Online-MegazineKolumne

25 Jahre Wacken

WACKEN 1991

Exklusive Sneakpreview zu „25 Years Of Wacken – Snapshots, Scraps, Thoughts And Sounds“

Am 21. November erscheint mit „25 Years of Wacken – Snapshots, Scraps, Thoughts And Sounds“ ein fettes Package, dass nicht nur drei DVDs bzw. Blu-rays mit den Konzerten vom 25-jährigen Wacken-Jubiläum enthält. Obendrauf gibt es noch ein 200 Seiten starkes Media Book, voller „Snapshots, Scraps, Thoughts and Sounds“ aus 25 Jahren W:O:A.
Bei uns lest ihr ein exklusives Sneakpreview aus dem Buch und könnt euch zahlreiche Fotos aus den Jahren 1990 bis 1994 anschauen. Vorhang auf für die beschaulichen Beginne des größten Metal-Festivals der Welt!

1990

Es begann in einer Kneipe...

Thomas Jensen und Holger Hübner sind begeisterte Metalfans. Schon seit 1988 haben sie die ein oder andere Party auf die Beine gestellt, Reisen zu Konzerten im In- und Ausland organisiert (u.a. Roskilde und Monsters of Rock) oder umliegende Landgasthöfe für ein paar Hundert Mark angemietet, um dort Rockpartys zu veranstalten.
Im Herbst 1989 geschieht schließlich ein schicksalshafter Kneipenbesuch im Wackener Landgasthof „Zur Post“. Sonntags trifft sich dort stets der TSV Wacken, in dem Holger als Mittelstürmer und Thomas als Rechtsaußen spielt. Der gemeinsame Kumpel Norbert schlägt an besagtem Abend vor, ein eigenes Open Air auf die Beine zu stellen. Eben jenes könne in der „Kuhle“ stattfinden, wo auch der lokale Motorradclub „No Mercys“ seine Treffen abhält. Schnell werden sich die vier Kumpels einig. Neben Holger und Thomas sind noch Thomas‘ Bruder Jörg und Andreas „Gösy“ Göser dabei, der zusammen mit Thomas in der Coverband Skyline spielt. Campingflächen sind ein Muss. Zu oft hat Holger sich auf Grund ungünstiger Spielzeiten bei anderen Festivals die Nächte im Auto um die Ohren geschlagen. Thomas verfügt über allerlei Kontakte, so dass Bands für das eigene Festival gebucht werden können.

Büro im Jugendzimmer

Das „Festivalbüro“ befindet sich im Jugendzimmer von Andreas. Dessen Mutter Regina kümmert sich von der Küche aus um den Vorverkauf, und ein lokaler Bankmitarbeiter gewährt den jungen Leuten einen Kredit. Die selbst konstruierte Bühne besteht aus einem quer aufgestellten Bierzelt von Manni Landsberger, der auch heute noch Zelte für das W:O:A liefert. Neben dem Bierzelt wird an beiden Seiten ein LKW geparkt, bereitgestellt von Frauke Lagerpusch aus Wacken (damals eine Spedition, heute Sitz vom W:O:A Headquarter). Der gesamte Bau wird mit Gaze verkleidet. Das Ergebnis sieht erstaunlich professionell aus und erinnert die Macher mit Freude an ihr großes Vorbild: Das Monsters of Rock-Festival. Die gesamte Konzerttechnik befindet sich auf der Ladefläche eines kleinen Lastwagens. Um die Getränke und Verpflegung kümmert sich Jörg, der ebenso wie Vater Jensen im Einzelhandel tätig ist. Die Raiffeisenbank liefert per Verlängerungsschnur den Strom, und die örtliche Feuerwehr stellt ein Notstromaggregat zur Verfügung. So wird das erste Wacken Open Air am 24. August 1990 um 19:00 Uhr eröffnet. Und es gibt bereits einen ersten Sponsor: Hinnerk Husmanns Unternehmen Aquafant sponsert die T-Shirts.

Das erste Wacken!

