Online-MegazineKolumne

Metal im TV

Jaja, ich weiß. Jetzt werden ein paar Schlaumeier sagen: „Wieso? Gibt‘s doch gar nicht!“, und die zahlreichen Leserbriefschreiber der letzten Jahre haben natürlich Recht: Gemessen an Plastikpop, haben Hardrock und Heavy Metal einen TV-Ausstrahlungsanteil von 0,01 Prozent. Trotzdem, wer seinen Videorecorder in den letzten 20 Jahren gelegentlich fehlerfrei programmieren konnte, durfte sich über einige kleine, feine, mitunter sensationell gute Konzerte, Dokus und Obskuritäten freuen.

Vor zwei Dekaden war der Rockpalast popularitäts- und sendetechnisch voll auf der Höhe. Grugahallen-Nächte mit The Police oder The Who rockten ganz Europa, und als teenagender Metal-Fan dachte ich, dass es nur eine Frage der Zeit sein könnte, bis die Macher uns mit der aufkeimenden Metal-Szene berieseln würden. Doch außer Konzerten von Althelden wie Rainbow, MSG oder UFO und eher zufälligen (?) Momentaufnahmen (Trust in Kölle 1982) blieb die Mattscheibe quasi schwarz.

Der NDR-Beatclub brachte immerhin Bands wie Viva, More, Iron Maiden oder Saxon in halbstündigen „Live In The Studio“-Sessions. War Metal ansonsten mal wieder zu asozial fürs Fernsehen - oder die Rockpalast-Macher zu verkopft? Als die WDR-Legende Mitte der Neunziger endlich wieder verstärkt auf Sendung ging, standen plötzlich „Unterhaltungskünstler“ wie Tocotronic, H-Blockx, Radiohead oder wer sonst auf dem Bizarre-Festival nicht rocken konnte im Mittelpunkt. Besonders amüsant waren dabei manche Gesangswunder der Alternative-Elite, die keinen Ton treffen, wie etwa Andy Cairns (Therapy?) oder Dave Grohl (Foo Fighters). Aber auch Bands wie Metallica, HIM oder Paradise Lost haben sich bei gnadenlos trockenem Sound auf Zimmerlautstärke schon nach Kräften blamiert - und Ozzy liest seine Texte bekanntlich ab. Live-Profis wie die Red Hot Chili Peppers, Type 0 Negative, Iggy Pop oder Social Distortion lassen hingegen auch im TV meist nichts anbrennen. Und bei der Rock‘n‘Roller-Fraktion (Hellacopters, Gluecifer, Turbonegro) bleiben wir eh gerne auf. Ein Blick auf die Rockpalast-Homepage und in den Videotext lohnt sich also wieder. Doch die Wartezeit an diesen Abenden kann sehr laaaaang werden (schnarch!)...

Den denkwürdigsten Event hat mit Sicherheit das ZDF auf die Beine gestellt: Rock/Pop In Concert 1983. Das beste Line-up aller Zeiten (jede Band ein Headliner für sich!) liest sich wie ein Who´s who der Achtziger: Iron Maiden, Ozzy Osbourne, Def Leppard, Judas Priest, MSG, Scorpions, Quiet Riot und Krokus. Das reichte damals trotzdem nicht, um die Dortmunder Westfalenhalle auszuverkaufen! Metal war längst nicht so populär wie heute.

Ebenfalls unvergessen: Motörheads und Girlschools Playback-Auftritt in der Pop-Sendung Musikladen. Philthy trat das Drumkit noch vor dem Schlussakkord um, Girlschool trugen kurze Röcke, und Lemmy zeigte der Kamera den Stinkefinger. Fanden wir damals echt cool!

Das seltsamste Ereignis der deutschen Fernsehgeschichte waren allerdings die NWOBHM-Düstermetaller Angel Witch in irgendeiner DDR-Jugendsendung! Wie bitte sind die da reingekommen? Falls jemand hier nähere Details kennt, bitte an unsere Leserbriefecke wenden!

Die Zeit des Privat- und Musikfernsehens begann. Annette Hopfenmüller mühte sich bei Hard‘n‘Heavy (Tele 5) irgendwie vergeblich ab und blieb trotz emsigen Einsatzes typisch München (Hauptsache Rumposen). Das etwas ungleiche Trio Frank Hinz/Kühnemund/Sabina Classen (Mosh/RTL) hatte hingegen Charme und wurde nach Meinung vieler Fans zu früh beerdigt. Nach Mick Walls hochgelobter Pioniersendung Monsters Of Rock auf Sky Channel avancierte MTVs Headbangers Ball zur besten und professionellsten Sendung der Metal-Geschichte. Okay, der Haarturm von Vanessa Warwick war extrem schrill und der Moderatorenthron ziemlich kitschig. Aber die wöchentliche, topaktuelle Sendung war klar verständlich moderiert und allen Metal-Strömungen (bis hin zu Thrash- und Death Metal!) gegenüber offen. Die zwei Stunden standen in krassem Gegensatz zu den VIVA-Versuchen, sich der Metal-Szene zu nähern. Metalla (watt?) war zunächst ein wenig niveauarm, später fehlte der Bezug zur Szene, ehe das Projekt nach relativ hilflosen Reanimierungsversuchen eingestellt wurde.

