Online-MegazineKolumne

Die roten Augen von Görlitz

Diese Story unseres Dosenblech-Experten Mühlmann ist die erste Online-Abo-Story, die NICHT im gedruckten Rock Hard erscheinen wird. Sie steht vorerst nur den Online-Abonnenten zur Verfügung. Weitere exklusive Website-Artikel (Interviews, Hintergrundberichte usw.) werden folgen.

Eyn frühzeytlich Spectaculum in drey Akten

Die Handelnden:

- Erzähler (erzählt einiges)

- König Balafast (ehemaliger Vegetarier, dick, geizig)

- Königin Hyazinthe (schön, lesbisch, emanzipiert)

- Hofnarr (multiple Persönlichkeit)

- Der Jonglierende Dreiäugige (Minnesänger, sieht sich nicht)

- Haubentaucher (auch Minnesänger, Sprachfehler)

- drei Meerkatzen (aber nicht mehr lange)

- Moritatensänger (abgehalftert, politisch eher zwielichtig)

- Zechpreller (zugereist, betrunken)

- Ritter (nicht zugereist, aber auch betrunken)

- Fackelträger (sagt nichts)

- der Mann mit dem Strominstrument (sagt auch nichts)

- ein Manager (Sieger im Streit)

- ein anderer Manager (Verlierer im Streit)

- sowie über 100 Überraschungsgäste (lasst euch überraschen)

 

Prolog

”Hört von der Königin Hyazinthe!

Die dachte, dass sie ihr Glück ohne Männer finde.

Denn ihr Lachen trieb jeden Specht von der Rinde.

Doch sie geriet einem dicken König vor die Flinte.

Und saß dann gewaltig in der Tinte.

Aber sie überlegte lange und ersann eine Finte.

Ein Ritter soll sorgen, dass der König verschwinde.

Und sie im Schutze der Nacht wegsprinte.

Ein teuflischer Plan! (Mal gesagt, ganz gelinde.)”

 

1. Akt

Erzähler: Der Vorhang hebt sich, die Bühne dreht sich. Ein Krüppel hüpft von Ast zu Ast. Es ist der Hofnarr des Königs Balafast...

Während sich der Narr mit den drei Meerkatzen um Apfelreste streitet und ”Frieden im Tierreich!” kreischend einen der Primaten mit der Nagelkeule erschlägt, mampft der Despot gelangweilt an einem Truthahnschenkel, schlürft Wein und jammert bitterlich.

König: ”Ich langweile mich von früh bis spät. Und in meinen Lenden auch gar nichts mehr geht!”

Königin (lacht kratzig): ”Erstens: Wenn Ihr Euch langweilt, dann sucht Euch ein Hobby. Zweitens: Glaubt ja nicht, dass zwischen meinen Schenkeln Platz für Euch sei. Und drittens: Könnten wir auf eine Konversation in Reimform verzichten? Denn das hält der Erzähler niemals bis zum Ende der Geschichte durch.”

Hofnarr (kaut Apfelrest): ”Ich weiß um Eure Qual, Gebieter. Deshalb habe ich nach einem Moritatensänger rufen lassen. Man sagt, er sei der billigste im ganzen Land.”

König: ”Lasst ihn sofort kommen.” Und leise vor sich hin brummelnd: ”Damit hier überhaupt noch etwas kommt...”

Moritatensänger (schlürft herein, hebt Arm zum Gruß): ”Heil König! Kamerad Hofnarr berichtete mir, Ihr suchet verzweifelt nach Kurzweil. Ich werde sie Euch schenken, für drei Taler.”

König: ”Einen Taler!”

Moritatensänger (kneift das linke Auge zusammen): ”Zwei!”

König: ”Einsfünfzig.”

Moritatensänger: ”Einverstanden.”

König (greifst nach einem weiteren Truthahnschenkel): ”Nun denn!”

Moritatensänger (humpelt näher und beginnt mit gebrochener Stimme sein Lied): ”Ich bin ein alter, abgehalfterter Mahann, der ohne Heimat nicht leben kahann, früher war alles bähässer, da gab’s weniger Auslähähnder.”

König: ”Hä?”

Moritatensänger (mit stolz geschwellter Brust): ”Das ist das Lieblingslied des Grafen Teutos von Schloss Teutonenhorst!”

