Online-MegazineInterview

FAITH NO MORE

Zwischen Nostalgie und Extremen

FAITH NO MORE

FAITH NO MORE haben ihre Alben „King For A Day, Fool For A Lifetime“ (1995) und „Album Of The Year“ (1997) neu veröffentlicht. Beide Werke erschienen am 09.09.2016 als Deluxe Edition auf Warner Records und enthalten neben remastertem Originalalbum eine Bonus-CD mit B-Seiten, Liveaufnahmen und raren Remixen. Wir sprachen mit Roddy Bottum am Telefon über die Vergangenheit und Zukunft der Band.

Roddy, wirst du im Zuge der Re-Releases etwas nostalgisch?

»Ja, und das Ganze begann zu dem Zeitpunkt, als wir die Reunion-Shows vor ein paar Jahren gespielt haben. Es war, als würden wir von einem nostalgischen Ort aus starten. Wir mussten uns neu ausrichten, als Band und Personen wieder zusammenfinden, und irgendwie auch unsere Musik neu entdecken. Das war damals definitiv eine nostalgische Sache. Nach einer gewissen Zeit wurde uns das Ganze dann zu langweilig. Wir fühlten uns ein wenig schuldig, nur die alten Songs zu spielen, einfach zu viel in Nostalgie zu schwelgen. Wir haben schließlich mit „Sol Innvictus“ ein neues Album gemacht und tourten mit dem Longplayer über ein Jahr. Dann fragten wir uns, was unser nächste Schritt sein würde. Unsere Überlegungen führten uns ganz natürlich an den Punkt zurück, an die Nostalgie, und damit an das, was die Band ist.«

Wer von euch hatte die Idee, die Alben noch einmal neu zu veröffentlichen?

»Es war unsere Idee, das erste Album „We Care A Lot“ noch einmal zu veröffentlichen. Billy war gerade dabei umzuziehen und fand durch Zufall die Original-Mastertracks. Er fing an, damit rumzuspielen, und mochte den Sound. Das hat er letztlich der Band präsentiert. Wir alle beschlossen dann, dass das wirklich gut klingt und noch mal gemixt und neu verpackt wird. Du musst auch wissen, dass das zu einem Zeitpunkt geschah, zu dem viele Leute die Band nur in dem Format „Mike Patton“ kannten. Es fühlte sich einfach besonders an, darauf aufmerksam zu machen, wie wir klangen, bevor Mike Patton zur Band kam.«

Wie fühlte es sich an, wieder mit Chuck Mosley zu arbeiten? Ihr habt im Zuge der Wiederveröffentlichung eures ersten Albums „We Care A Lot“ zwei Liveshows mit ihm gespielt. Wie lange habt ihr dafür geprobt und wie lange hat es gedauert, wieder eine Verbindung mit Chuck herzustellen?

»Wir hatten nie wirklich unsere Verbindung zu Chuck gekappt, ich auf jeden Fall nicht. Wir haben so vieles zusammen durchgemacht und kennen uns seit der Kindheit. Daher war es auch leicht, wieder dort anzuknüpfen und zusammen zu arbeiten. Wir haben vor ein paar Wochen zwei Konzerte in Kalifornien gespielt. Chuck fuhr von Cleveland aus zu den Shows, da er Angst vorm Fliegen hat. Das war natürlich viel anstrengender für ihn als für uns. Geprobt haben wir wirklich nur zwei volle Tage, und dabei die Setlist besprochen. Jeder wusste danach, was er zu tun hatte, einmal Soundcheck und die Konzerte. Das hat Spaß gemacht, es war toll wieder zusammen zu arbeiten und an einem Strang zu ziehen. Es war auch etwas unheimlich, denn Chucks Arbeitsmoral ist ganz anders als beim Rest von uns. Es war kurz in einem Wort beschrieben „unvorhersehbar“, aber es funktionierte gleichzeitig.«

Wie hat Mike sich gefühlt? Er war ja im Publikum und nicht auf der Bühne.

»Als wir ihm unsere Idee vorgetragen hatten, dass Chuck eventuell diese Konzerte singen wird, meinte er nur, dass er es kaum abwarten kann, in der ersten Reihe zu stehen. Ich glaube, es war lustig für ihn, das Konzert zu sehen. Chucks Bühnenpräsenz ist unberechenbar und auf eine gewisse Art verrückt. Mike konnte jetzt in der „Fan-Perspektive“ ein FAITH NO MORE-Konzert sehen, und dass einfach in jedem Moment alles außer Kontrolle geraten könnte. Natürlich ist das nicht passiert, aber dieses Gefühl ist immer da. Ich denke, Mike, insbesondere als Sänger unserer Band, kennt uns so gut und deshalb war es auch interessant für ihn, das zu sehen.«

Habt ihr im Zusammenhang mit den Re-Releases darüber gesprochen, Konzerte mit der Tracklist des jeweiligen Albums zu spielen?

»Das war nie Thema. Ich glaube nicht, dass einer von uns an einer Präsentation dieser Art interessiert ist. Wir haben außerdem die meisten Songs von „King For A Day...“ und „Album Of The Year“ in den letzten fünf Jahren auf Tour gespielt. Wir planen auf jeden Fall nicht, sie am Stück aufzuführen.«

Euer Gitarrist Jim Martin verließ nach der „Angel Dust“-Tour die Band, mit Trey Spurance von Mr. Bungle habt ihr „King For A Day, Fool For A Lifetime“ aufgenommen, auf der gleichnamigen Tour hat Dean Menta, euer damaliger Keyboard-Tech, die Gitarre gespielt. Du bist wenig auf diesem Album zu hören. Was war damals in deinem Leben los?

»Es war eine Zeit, in der ich mit vielem klar kommen musste. Ich glaube, damals sind mein Vater und einige Freunde gestorben, es gab einiges was bezogen auf Freundeskreis und Familie den Bach runterging. Ich hatte einfach keine Zeit, wollte nicht mehr bei FAITH NO MORE sein, und hatte eine neue Band aus der Taufe gehoben, die mir Spaß gemacht hat. Ich war mehr mit meinen Emotionen beschäftigt, als mit allem anderen. Außerdem haben wir an einem fremden Ort aufgenommen: wir sind nach Woodstock, Upstate New York gefahren. Es war eine schwierige Zeit für mich, denn ich fühlte keine Verbindung zum Album. Es war eine eigenartige Sache. Auch wenn wir Jim Martin so sehr aus der Band haben wollten, fühlte es sich seltsam ohne ihn an, und war eine sonderbare Veränderung für FAITH NO MORE.«

Wie du gerade erwähnt hast, habt ihr damals zum ersten Mal nicht in Kalifornien, sondern in Upstate New York in einer kleinen Hütte aufgenommen.

»Theoretisch funktioniert das natürlich sehr gut, an einem Album zu arbeiten, wenn man sich auf diese Art isoliert. Allerdings habe ich mich damals eingesperrt gefühlt. Das Studio war sehr nah an NYC und alles, an was ich mich erinnern kann, ist, dass ich so schnell wie möglich in die Stadt zurück wollte. Aber weißt du, es ist doch so: die Leute lieben das Album, es ist ein Kapitel von FAITH NO MORE. Unsere Geschichte und Entwicklung als Band ist undenkbar ohne dieses spezifische Kapitel, diese bizarre und bestimmte Zeit, in der ich – der Keyboarder – sich nicht zugehörig fühlte und das hört man dem Album auch an. Das Keyboard fügt sich nicht so gut in die Songs ein, was merkwürdig ist. Wir drei waren damals, was das Musik machen betrifft, eine starke Einheit: Billy, Mike Bordin und ich. Keyboards waren dabei immer ein großer Teil von dem, was wir gemacht haben. Also sticht dieses Album besonders hervor und man fragt sich: „Wo sind die Keyboards“?«

„King For A Day…“ hat einen prägnanten, aggressiven Gitarrensound und ist das erste Album, das von Andy Wallace produziert wurde. Gab es einen besonderen Grund, den Produzenten zu wechseln?

»Wir kamen gerade von einer Riesentour mit Guns N' Roses und Metallica. Wir hatten davor sowas in der Größenordnung noch nicht gemacht, was seinen Tribut gefordert hat. Ich glaube jeder hatte das Gefühl, jetzt müssen wir etwas verändern. Und wir haben das dann wirklich gemacht. Jim Martin darum zu bitten, die Band zu verlassen, war ein großer Schritt, und es fühlte sich tatsächlich so an. Wir haben dann woanders aufgenommen und heuerten einen anderen Produzenten an.«

Lag es daran, dass Andy Wallace die Run D.M.C-/Aerosmith-Kollaboration 'Walk This Way“ produziert hatte sowie am Mix von Slayers „Reign In Blood“ beteiligt war?

