Online-MegazineInterview

HALESTORM

Zähnefletschender Pop Metal

HALESTORM

„Das Musikgeschäft ist eine grausame und hirnlose Geldkloake, ein langer Korridor aus Plastik, in dem Diebe und Zuhälter tun und lassen, was sie wollen,“ spottete einst John Niven in dem Roman "Kill Your Friends". HALESTORM, eine junge Band um die Geschwister Elizabeth „Lzzy“ und ihren Bruder Arejay Hale scheinen sich in dem Korridor amtlich zu schlagen. Trotzdem zeigt ihre Geschichte, dass die Musikindustrie seit der Krise 2009 kein leichteres Business geworden ist. Anlässlich ihres neuen Albums „The Strange Case Of...“ (VÖ: 27.04.) sprachen die beiden mit uns aber darüber, dass ein bisschen Popmusik nicht wehtut und warum sie Songs für junge Mädchen schreiben.

HalestormDen Leuten, die euch noch nicht kennen, würde ich euren Musikstil als „sehr divers“ beschreiben. Wen würdet ihr als eure Haupteinflüsse nennen?

Lzzy: »Oh, erst mal vielen Dank [zu ihrem Bruder]: Siehst du, divers finden sie es! (lacht). Mein Bruder und ich sind mit der Musik unserer Eltern aufgewachsen, also Black Sabbath und Deep Purple, Pink Floyd...«
Arejay: »The Beatles! Aber auch Led Zeppelin oder Jimmy Hendrix.«
Lzzy: »Also eine Menge Classic Rock, prinzipiell hören wir aber alles mögliche. Ich weiß, viele Bands sagen das, aber wir hören definitiv alles von Bluegrass bis Heavy Metal. Wenn wir zum Beispiel einen Song schreiben und jemand kommt und sagt „Hey, das hat irgendwie einen Country-Einschlag“, dann können wir meist nur sagen „Oh, tut mir leid, das hab ich zu der Zeit wohl etwas häufig gehört.“ Während wir 'Love Bites (So Do I)' geschrieben haben, haben wir beispielsweise viel Lamb of God gehört. Wir sagten also „Wir müssen einen Breakdown in der Mitte des Songs haben! Und überhaupt.. es muss schneller werden!“ (lacht).«

Seit wann macht ihr Musik?

Lzzy: »Technisch gesehen gibt es die Band seit 1997, aber klar, uns gab es natürlich schon davor. Wir haben als Kinder schon zusammen im Wohnzimmer unserer Eltern gespielt. Arejay hat ungefähr mit drei Jahren angefangen Schlagzeug zu spielen, er hat schlicht auf allem rumgetrommelt, was ihm in den Weg kam.«
Arejay: »Mein erstes Schlagzeug habe ich mit fünf Jahren bekommen. Und du hattest ein Keyboard ab dem siebten.. oder achten Lebensjahr?«
Lzzy: »Ja, so haben wir also ungefähr zur selben Zeit angefangen Musik zu machen und kleine Songs zusammen zu schreiben. Das war aber nur zum Spaß, an die Songs erinnere ich mich heute gar nicht mehr.«
Arejay: »Und dann, als ich zehn war und sie 13 haben wir unsere erste Liveshow zusammen gespielt und sind seitdem echt darauf hängen geblieben.«

Und wie kamt ihr zu eurem Bandnamen?

Lzzy: »Lustigerweise haben wir die Band schon damals HALESTORM genannt.«
Arejay: »Ja, auf dem Weg zur Show!«
Lzzy: »Wir dachten damals „Hey, wir müssen cool sein! Wir brauchen einen Bandnamen! Wie wär's mit Halestorm, unser Nachname ist schließlich Hale! Ja, das passt schon.“ Und nach der Show rastete irgendein Schalter in unserem Gehirn ein und wir dachten nur „Jawoll, das müssen wir wieder machen!“«
Arejay: »Und seitdem sind wir HALESTORM. Wir haben versucht den Namen zu ändern aber er scheint irgendwie immer wieder zu uns zurück zu kommen.«

Das Erste, was eure Wikipedia-Seite sagt ist „Nicht zu verwechseln mit Alestorm“.

Arejay: »Ja, Alestorm! (beide lachen) Die schottische Piraten-Metal-Band! Eigentlich sollten wir mit denen auf Tour gehen, stell dir die Verwirrung vor. HALESTORM, Alestorm und Like A Storm zusammen zum Beispiel. (lacht)«

Könnt ihr von eurer Musik leben?

Lzzy: »Ich hoffe in Zukunft. Momentan klappt das mit Hängen und Würgen. