Online-MegazineInterview

CHIMAIRA

Ziemlich echt

CHIMAIRA

Totgesagte leben bekanntlich länger. Nachdem Mark Hunter das komplette Line-up abgesprungen ist, hat der CHIMAIRA-Fronter sich um Mitgliedern von Dååth und Dirge Within verstärkt und wagt auf „Phantom Of Crowns“ einen Neuanfang. Hier findet ihr das komplette Interview mit Mark, das in der Rock-Hard-Printausgabe Vol. 316 nur auszugsweise zu lesen ist.

Mark, ihr hattet bereits vor „The Age Of Hell“ einige Line-up-Wechsel zu verzeichnen. Warum sind anschließend auch die beiden Gitarristen Matt DeVries und Rob Arnold ausgestiegen?

»Im Prinzip erhielt ich direkt nach dem Studioaufenthalt zu „The Age Of Hell“ von meinem Manager einen Anruf, in dem er mir mitteilte, dass Rob die Band verlassen will, da er des Tourens müde war und sich mehr um seine Familie kümmern wollte. Matt beschloss dann einfach, dass es das Beste wäre, getrennte Wege zu gehen. Wir hatten während der Entstehung von „The Age Of Hell“ eh kaum noch miteinander kommuniziert. Aus Gründen, die ich nicht kenne, erschien er einfach nicht im Studio.

Nachdem Rob dann weg war, hielt auch Matt nichts mehr. Aber so konnten wir frischen Mutes wieder neu beginnen.«

Warst du enttäuscht, dass Rob dich nicht persönlich über seinen Ausstieg unterrichtet hat?

»Tja, so läuft das anscheinend heutzutage.«

Hast du zu den ehemaligen Mitgliedern noch Kontakt?

»Zu einigen schon, mit Andols (Herrick, dr. -rb) kommuniziere ich ständig via Twitter. Außerdem habe ich noch Kontakt zu den Leuten, die vor Jim (LaMarca, b. - rb), Matt und Rob in der Band waren, dem Original-Line-up. Mit einigen anderen habe ich halt keinen Kontakt mehr.
Das sind halt die Leute, mit denen ich auch nicht viel zu tun hatte, als wir noch gemeinsam in der Band gespielt haben.«

Bis auf deinen Posten wurde das gesamte Line-up innerhalb kürzester Zeit komplett ausgetauscht, und einige Fans waren sehr skeptisch, ob es Sinn macht, die Band fortzuführen. Hast du zwischendurch überlegt, alles hinzuschmeißen?

»Ja, es gab solche Momente – sogar, bevor es zu dem ganzen Line-up-Wechseln kam. Ich spürte, dass ich mit den Jungs nicht mehr auf einer Wellenlänge war. Ich war total motiviert, was die Arbeit mit und die Zukunft für CHIMAIRA betrifft. Ich wollte extra hart an den Songs arbeiten, wohingegen die anderen Karrieren außerhalb der Band starten wollten und sich um ihre Familien kümmern wollten. Ich war nicht überzeugt davon, dass ich die anderen zu meiner Arbeitsweise motivieren könnte. Ich habe es dennoch versucht, was dann ja zum Split führte. Ich habe hingegen immer noch meinen Drive und mit CHIMAIRA noch viel zu sagen. Seit „The Inception“ bin ich eh einer der Hauptsongwriter, von daher spürte ich auch das Selbstvertrauen mit neuen Musikern weiterzumachen. Bei „The Age Of Hell“ waren es auch nur Rob und ich, die das Album aufgenommen haben.
Außerdem habe ich mir viele wichtige Größen im Metal-Business angesehen und gemerkt, dass verdammt viele von ihnen mit Line-up-Wechseln zu kämpfen hatten. Wenn du dir die Statistik anschaust, scheinen Line-Up-Wechsel eher der Norm zu entsprechen, als eine stabile Besetzung. Schau dir nur die verschiedenen Besetzungen von Black Sabbath oder Death an.«

Trotz der Line-Up-Wechsel klingt das neue Album zu hundert Prozent nach CHIMAIRA.

»Das ist ganz natürlich passiert. Jeder wusste, in welcher Band er nun spielt, und ich habe nicht erwartet, dass einer der Jungs plötzlich mit Yngwie-Malmsteen-Gedudel um die Ecke kommt. Beim Songwriting musste sich aber auch niemand verstellen, jeder spielte einfach die Art des Metal, die er liebt. Das war schon immer die Essenz von CHIMAIRA.«

Bei den Soli schimmern allerdings einige neue Klänge durch.

»Die stammen von unserem neuen Leadgitarristen Emil Werstler, der jetzt auch als Hauptkomponist fungiert, also Robs Platz voll und ganz ausfüllt. Er ist ein recht radikaler Gitarrist, in dem Sinne, dass er sehr viel unterschiedliche Einflüsse mitbringt, die im Metal außergewöhnlich erscheinen mögen. Rob ist von den üblichen Verdächtigen beeinflusst, wie Kirk Hammett, Megadeth oder Dimebag Darrell. Emil besitzt diese Einflüsse zwar teilweise auch, hat aber auch einen Gypsy-Jazz-Hintergund und bringt viele weitere Facetten mit.«

Was ist der Unterschied zwischen dem Vorgängerwerk „The Age Of Hell“ und „Crown Of Phantoms“?

»„The Age Of Hell“ klingt in meinen Ohren nach einer Band, die sich verzweifelt mit einem Arm an einer Klippe entlanghangelt und darum kämpft, nicht abzustürzen. Und das beschreibt auch die Lage, in der sich CHIMAIRA damals befanden: Im Studio waren im Prinzip nur Rob und ich aktiv. Direkt vor dem Studioaufenthalt traf uns ein drastischer Line-Up-Wechsel, den wir erst mal verkraften mussten. Mit „Crown Of Phantoms“ hat die Band dagegen nicht nur überlebt, sie hat auch einen riesigen Berg bestiegen.«

Das Album wurde erneut von Ben Schiegel produziert. Wie wichtig ist er für CHIMAIRA?

»Er ist insofern wichtig, als dass er kein typischer Heavy-Metal-Produzent ist. Er ist sehr engagiert, einen rauen, organischen Sound zu bekommen, der sich von vielen der derzeitigen Plastik-Produktionen mit den falschen Drums und überproduzierten Gitarren abhebt. Alles, was du bei uns hörst, ist ziemlich echt.

Außerdem kommt Ben auch aus der Pop-Welt, wodurch er mehr auf das Songwriting achtet, als zu überlegen, wie technisch man das Ganze gestalten kann oder wie viele verschiedene Parts in einen Song passen.Er passt darauf auf, dass wir auch wirklich schlüssige Songs schreiben, die nicht nur Metal-Fans begeistern können. Außerdem war Ben schon zu Zeiten unseres Demos bei der Band, er kennt unseren Sound in- und auswendig.«

Besonders gut gefällt mir der Track 'Plastic Wonderland'. Was kannst du zu dem Song sagen?

»Der Track gefällt mir auch sehr gut, ein sehr düsteres Stück. Auch die Soli sind sehr gelungen, vor allem das musikalisch unorthodoxe am Ende.
Textlich kritisiert der Song das Wunderland aus Plastik, der falschen Realität, in der wir Menschen gerne leben und wie wir unser Gehirn immer weiter darauf trimmen, uns immer glücklicher machen zu wollen.«

Wo beziehst du nach all den Jahren immer noch Inspirationen für solch hasserfüllte Texte wie 'Spineless'?

»(lacht) Da für gibt es einige gute Gründe: Die Band ist definitiv ein Ventil für mich, mit dem ich mal ordentlich Dampf ablassen kann. Es ist ein künstlerischer Ausdruck der Hässlichkeit, mit der wir alle Tag für Tag klarkommen müssen. Von daher habe ich nie einen Mangel an Inspiration, ich brauche nur die Nachrichten einzuschalten und habe innerhalb von fünf Minuten ein Thema. Dein Stress-Level hebt sich, du wirst auf einmal wütend und weißt zuerst gar nicht warum. Außerdem spielen wir am Ende des Tages ja immer noch Heavy Metal, da passen meine Texte wohl besser zu, als wenn ich darüber singen würde, wie entzückt ich von einer blühenden Blume bin. Ich weiß nicht, ob so was zu unseren Riffs passt, aber wer weiß, vielleicht probiere ich es beim nächsten Mal (lacht).

Aber grundsätzlich basieren viele meine Texte auf Selbstermutigung: Du besitzt die Macht Dinge zu ändern und musst dir nicht alles bieten lassen.«

 

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