»Ja, das trug auf jeden Fall zu unserer Entscheidung bei. Ich glaube jeder in der Band erkannte, dass er eine Art von Sensibilität hatte, Sounds zu adaptieren, auch intensive Metal-Sounds. Wir dachten mit dieser Kombination machen wir nichts falsch und trafen uns mit ihm. Er ist eine wirklich skurrile Person und auf irgendeine Art und Weise fühlte es sich bizarr genug am, um zu funktionieren.«

Auf dem jetzigen „King For A Day...“-Re-Release gibt es eine spanische und portugiesische Version von dem Song 'Evidence' zu hören. Darüber hinaus gibt es noch die regulär englische und selbst eine italienische Version. Warum gibt es so viele Versionen von ausgerechnet diesem Song?

»Mike Patton hat ein seltsames Sprachverständnis. Ich weiß nicht warum, aber als wir anfingen zu touren, war Mike so daran gewöhnt, sich eine Sprache anzueignen. Er hat wirklich ein fotografisches Gedächtnis mit einer Vorliebe und Hingabe für Sounds und er ist wirklich schnell. Wenn er in ein Land geht, dann lernt er die Sprache buchstäblich in ein paar Stunden, er spricht sie einfach. Er spricht Spanisch viel besser als ich, obwohl ich es in der Highschool hatte, aber egal. Mein Punkt ist: Als wir viel getourt sind, wurde es zu eine Art Spiel von Mike, wenn wir in verschiedene Länder gekommen sind, diesen bestimmten Song in verschiedenen Sprachen zu singen und ich denke, wir haben einfach deshalb diese Aufnahmen mit ihm versucht.«

Ich schlage vor, dass ihr noch eine deutsche Version aufnehmt, denn ihr habt eine große Fangemeinde hier.

»Ich glaube nicht, dass er so gut Deutsch spricht, aber wir haben mal einen deutschen Song aufgenommen: 'Das Schürzenfest'.«

Kannst du mir etwas zu der Zeit erzählen, in der ihr das „Album Of The Year“ aufgenommen habt?

»In der Zeit nach der „King For A Day..“-Tour gingen die Bandmitglieder zunächst getrennte Wege. Ich glaube „Album Of The Year“ war seltsamerweise das Album, das uns geholfen hat wieder zusammenzufinden, „unsere“ Riffs wiederzuentdecken. Als wir anfingen, haben wir Sachen gemacht, die wir zugegebenermaßen als Band immer gemacht haben: melodischer Keyboardteppich und hypnotische Gitarrenriffs. Es war eine Zeit, in der jeder sich wohlfühlte in der Band, aber zur gleichen Zeit hatte jeder verschiedene Projekte am Laufen, die uns jeden viel Freude bereitet haben. Es war eine schöne Zeit für die Band, ich bin stolz auf die Platte.«

Auf der Bonus-CD sind ein paar Remixe zu finden, die sich allerdings wenig von den Originalen unterscheiden. 'Ashes To Ashes' bildet die Ausnahme. Die Instrumente sind im Remix stark reduziert und es bleiben nur wenige Fragmente vom eigentlichen Song über.

»Wir haben damals einige Remixe gemacht, da es in der damaligen Ära sehr angesagt war. Die Plattenfirma fragte uns ständig nach B-Seiten, wenn wir auf Tour waren. Ein externen Remix anfertigen zu lassen, war dafür immer eine gute Option. In der Zeit haben sich so einige Remixe angesammelt. Manche klangen aus heutiger Sicht total veraltet. Diejenigen, die schließlich auf dem Re-Release gelandet sind, sind mit Sicherheit auch diejenigen, mit denen wir alle leben konnten. Es war eine schwere Auswahl, denn einiges hat sich für uns einfach nicht gut angehört. Ich denke gerade wenn es um Remixe geht, tendieren wir dazu, die zu präferieren, die nicht so gehetzt klingen. Diejenigen, die wir ausgesucht haben, sind solide. Für mich persönlich hören sie sich sehr nach den Originalen an, die wir gemacht hatten. Beispielsweise 'Pristina', ich kann mich nicht an den Remix erinnern, was daran anders ist, aber ich mag ihn sehr gerne. Das ist derjenige, den Billy gemacht hat.«

'Light Up' und 'Big Kahuna' wurden 2009 auch auf eurer „Best Of“-Platte veröffentlicht. Für mich sind das tolle Ohrwürmer. Warum haben sie es nicht auf das Album geschafft?

