Online-MegazineInterview

BEEHOOVER

Zwei gegen den Rest der Welt

BEEHOOVER

Mit „Primitive Powers“ hat das deutsche Bass-Schlagzeug-Duo BEEHOOVER schon jetzt eine der Liebhaber-Platten des Jahres am Start. Wir unterhielten uns mit Drummer Claus-Peter Hamisch und Bassist/Vokalist Ingmar Petersen über Gott und die Welt, rohe Mächte und sinnloses Walten – die vorherrschenden Themen des Albums.

Der Slogan „brachialstes Mini-Orchester der Welt“ trifft insofern zu, als gerade Ingmar mit seinem Bass einen regelrecht sinfonischen Sound heraufbeschwört. Woher kommt dieser sehr unkonventionelle Spielstil, zumal im Verbund mit Gesang?

Claus: »Als einzig vorhandenes Harmonieinstrument wird bei uns dem Bass maximaler Freiraum gelassen. Zudem spielt Ingmar ihn eher wie eine Gitarre, und viele Riffs bzw. Motive entstehen zunächst auf der Akustikgitarre.«

Ingmar: »Der Einsatz von Effekten spielt beim grundlegenden Komponieren keine Rolle. Sie folgen erst später im Proberaum beim Polieren. Diese Herangehensweise mag das Ergebnis erklären.«

Wird es manchmal schwierig für dich, Singen und Spielen unter einen Hut zu bringen? Nimmst du beim Komponieren Rücksicht darauf, ob es sich live umsetzen lässt?

Ingmar: »Ja, darauf nehme ich von Anfang an Rücksicht. Zunächst sind meistens die zum Fingerspiel rhythmisch gegenläufigen Gesangslinien anstrengend, und man muss dabei zu viel denken, kontrollieren, erzwingen. Je öfter ich aber übe, desto mehr geht es mir in Fleisch und Blut über, dann hört das Denken auf.«

Kannst du das auch im Stehen? Wer sind deine Vorbilder, offensichtlich nicht nur „konventionelle“ Bassisten, oder?

Ingmar: »Nein, das würde nicht im Stehen funktionieren, da wir nicht mit programmierten Effekt-Kombinationen oder Loops arbeiten. Es gibt einige Musiker und Bands, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Das wären zum Beispiel Primus, Rage Against The Machine, Ninewood oder Tool. Dabei geht es aber eher um das musikalische Ergebnis als das außergewöhnliche spielerische Können der Bands.«

Wie schreibt ihr generell Stücke? Ihr lebt weit auseinander und könnt nicht ständig miteinander jammen, oder?

Claus: »In der Regel hat Ingmar eine Idee, die wir dann ausprobieren. Wir schreiben die Stücke nie komplett, sondern immer nur in Teilen, nehmen diese dann auf, teilen sie online und hören sie ausgiebig. Dann sortieren wir aus, kombinieren sie mit anderen Teilen, verändern sie und so weiter. Das heißt, wir arbeiten quasi immer an allen Stücken gleichzeitig.«

Ihr werdet bestimmt nicht zum ersten Mal gefragt, aber was bedeutet der Name BEEHOOVER genau?

Claus: »Während eines Englandaufenthalts erzählte mir ein Bekannter von einer Sendung über einen Imker, der sich über und über von Bienen “besetzen” ließ. Um die wieder zu entfernen, wurde ein Staubsauger benutzt – ein „bee hoover“. Ich fand den Ausdruck immer witzig, also haben wir die Band so genannt. Das mit dem doppelten E und O ist etwas schwierig, weil ständig jemand eins vergisst, wenn er den Namen schreibt, aber abgesehen davon gibt der keinen Hinweis auf eine spezielle Stilrichtung, und das passt ja ganz gut.«



Was machte „Primitive Powers“ zum klammernden Titel für alle neuen Songs? Er ist einer Textzeile aus 'Tickling The Dragon's Tail' entlehnt.