König (zornig): ”Sprich nie wieder den Namen dieses Rassisten aus! Singe mir ein trauriges Lied von nicht erwiderter Liebe, unerfüllter Lust und Beischlaflosigkeit.”

Moritatensänger (weiß sehr wohl um das Problem des Herrschers und grinst deshalb hämisch): ”Oh! Wie wäre es mit dem guten, alten ´Totus Florio´?”

König (wirft den Knochen des Truthahnschenkels dem Hofnarren zu): ”Nun denn, meine Zeit ist knapp.”

Moritatensänger (grinst noch hämischer und beginnt sein Lied): ”Du denkst nur an das eine, oh Florio; du weißt schon, was ich meine, tu doch nicht so; oh, oh, Totus Florio; jammern hat jetzt keinen Sinn mehr; und drum bin ich froh...”

König (das Gesicht zur Faust geballt, ruft seinen multiplen Hofnarr): ”Narr! Dieses Schandmaul muss bestraft werden! Welche Art der Qual schwebt dir vor?”

Hofnarr (gerade in dem Vorjahresbericht von amnesty international vertieft, blickt kurz auf): ”Man nehme ihm das linke Ei, das rechte lege man in Blei.”

Königin: ”Reime! Bitte keine Reime mehr!”

König: ”Ich langweile mich. Und zu allem Unglück sind auch keine Truthahnschenkel mehr da.”

Hofnarr (wählt die Telefonnummer des Kochs): ”Ich hörte von Vaganden aus fremden Landen, die mit frivolem Liedgut den Weg in den Schoße der Burgfräuleins fanden.”

Königin (denkt): ”Typisch Mann. Beschissene Sexisten, noch beschissenere Reime.”

König (lässt voller Hoffnung einen fahren): ”Was schlägst du vor?”

Hofnarr: ”Einen fröhlichen Wettstreit der fahrenden Spielleute voller Frieden und Musik!” Und denkt: ”Wer schlecht singt, wird erschossen.”

 

2. Akt

Erzähler: Der Frühling ging, der Sommer kam. Drei Monate lang traf der Hofnarr alle Vorbereitungen für das große Treffen der Spielleute. Er beauftragte eine Booking-Agentur, die berühmtesten Musikanten der Erdscheibe ausfindig zu machen, erreichte für das Festival einen Energiekonsens mit dem Betreiber des örtlichen Atomkraftwerks und konnte den König sogar davon überzeugen, die überhöhten Gagenforderungen einer der Spielgruppen zu akzeptieren. Unterdessen sah man die Königin sehr oft in Gesellschaft eines betrunkenen Ritters. Und immer, wenn sich die Herrscherin unbeobachtet fühlte, zog sie sich eine Hose an, griff nach einem Ledermantel – den sie Lederfrautel nannte – und flüsterte auf den Trunkenbold ein.

Königin (reicht dem Ritter einen weiteren Messinghumpen Gebrautes): ”Seid Ihr mir ergeben?”

Ritter (säuft, Schluckauf): ”Unbedingt! Hick!”

Königin: ”Werdet Ihr immer das sagen und das tun, was ich Euch befehle?”

Ritter (säuft, noch immer Schluckauf): ”Zu Befehl! Hick!”

Königin (vertraulich): ”Ich möchte mich von diesem König endgültig befreien, denn ich fühle mich von Frauen angezogen.”

Ritter (säuft, ohne Schluckauf): ”Und ich erst.”

Königin (denkt): ”Scheiß Männer. Nur Bier und Beischlaf im Kopf.”

 

3. Akt

Erzähler: Hörner erschallen! Der Burgvoigt hält eine Ansprache von der Länge vierer Sanduhreinheiten, in der er dem König, der Königin, der Kulturredaktion der ”Schlossnachrichten” und sonstigen Mäzenen dankt sowie das Publikum bittet, friedlich zu bleiben. Hinter den Kulissen streiten sich die Manager zweier Spielformationen um die Position des Headliners. Dann beginnt endlich das große Spectaculum. Während eine Laienspielergruppe ohne Soundcheck um die Gunst des Königs dudeln muss und alle anderen Musiker in ihren Reisekutschen sitzen, vor Langeweile Kakerlakenwettrennen veranstalten und getrockneten Klatschmohn rauchen, bittet ein besonders attraktiver Spielmann derweil junge Burgfräuleins in sein doppelstöckiges Gefährt, um ihnen ganz wichtige Geheimnisse mitzuteilen.