Einziger Hoffnungsträger der letzten Jahre war die Nu Metal-Nachhilfestunde MTV Sushi mit Handballstar Stefan Kretschmar. Kurzweilig, zuweilen witzig und ein bisschen anarchistisch (weil konzeptlos). Ist auch eingestellt. Wenigstens zeigte Charlotte Roche bei Fast Forward, dass „headbanging in the public“ das Zeug zum Volkssport hat. Die akustische Untermalung kam von Manowar, Carcass, Napalm Death und Cannibal Corpse. Mehr davon bitte!

Metal & TV, da ist unterhaltsamer Schwachsinn nicht weit. Randalica mischten die superkäsige SAT.1-Soap „Parkhotel Stern“ zur Rentner-Fernsehtime sonntagmittags auf; in der Pause versuchte die Werbewirtschaft, Klosterfrau-Melissengeist und Heizdecken zu verkaufen. Report München besuchte ein GWAR-Konzert. Eine beschwörend-ernste Stimme aus dem Off: „Sie sahen Obszönitäten der extremsten Art...“ - während Oderus‘ Riesenpenis gerade von Roadies in klischeehaften Außerirdischenkostümen mit einem Plastik-Saugrüssel bearbeitet wird...

Stephan Weidner bei Biolek, Campino überall. Krawall-Diskussionsshows wie Der heiße Stuhl behandelten Thesen wie „Rockmusik ist Teufelswerk“, die Experten waren Mille, Tim Renner und Kai Hawaii. Gott sei Dank: Auch Random-Nietenpapst Fred Otto wurde noch zum „RTL-Experten“ geadelt. Christa Jenal warf „Zeitschriften wie Rock Hard vor, dass sie die Jugendlichen instrumentalisieren, weil sie eigentlich an der Sache verdienen wollen...“, machte aber selbst beste Werbung für Cannibal Corpse im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, indem sie deren appetitliche Songtexte ins Deutsche übersetzte. Leichenficken mit Verstümmelung im Kulturspiegel, igittigitt! Noch Hintergründigeres erfuhr man in der ZDF-Doku Thrash Altenessen. Rob Fiorettis Vater: „Der Boggy sackt die ganze Kohle ein, und die Jungs sehen nix!“ Gut, jetzt wissen wir endlich, wer an allem schuld ist....

Genau zwei gute und objektive Specials zum Thema gab es. 1993 fabrizierten ZDF/3SAT in der Reihe Lost In Music das Special „Metalmania“. Über die Stationen Kühnemund, Kreator, G.U.N. Records, Andreas Marshall, Depressive Age und Hamburger Bands wie Eisenvater und Erosion gab‘s einen schönen Überblick, worauf es beim Metal ankommt: anders sein, kritisch sein, Gewalt verarbeiten und ablehnen. Und natürlich die Liebe zur Musik...

ARTE setzte 1996 noch einen drauf. Der Themenabend Heavy Metal - Willkommen in der Hölle! lieferte erstklassige Home-Reports von einem sehr gut aufgelegten Lemmy (im Proberaum und mit farbiger Freundin, die sich für The Lem „Heavy“ auf die Titten tätowieren ließ!), Sepultura (bei den Cavalera- und Kisser-Families in Arizona), Judas Priest (auf Tiptons Landsitz), Venom (großkotzige, liebenswerte Chaoten) und Ozzy (backstage). Doch der rote Faden war der amerikanische Schnulzensänger Pat Boone, der ein Coveralbum mit Hardrock-Klassikern vorbereitete und damit witzige Begegnungen und Kommentare provozierte. Fazit: Heavy Metal ist alles andere als asozial, sondern eine fantasiereiche Musikrichtung cooler Leute, die in allen möglichen Gesellschaftsschichten gehört und verstanden wird. Fucking hell!

Teil drei des Abends beschäftigte sich ausführlich mit dem Reno-Prozess gegen Judas Priest, der von den Eltern zweier Teenager angestrengt wurde, die sich mit der Flinte die Rübe weggeblasen hatten. Das fassungslose Gesicht von Rob Halford im Gerichtssaal, als ein Priest-Song „rückwärts“ abgespielt wird (um zu überprüfen, ob die Aufforderung „Do it!“ enthalten ist), werde ich nie vergessen. Die Filmemacher bezogen eindeutig Stellung: ein Schauprozess amerikanischer Machart!

Das Schöne an dem ARTE-Special: Die Leute durften ausreden, spleenige Marotten wurden als das dargestellt, was sie sind: harmlose Späße von Leuten, die sich eine Parallelwelt zur uniformierten Konsumgesellschaft erschaffen haben. No Bürgerschreck at all!

Teil zwei widmete sich französischen Heavy Metal-Fans, die offensichtlich auch ganz gut drauf sind. Ich verabschiede mich mit der gewagten Theorie eines Bäckers: „In der Bäckerei ist vieles wie beim Heavy Metal. Für mich ist das hier wie in einem Leichenschauhaus. Wenn ich meine Brote forme, ist das wie bei einer Autopsie. Wenn das Brot gebacken wird, ist das wie die Hölle - der ganze Hardrock basiert ja auf Flammen, Feuer und Tod.“

Eigentlich logisch. Guten Abend!