Claus: »Genau. 'Tickling The Dragon's Tail' ist der Name eines Experiments, das in den 1940ern an einem Stück Plutonium durchgeführt wurde. In unserem Lied verhöhnt der Protagonist die davon ausgehende Gefahr als “primitive power”. Durch vernachlässigte Sicherheitsvorkehrungen kamen mehrere Wissenschaftler zu Tode. Wir denken, das steht bezeichnend für die menschliche Arroganz. Aufs Cover, das die Silhouetten von Politikern gefüllt mit Totenköpfen zeigt, lässt sich der Plattentitel auch gut anwenden. Die Themen der Songs kreisen oft um Macht und Arroganz auf der einen sowie Hoffnung, Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung auf der anderen Seite.«

Die Scheibe wird mit den Worten eingeleitet, der Schöpfer des Universums sei dein guter Kumpel. Ingmar; wie ist das zu verstehen, gerade bei einem Titel wie 'Pissant Wings'?

Ingmar: »Der Schöpfer vertraut uns an seinem Sterbebett seine Enttäuschung über den Lauf der Dinge an. Das war so nicht von ihm beabsichtigt, und er klagt an. Trotzdem glaubt er noch an eine mögliche Wende, einen Neuanfang. Die Offenheit gibt es nur zwischen guten Freunden.«

Um welches “empire” geht es in 'Bombs & Bagpipes'?

Ingmar: »Das Stück handelt von dem britischen Offizier John Malcolm Thorpe Fleming Churchill, auch Mad Jack genannt. Er kämpfte im Zweiten Weltkrieg mit Schwert, Bogen und Dudelsack gegen die Nazis. Es geht also um das Vereinigte Königreich.«

Die 'Millwheels Of Being' lassen sich wohl wortwörtlich verstehen, oder?

Claus: »Das ist ein Stück über verlorene Träume und enttäuschte Hoffnungen, deretwegen man schließlich verhärmt und seinen Idealismus verliert.«

'Embers' spielt neben dem Funken-Motiv auch mit einer Meeres-Metaphorik; wie passt das zusammen?

Ingmar: »Es ist die inhaltliche Weiterführung unseres früheren Stücks 'Paraffin Oiler'.

Eure Texte sind generell sehr abstrakt; was inspiriert euch dazu?

Claus: »Inspirationsquellen für die Inhalte sind das tägliche Leben, eigene Befindlichkeiten, oft der Umgang mit anderen Menschen, aber auch Historisches wie bei 'Bombs & Bagpipes' oder 'Stanislav Petrov'.«

In 'Zooo' ist sie wieder, eure Vorliebe für scheinbar zu viel „O“; wie kommt's?

Claus: »Das Stück ist tatsächlich eine augenzwinkernde Anspielung auf unser Album „Heavy Zooo” und den gleichnamigen Song. Darin baut sich jemand skrupellos das ideale Lebewesen zusammen, vom Elefantenrüssel bis zur Seele eines Pferds. Wir machen den 'Zooo' also textlich kaputt und alle Tiere tot.«

'Light My Pyre' ist quasi die Steigerung von Jim Morrisons Sehnsüchten, aber der Text zeugt eher von Weltmüdigkeit. Was ist so schlimm am Planeten Erde, und was entfacht euer Feuer?

Ingmar: »Das Lied besteht aus Abschiedsbrief-Fragmenten von Menschen, die den Freitod wählten. Zum Schluss liefert die durch Spock bekannte These “The needs of the many outweigh the needs of the few or the one” eine mögliche Erklärung, warum Menschen weltmüde werden können und gehen wollen.«

Wen beschießt ihr mit eurer Artillerie aus 'My Artillery', warum sollte die Menschheit mehr wie BEEHOOVER sein?

Claus: »Der Text ist wieder etwas abstrakter und handelt davon, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. Wir kennen das alle – Leute, die ihre Machtpositionen ausspielen, rhetorische Luftblasen von sich geben, Angst verbreiten oder lügen.«

Was frustriert euch am musikalischen Allerlei heutzutage am meisten? Die Vielfalt war ja nie größer, bloß ist dadurch nichts einfacher, geschweige denn die Qualität der angebotenen Sounds besser geworden.

Claus: »Eigentlich frustriert mich an dem Allerlei an sich gar nichts. Ich stimme dir allerdings dahingehend zu, dass man den Eindruck hat, der Sound habe sich weitgehend eher in eine Richtung entwickelt, die der Individualität nicht gerade zuträglich ist.«

Ingmar: »Da man weghören und/oder weggehen kann, ist es aber kein Problem.«

No Means No, Tool, Primus und Melvins sind eklektische Vergleiche, die für eure Musik gezogen wurden, aber seid ihr wirklich in den 1990ern stehengeblieben, was eure Einflüsse angeht? Welche aktuelle Musik spricht euch an, was sucht ihr generell in der gegenwärtigen Musikszene?

Claus: »No Means No finde ich fantastisch, Primus habe ich auch viel gehört. Ansprechend finden wir Musik immer dann, wenn sie authentisch und nicht zu “produziert” klingt sowie keine Meinung von dir erfordert. In einer bestimmten Szene sind wir sowieso nicht verwurzelt. Ich höre viel Musik, aber meistens Radio – etwa BBC 6 – und ganz verschiedenes Zeug wie Mahavishnu Orchestra, Ozric Tentacles oder Bevis Frond. Manchmal stößt man auf etwas Tolles, das muss einen aber nicht gleich beeinflussen. Anregungen hole ich mir ab und an für mein Schlagzeugspiel.«

Ingmar: »Möglicherweise bin ich wirklich stehengeblieben. Ich höre seit längerem privat nur wenig Musik. Ich mag es, mal Ruhe zu haben.«

Hattet ihr bislang nie den Drang, mit mehr Leuten Musik zu machen?

Claus: »Nein. Wir können zu zweit alles machen, was wir wollen, und vermissen nichts. Wenn wir generell mehr Zeit hätten, würden wir vielleicht noch andere Projekte verfolgen, aber in der momentanen Situation fließt all unsere Energie in BEEHOOVER.«

Wann kommt dein nächste Buch? “Sax, Draggs und Raggen-Rohl” hat Spaß gemacht.

Claus: »Ah, weißte, was cool ist? Du bist der Dritte, der danach fragt. Also ich liege in den letzten Zügen, dann wird hier intern lektoriert. Ich schreibe gerade ein Exposé dazu für Agenturen.«

Wie hat sich dein Debüt verkauft?

Claus: »Na ja, es waren ja nur 52 Exemplare, und die sind fast weg. Zwei habe ich noch. Der Arbeitstitel des nächsten lautet “Antilope auf Balkon”, ist eine eine Erzählung über einen Party-Abend.«

Wo seht ihr zwei BEEHOOVER langfristig? Ihr sitzt zwischen allen Genre-Stühlen und bedient keine Szenen, was ist euch für die Zukunft wichtig?

Claus: «Dass wir zwischen allen Stühlen sitzen, sehen wir selbst gar nicht so. Für uns ist und war es halt immer einfach Rockmusik – vielleicht in unüblichen Strukturen, komischen Taktarten und mit viel Dynamik, aber im Grunde doch immer nachvollziehbar. Das sieht man ja auch während unserer Konzerte, wenn der gesamte Saal tanzt und sich die Rübe wegmosht. In der Tat ist er aber so, dass wir zum Beispiel von Festivalveranstaltern hören, es würde ihnen gefallen, sei aber zu speziell für ihr Programm. Es wäre schön, wenn man dieses “Ja, aber” vielleicht ab und an zu einem “Na und?” ändern könnte, denn man darf unseren Sound eben auch als nicht speziell ansehen, weil er im Gegenteil eventuell vielen Leuten Genre-übergreifend gefällt.«

Dass das passiert, wünsche ich euch aufrichtig. Vielen Dank für eure Zeit!

 

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