Unterdessen haben sich die beiden Manager geeinigt. Zuerst treten Krösus Minnemax (Untertitel: Die wahren Götter der Minnezunft) auf, bekommen dafür aber mehr Strom, und zum Schluss werden Im Expresso (Untertitel: Die einzigen Götter der Minnezunft) vor dem Herrscherpaar spielen. Ein Kampf der Giganten. Denn bekannt sind Krösus Minnemax vor allem wegen ihres extrovertierten Sängers, einem Glatzkopf mit phallusförmigem Haarzopf am hinteren Schädelteil. Deshalb kennt ihn jeder unter dem Namen Haubentaucher. Sein singender Konkurrent von Im Expresso heißt Der Jonglierende Dreiäugige. Die Legende besagt, Der Jonglierende Dreiäugige sehe mit seinem einzigen Auge mehr als andere Menschen mit drei Augen, jongliere mit allem, dessen er irgendwie habhaft werden kann, und heiße in Wirklichkeit Uwe.

König (mampft einen Truthahnschenkel): ”Welch ein großes Spectaculum! Macht jetzt die Bühne frei für die Mannen von Krösus Minnemax!”

Königin (mit Kopfschmerzen): ”Selbst die Musik ist eine Männerdomäne. Typisch...”

Erzähler: Nebel steigt von der Bühne auf. Blitz und Donner ertönen aus großen schwarzen Kästen, die bereits in der Nacht vorher an den Rändern der Bühne aufgetürmt wurden. Eine Stimme grollt geheimnisvoll: ”Krösus Minnemax, Maxus Krösus, Ohropax, Hass und Wut, Tanz und Blut!”

Haubentaucher (auf der Bühne, schaut grimmig, verbiegt sich, grollt männlich): ”Krrrrroße Krrrraft krrrriecht! Kalterrrrr Krrrrrieg krrrimmig Winterrrrr.”

Drei Dudelsackspieler: ”Tröt! Tröt!”

Flötenspieler: ”Flöt! Flöt!”

Paukenspieler: ”Pauk! Pauk!”

DAT-Band: ”Modernes Geräusch! Modernes Geräusch!”

Haubentaucher (sperrt sich selbst in ein Funken sprühendes Joch ein, grollt männlich): ”Opferrrrrr Henkerrrrr Kämpferrrr heißerrrr Sommerrrrrr! Technikerrrrr! Mehrrrrr Monitorrrrr!”

Königin (kippt eine Kopfschmerztablette, aufgelöst in einem Glas Bordeaux, herunter): ”Männerrrr...”

Ritter (sternhagelvoll, pöbelt Ordnungskraft an): ”Wo geht’s inndnn Backstage, Pöbel?”

Haubentaucher (erblickt im Publikum den Manager von Im Expresso, grollt sofort Titelsong): ”Ein Exprrrresso, gierrrrt nach Rrrruhmszuckerrrr. Wirrrr aberrrr sind die Erfinderrrrr dieserrrr alterrrrtümlichen Liederrrrr.”

Erzähler: Und als wolle er seinen Worten glühendes Gewicht verleihen, befreit sich Haubentaucher von seinem Joch, entledigt sich seiner Nietenarmbänder und des Bandhandys, greift nach der Fackel, die ihm sein Träger reicht, und spuckt 25 Minuten lang Feuer. Danach geht er von der Bühne, um seine Festgage abzuholen, ruft seinen Kutscher und fährt zurück nach Berlin, wo er Tage später noch rechtzeitig zur Rammstein-Releaseparty eintreffen wird.