Dabei sind einige lokale Bands (u.a. natürlich Skyline mit Thomas am Bass und Andreas am Schlagzeug) sowie die gut etablierten Wizzard. Am Freitag spielt Thomas mit seiner Band für anderthalb Stunden, worauf eine ebenso lange Pause folgt. In dieser Zeit arbeitet er am Bierstand, und das verdiente Geld wandert mangels echter Kasse erstmal in die Hosentasche. Nach dem musikalischen Programm auf den Bühnen startet die Metal-Disco mit Holger als DJ. Securitys oder Zäune gibt es keine, das Gelände wird von einem Freund mit Hund überwacht. Das Festival geht mit einem erfolgreichen +/- 0 zu Ende. Viel Herzblut, freiwillige Helfer und Bandgagen von 400 bis 500 DM verhindern rote Zahlen. Bauer Helmut Widderich, dessen Kühe für gewöhnlich in der Kuhle weiden, überwacht die Säuberung des Geländes nach dem Festival genauestens und bemängelt jeden liegengebliebenen Zigarettenstummel und jede Scherbe. Entsprechend lange ziehen sich die Aufräumarbeiten hin.
100 produzierte Wacken Shirts 12 Mark 6 Bands 2 Tage
800 Besucher

1991

Landkreis Stoned Castle

Die Veranstalter des Wacken Open Airs machen beflügelt vom Erfolg der ersten Auflage weiter und treten wie bereits vor dem ersten W:O:A unter dem Namen Stoned Castle Rock Promotion auf. Der von Thomas Jensen erdachte „Firmenname“ stellt natürlich einen Verweis auf den Landkreis Steinburg dar, in dem auch das in der Nähe des Nord-Ostsee-Kanals befindliche Dorf Wacken liegt. Eng damit verbunden ist natürlich der Wacken-Schädel. Diesen hat Mark Ramsauer entworfen, nachdem Thomas und Holger bei einer Flasche Jack Daniel’s die Grundoptik festgelegt haben. Die Idee als Basis einen Kuhschädel zu verwenden, wird nicht nur damit begründet, dass das Festival auf einer Kuhwiese stattfindet, sondern auch damit, dass Holger und Thomas „Jungs vom Dorf“ sind. Da sich die Kuhle als optimal für ein Festival erwiesen hat, wird wieder dort geplant. Der Untergrund ist fest, und in der Mitte findet sich eine leicht erhöhte Sandfläche.

Die erste US-Band

Für die zweite Auflage des Festivals werden wieder alle eingespannt, auch die Eltern helfen. Erstmals gibt es jetzt ein Festivalposter, das von Pepsi mit 500 DM bezuschusst wird. Dafür enthält das fertige, in den Druckfarben Schwarz und Rot gehaltene Produkt jedoch auch ein großes Logo des Getränkeherstellers. Fast etwas stärker sticht aber die zweifach untergebrachte Zeile „Zeltplatz vorhanden!“ ins Auge. Eine Tatsache, die im Fan größte Freude auszulösen vermag. Durch den Einsatz aller Beteiligten wächst das Festival, obwohl die auftretenden Bands immer noch zu den eher Unbekannten zählen. Doch es wird bereits eine US-amerikanische Band eingeflogen: Gypsy Kiss! Der Kontakt zur Band kam über Thomas’ und Holgers gemeinsamen Freund Ole Bergfleth und seiner Firma Rising Sun Productions zu Stande. Weitere Bands im Billing sind Bon Scott, Kilgore, Life Artist, Ruby Red, Shanghai’d Guts und Skyline. Bei Kilgore sitzt damals übrigens AC Dreffein am Schlagzeug. Er ist heute Agent von u.a. Avantasia, Edguy und Gamma Ray.

Wacken wächst

Da deutlich mehr Leute als im Vorjahr den Weg in die Kuhle gefunden haben, entstehen auch höhere Kosten für die Müllbeseitigung und Entsorgung. Stoned Castle Rock Promotion plant dementsprechend Veranstaltungen während des Jahres, um Einnahmen verzeichnen zu können und Erfahrungen zu sammeln.
1.300 Fans 15 DM Eintritt

1992


Sogar mit Saxon

1992 bietet sich den Festival-Machern die Möglichkeit, Saxon zu buchen. Thomas Jensen, damals 26 Jahre alt, zögert nicht lange und geht zur Raiffeisenbank. Dort arbeitet nicht nur sein Nachbar Günther, sondern die Bank hat bereits das erste Festival mit Strom versorgt. Also angeklopft und nachgefragt: Thomas erklärt Günther begeistert die Situation. Günther fragt nach den Kosten und gewährt Thomas schließlich einen Kredit über 25.000 Mark.
 