»Es ist schwer, sich in den damaligen Entscheidungsprozess zurück zu versetzen, aber ich denke sie fühlten sie nie vollendet an. Wenn du dir die Tracks anhörst, sind da stimmige Gesangsparts, auch der Rest fühlt sich vollständig an. Aber zu dieser Zeit haben wir diese Songs in unserem Kopf niemals wirklich zu Ende gedacht. Es war allerdings auch nicht so, dass wir dachten, wir kommen darauf zurück und verwenden die Songs eventuell für eine neue Platte. Sie fühlten sich einfach nicht fertig an.«

Ihr habt zwei Live-Versionen auf der „Album Of The Year“-Bonus-CD, 'This Guys In Love With You' und 'Collision', die beide nicht gegensätzlicher sein könnten von dem Gefühl, das sie transportieren. War die Auswahl Absicht oder Zufall?

»Nein, die beiden Songs fassen unseren Sound ganz gut zusammen. Das ist das, was wir immer gemacht haben. Mit jedem Album, das wir herausgebracht haben, gab es immer eine Kehrseite: schwere, aggressive Sounds mit einer schönen Melodie. Auf diese Weise haben wir immer funktioniert. Wir lieben, etwas aufzubauen um es dann wieder aufzulösen. Unsere Spezialität sind Extreme. Ja, das war auf jeden Fall Absicht.«

Ihr habt eine Menge Coverversionen während eurer Karriere aufgenommen. Werdet ihr in Zukunft noch mehr Fremdkompositionen einspielen?

»Das ist schwer zu sagen. Normalerweise ist bei jeder Tourvorbereitung ein Coversong dabei, den wir spielen. Es macht einfach Spaß, Cover zu spielen und es gibt eine Menge Cover, die wir gemacht haben und die Leute noch nicht gehört haben. Aber ich bin mir sicher, dass wir wieder eine Coverversion angehen würden. Wenn wir touren würden, dann machen wir das mit Sicherheit.«

Warum habt ihr bisher kein Duett gemacht?

»Keine Ahnung. Wir haben einmal ein Cover mit den Sparks gemacht, Mike und Russell haben zusammen gesungen, das war so etwas wie ein Duett. Ich weiß es ehrlich nicht. Es fühlte sich mit Mike nie wirklich notwendig an. Mike ist so ein großartiger und vielfältiger Sänger, es fühlte sich nicht passend an auf die Suche nach einer weiteren Stimme zu gehen.«

Was können wir 2017 erwarten? Gibt es weitere unveröffentlichte Tracks in Billys Keller? Ein neues Album? Was sind eure Pläne?

»Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt keine Pläne, alles ist wie ein offenes Buch. Wir haben mit unserem letzten Album das gemacht, was wir machen wollten und dieser Zyklus ist jetzt beendet. Wir verstehen uns gut, und ich denke, wir sind alle offen, etwas zu machen, aber der nächste Schritt will gut überlegt sein. In einer Art, in der jeder künstlerisch erfüllt und inspiriert wird. Wir haben die Messlatte mit unseren letzten Touren und „Sol Invictus“ für uns selbst hochgesetzt. Es braucht also eine Menge, um das zu toppen. Ich denke, es braucht eine Menge Koordination, wieder zusammenfinden und etwas zu finden, bei dem wir fühlen, dass es dort anknüpft. Macht das Sinn?«

Ja, das macht Sinn. Ihr braucht einfach Zeit und es wird eine Menge Zeit brauchen, um Dinge anders zu machen.

»Ja, das könnte etwas ganz anderes sein. Ich habe keine Idee, was das sein wird, aber ich denke das wird eine Menge Zeit an Überlegungen in Anspruch nehmen.«

Gibt es Neuigkeiten bei deiner Band Imperial Teen? Was macht deine Karriere als Filmkomponist?

»Ja, Imperial Teen arbeiten an einem Album. Wir spielen im Oktober ein Konzert in San Francisco und treffen uns, um ein neues Album aufzunehmen, das vermutlich 2017 erscheinen wird. Ich habe in letzter Zeit nicht so viel für Film und TV gemacht, aber arbeite an einer Oper für das Edinburgh Festival Fringe im nächsten Jahr.«

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