Unterdessen tut sich auf der adligen Tribüne einiges: Nervös hält die Königin Ausschau nach dem trunkenen Ritter und sieht mehr und mehr ihren Plan gefährdet. Denn während des Auftritts von Im Expresso soll der Eisenmann Gift in des Königs Kaffee schütten. So hat es die Herrscherin befohlen. Aber der Trunkenbold hockt bierselig mit einem gleichermaßen zugereisten wie auch berüchtigten Zechpreller im Backstagezelt und säuft mit seinem neuen Freund den Spielleuten die Bierfässer leer. Aber da! Auf der Bühne! Noch viel, viel mehr Nebel als beim Auftritt von Krösus Minnemax verwandelt die klare Sommernacht in eine mystische Welt, in der es von Geistern, Hexen und Scheckbetrügern nur so wimmelt. Und aus den schwarzen Kästen böllert ein noch viel, viel böserer Donner! Woher kommt plötzlich soviel Feuer? Prometheus hat uns doch nur ganz wenige Flammen zurückgebracht...

Der Jonglierende Dreiäugige (betritt die Bühne mit einem Ledermantel, singt): ”Vogelfrei, Liebelei, Spaß dabei! Wir sind halt so! Im Expresso!”

Königin (vergisst den trunkenen Ritter, denkt): ”Oh! Was für ein schöner Lederfrautel!”

Drei Dudelsackspieler: ”Tröt! Tröt!”

Der Mann mit dem Strominstrument: ”Riff! Riff!”

Der Jonglierende Dreiäugige (zieht Ledermantel aus, singt): ”Ich sehe das, was du nicht siehst. Ich sehe der Königin ungeborenes Kind. Ja, du Kind, ich sehe dich. Ich sehe nur einen nicht, und der bin ich.”

Ritter (zum Zechpreller gewandt, stemmt einen Messingkrug voller Gebrautem): ”Gute Idee von der Königin, das mit dem Vergiften, hähä.”

Zechpreller (stemmt auch): ”Soviel vergiftet habe ich mich seit Wacken nicht mehr.”

Ritter: ”Und ich erst.”

Der Jonglierende Dreiäugige (steht auf einem Bein, jongliert mit 100 lichterloh brennenden, von einem Görlitzer Züchter abgekauften Angorakaninchen, singt): ”Und wenn der Klatschmohn aufgeraucht ist, dann paffen wir halt Mist. Ich hoffe nur, dass es genug Mist gibt. Denn ich habe mich in dein rotes Haar verliebt.”

Königin (gerührt): ”Oh schön! Oh schön!”

König (mampft Truthahnschenkel, denkt): ”Ob er mir wohl für fünf Taler die Rechte an diesem Stück verkauft?”

Erzähler: Das große Spectaculum ist vorbei. Lallend sitzen der Ritter und sein Freund, der berüchtigte Zechpreller, in der Dorfschenke und vergiften sich. Und Im Expresso kehren glücklich heim, um fünf Taler reicher.

König (wedelt ein Blatt Papier mit dem Songtext von ´Klatschmohn im Haar´): ”Meine geliebte Frau Gemahlin. Darf ich Euch dieses Gedicht andienen? Ich schrieb es vor zwanzig Sommern. Aber Ihr kennt es ja bereits...”

Königin (ruft gerührt): ”Oh schön! Oh schön!” Denkt: ”Mühe gibt er sich ja, der alte Sack. Da muss ich wohl oder übel...”

 

4. Akt

Erzähler: Ihr Lieben, dies scheint ein Ende mit offenen Fragen zu sein. Wird die Königin bald gebären? Wer hat die Rechte an dem Lied? König Balafast? Der Jonglierende Dreiäugige? Haubentaucher? Francouis Villon? Wieso weiß die GEMA nichts davon? Und überhaupt: Wozu ein vierter Akt, wenn nur drei versprochen wurden?

Hofnarr (liest Franz Alts Buch ”Frieden ist möglich”, schneidet sich sein linkes Bein ab, faucht): ”Tötet den Erzähler! Tötet alle!”

 

Abgesang:

”Der Ritter war kein Mörder, er saß nur in der Pinte.
Statt mit Gift zu meucheln, goss er es hinter die Binde.
Der König feiert im Schlosse, und mit ihm das Gesinde
Und Gemahlin Hyazinthe gebärt ihm doch ein Kinde.”

P.S.: Ähnlichkeiten mit historischer, esoterischer oder sozialwissenschaftlicher Literatur sowie realen Personen sind sowas von zufällig, dass es fast schon wieder auffällig erscheint.

Überliefert von: Klaus-Walter von der Mühlenweide