Online-MegazineKolumne

PERPETUAL MOTION MACHINE

A pleasant shade of grey

Smog

Die Farbe des Herbstes ist grau, und grau ist keine warme Farbe. Die Luft in Beijing erfreut sich bekanntermaßen eines gewissen Rufes, auch wenn es etliche Städte auf der Welt gibt, die noch verpesteter sind. In diesem Jahr konnte man die Herbsttage, an denen man so etwas Ähnliches wie die Sonne am Himmel sehen konnte, jedoch an einer Hand abzählen. Für die restliche Zeit legte sich ein besonders hartnäckiger Giftschleier über die Hauptstadt, mit Luftgütewerten, die in westlichen Ländern üblicherweise in Waldbrandgebieten gemessen werden. 

Das hatte seinen Grund, und der Grund hieß APEC – das Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsforum, zu dem Staatsgäste aus 21 Ländern anreisten, darunter Wladimir Putin und Barack Obama. Es war die wichtigste internationale Veranstaltung in China seit den Olympischen Spielen 2008, und hier wurde nichts dem Zufall überlassen – auch das Wetter nicht.

Und so setzte ein Heer von 400.000 Beamten und Staatsbediensteten alle Hebel in Bewegung, damit die hohen Gäste nicht jene schlechte Luft einatmen müssen, die sie ihren Bürgern ansonsten jeden Tag zumuten. 10.000 Fabriken, vor allem Stahlwerke rund um die Hauptstadt mussten ihren Betrieb für einige Wochen völlig einstellen, während 39.000 Stinker nur eingeschränkt und unter ständiger Überwachung operieren durften. Durch eine spezielle Nummernschildregelung verschwanden mit einem Tag 11,7 Millionen Autos von den Straßen der Hauptstadt, und als wäre das alles noch nicht genug, mussten selbst die Toten warten – der Revolutionsfriedhof Babaoshan hatte das traditionelle Verbrennen der Kleider während des Tagungsverlaufs vorübergehend ausgesetzt.

Der Erfolg blieb nicht aus – während des knapp einwöchigen Gipfeltreffens strahlte der Himmel über Beijing tatsächlich in einem satten Blau, für das die Hauptstädter kurzerhand eine neue Farbkategorie einführten: APEC-Blau. Das Vergnügen währte jedoch nur kurz und musste teuer bezahlt werden: Da in China natürlich niemand auf seine Wachstumsziele verzichtet – Staatsgäste hin, Umweltschutz her – arbeiteten die Hochöfen für den Rest des Herbstes mit verstärkter Feuerkraft. „Production adjustment“ nennt man das, und die Fabriken knallten in der restlichen Zeit alles raus, was die Schornsteine hergaben. Dabei hatten sie es so eilig, dass sie selbst auf rechtlich vorgeschriebene Reinigungsprozesse verzichteten, weswegen die Luft von Oktober bis Dezember doppelt so verdreckt war als ohnehin schon üblich. Aber wie gesagt, bei der APEC war’s schön. Under a pale grey sky we shall arise.

Was macht man also, um sich von den Folgen des Overkills zu erholen? Man geht ins notorisch verrauchte Mao Live House und schaut sich dort PERPETUAL MOTION MACHINE (永动机) an. Die Band hat mittlerweile drei Alben heraußen und genießt in der chinesischen Szene einen hervorragenden Ruf. Zu Recht, wie sich herausstellt: Die Pekinger treten in einer klassischen Dreizack-Formation an und füllen dieses Format dank ihres spielerischen Niveaus formidabel aus. Die Band ist extrem gut aufeinander eingespielt, ihre Rädchen greifen exakt ineinander über und entfachen einen Groove, der unmittelbar vom Hirn in die Beine übergeht. Dabei ist es gar nicht so einfach, den Stil des Trios zu beschreiben, denn jeder Song klingt anders: Einmal hört sich das nach Prong an, dann nach aggressiveren Therapy?, als nächstes nach Amplifier und schließlich sogar Motörhead. Dabei schafft es die Band irgendwie, dennoch homogen zu klingen, denn der Wind der mongolischen Steppe zieht sich wie ein roter Faden durch die Songs.

Blickfang ist der Sänger und Gitarrist Bai Jin, der an seiner Gitarre wie ein meditierender Zen-Buddhist mit einer mysteriösen Ausstrahlung wirkt. „Der Bandname leitet sich vom alten Namen meines Familienclans Yehonara ab, der noch aus der Qing Dynastie stammt. Das bedeutet ‚Sonne über dem Flussufer‘, und da sowohl die Sonne als auch der Fluss ständig in Bewegung sind, ergab das für sie eine Art Perpetuum mobile“, erklärt Bai den Bandnamen. Mittlerweile hat die Truppe drei Alben am Start, ihre letzte Platte „Battle.Song.“ ist gerade erst erschienen. „Unsere Songs beinhalten immer zwei Elemente: Zum einen alte Volkslieder, welche von chinesischen Helden, Kriegen und Legenden erzählen. An solchen Stellen wirkt die Musik natürlich relativ heavy. Zum anderen verarbeiten wir aber auch die Beijinger Folklore mit Elementen aus der Peking-Oper und fröhlichen Tanzliedern. Ich denke, das bringt unserer Musik ein gewisses Funk-Element“, charakterisiert Bai den Stil.

Die Texte schreibt der Meister selbst, wobei er sich von alten Sagenbüchern und der Historie inspirieren lässt: „Unser populärster Song ‚Bei Hai‘ erzählt von einem frustrieren Mann, der in das Wasser gehen will, um Selbstmord zu begehen. Dabei erinnert er sich an sein zurückliegendes Leben, den Kaiser, die Kriege der alten Zeit und wie viel er dabei verloren hat.“ Auf der Verliererseite sehen sich PERPETUAL MOTION MACHINE allerdings nicht, denn die Band hat Großes vor: „Ich möchte ein sehr spezieller, chinesischer Rockstar werden, und ich hoffe, dass wir genügend Geld verdienen werden, dass wir auf der ganzen Welt bekannt werden.“ Wenn sie denn vorher nicht im Beijinger Dauersmog ersticken.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.