Die erste Party Stage

Weiterhin kann ein Sponsor für das Festival gefunden werden: Prince Denmark. Leider bringt das relativ wenig, da das Geld größtenteils für die Erfüllung der Werbeauflagen drauf geht. So werden der Veranstaltung ein Standartposter und Flyer aufgezwungen. Dass das W:O:A expandiert, wird nicht nur durch die Verpflichtung der Metal-Urgesteine Saxon und Sponsoring deutlich, sondern insbesondere durch eine professionelle Bühne, eine „echte“ PA sowie eine zweite Bühne. Diese trägt den Namen Party Stage und bietet vor allem Spaß- Combos eine Plattform.

Bauer Trede

Uwe Trede, heute (und nicht zuletzt durch die Dokumentation „Full Metal Village“) eine bekannte Kultfigur auf dem Wacken Open Air, hilft Thomas und Holger auf Grund mangelnder Park- und Campingflächen aus. Seine Koppel, die gegenüber der Kuhle liegt und heute die Hauptbühnen beherbergt, kann von den Veranstaltern genutzt werden. Bei Uwe sind die Organisatoren früher schon Trecker gefahren und schätzen das offene Ohr, das dieser stets für die Jugend hat. Bei den Bauern vermittelt er, wenn es Probleme gibt, und tritt stets als Fürsprecher für das Festival auf (auch wenn mal ein Besucher mit seinem Auto ins Maisfeld rauscht).

Rote Zahlen

Trotz größter Anstrengungen, kann das Festival nicht mit schwarzen Zahlen abgeschlossen werden. Falsche Beratung durch die Security-Firma und zu viele Fans, die nur campen, aber kein Ticket kaufen, verursachen ein Loch in der Kasse.
35 Mark 3.500 Besucher 2 Bühnen 20 Bands

1993

Ein steiniger Weg

1993 entpuppt sich als größter Flop in der Festival-Geschichte. Die dritte Ausgabe hinterlässt bei allen Beteiligten einen sehr bitteren Beigeschmack und wäre fast das letzte W:O:A geblieben. In der Familie Jensen gibt es einen Todesfall. Alle Konzerte außerhalb vom W:O:A floppen. 


Fates Warning und Doro

Die US-Prog-Institution soll ihren einzigen Europa-Gig des Jahres 1993 auf dem Wacken Open Air spielen. Viele Metal-Fans bezweifeln, dass Holger und Thomas ein solcher Coup tatsächlich gelungen ist und treten die Reise zum Festival aus Angst vor einer Enttäuschung gar nicht erst an. Zudem findet zeitgleich die Popkomm in Köln statt, so dass einige potentielle W:O:A-Besucher dort hingehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die, die nach Wacken kommen, sich zum Teil nur auf dem Zeltplatz aufhalten, wo sie keinen Eintritt leisten müssen. Die Menge der zahlenden Besucher liegt mit 4.000 nicht wesentlich höher als im Vorjahr.
Im Gegensatz dazu haben sich die Kosten für die Veranstalter jedoch deutlich erhöht, u.a. weil neben Fates Warning auch Doro verpflichtet worden ist. Insbesondere Fates Warning entpuppen sich als heftiger Kostenfaktor. Eine ganze Woche probt die Band in einem Studio in Wilster, was hohe Rechnungen nach sich zieht. 


Krisentreffen

Mit einem Minus von etwa 350.000 DM kommt es im Dezember 1993 zu einem Krisentreffen. Holger, Thomas und Co. haben viel Geld in die Werbung für ein Motörhead-Konzert in Flensburg gesteckt, und ein von ihnen organisiertes Konzert von Dio in der Eiderlandhalle in Pahlen endet mit einem Desaster: Nur 167 Leute erscheinen. Schließlich übernehmen die Eltern Bürgschaften für die Schulden, und ein weiterer Kredit hilft aus. Drei Team-Mitglieder verlassen das sinkende Schiffe, so dass sich das Duo Hübner/Jensen immer mehr zum alleinigen Aushängeschild für die Aktivitäten herauskristallisiert.
3.500 Besucher -350.000 DM

Mehr Infos zu  „25 Years Of Wacken – Snapshots, Scraps, Thoughts And Sounds“ findet ihr hier.

 

 

Autor: Tim Eckhorst

 

Pics: Wacken-Archiv