gleicht. Aber ein wenig Psychologie ist dabei immer mit im Spiel. Für szenefremde oder einfach nur unvorbereitete Journalisten ist der eloquente Akademiker (vermeintlich) leichte Beute. Einfach ein paar Stichworte in den Raum geworfen (Fechten, Fliegen, Van Der Graaf Generator), und schon hat man weitaus mehr Stoff für seine Story als zwingend notwendig.

Die Kehrseite der Medaille: Mit diesem Ansatz wird das eigene Interview womöglich nahezu deckungsgleich oder zumindest ziemlich ähnlich in einem halben Dutzend anderer Publikationen nachzulesen sein. Eine Unterhaltung mit dem ehemaligen Samson-Sänger wird aber erst dann so richtig interessant, wenn man sich auf ihn emotional sowie intellektuell einlässt. Auf seine Person, seine Interessen und seinen alles überstrahlenden Enthusiasmus. Denn in diesem Falle lässt sich Paul Bruce Dickinson auch auf sein Gegenüber ein. Fairplay. Tangentiale Gesprächsabweichungen sollten in diesem Falle allerdings mit eingeplant werden. Wenn man eigentlich über das neue Album „The Book Of Souls“ sprechen will und irgendwie beim Opus Magnum ´Empire Of The Clouds´ hängenbleibt (ich bleibe dabei: das Stück befindet sich nahezu auf einer Stufe mit ´Rime Of The Ancient Mariner´), dann hagelt es von Leserseite schon mal die Kritik: Thema verfehlt. Aber nur so kommt man dem eigentlichen Bruce Dickinson näher.
Dies mag auch die Anspruchshaltung an seine just in deutscher Sprache publizierte Autobiografie „What Does This Button Do?“ sein (ja, das Buch heißt auch hierzulande so!). Eine vielleicht etwas zu romantische Vorstellung. Das Werk unterhält zwar von der ersten bis zur letzten Seite, ist stilistisch brillant geschrieben und kaum weniger geschmeidig übersetzt, transportiert am Ende des Tages allerdings auch nur den gefilterten Eindruck, den die öffentliche Person Bruce Dickinson vom „privaten“ Bruce Dickinson dokumentiert sehen möchte. Fair enough. Die „Air Raid Siren“ (übrigens ein Spitzname, der ihm fast genauso zuwider ist wie „Bruce Bruce“ aus seligen Samson-Zeiten) weiß das und gibt es auch zu. Und das wiederum ist „typisch Bruce“ – mit dem man sich sehr wohl auf Augenhöhe unterhalten kann.

Aufgrund der Publikationszwänge des Verlagswesens ist laut Dickinson „eigentlich noch ein zweites Buch auf dem „cutting room floor“ gelandet“. Wer weiß, vielleicht wird es ja tatsächlich eine Fortsetzung geben? Und wer weiß, vielleicht erfährt der Leser dann auch mehr über Styx, Speed, Shots und Xero (hä?)... Es gibt jedenfalls nichts, was ich persönlich Bruce Dickinson nicht zutrauen würde!
Für die Deutschlandpremiere von „What Does This Button Do?“ wurde dann auch flugs der noble Admiralspalast in der Mitte Berlins angemietet. Die Stahlrohrtribüne des kleinen Saals, offiziell „Studio“ getauft, ist mit über 400 Fans bis auf den allerletzten Platz ausgebucht. Dickinson in seinem Element. Kein belesener Historiker, der den Entertainer gibt. Aber eben auch kein Entertainer, der den belesenen Historiker mimt. Einfach nur Bruce Dickinson, die fleischgewordene Fusion beider Charaktere. Ein gefundenes Fressen fürs Feuilleton. (Als Pendant fällt mir eigentlich nur noch Greg Graffin ein, Evolutionsbiologe und Punkrocker in einer Person).

Dickinson, der wohlerzogene englische Gentleman, sprintet im gedimmten Scheinwerferlicht gleich mit einem Schimpfwort auf den Lippen gen Bühne. Mit viel Verve und unbändigem Bewegungsdrang werden längere Episoden aus dem Buch vorgetragen, darunter auch ein paar nette Geschichten, die in der Druckfassung dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Dickinson kommt nicht einmal wirklich zur Ruhe, als Schauspieler und Hörbuchsprecher Gerd Köster deutsche Passagen aus „What Does This Button Do?“ vorträgt. Die Moderation obliegt Anja Caspary, Musikchefin von Radio Eins. Sie ist für den didaktischen Teil der 90-minütigen Lesung zuständig, und so wird in aufklärerischer Manier eingehend über Krebsvorsorge gesprochen. Lediglich die Zuschauerfragen kommen ein wenig zu kurz. Nur vereinzelte Karteikärtchen hat Bruce Dickinson aus der Lostrommel gezogen. Vielleicht sogar ein Rock-Hard-Abonnent nach Lektüre der Titelstory will wissen, warum Herr Dickinson für den EU-Austritt Großbritanniens votiert hat. Meine eigene Frage nach dem gefühlten Peinlichkeitsfaktor einer frühen Samson-Nummer wie ´I Wish I Was The Saddle Of A Schoolgirl´s Bike´ bleibt dagegen leider unerhört. Man kann eben nicht alles haben...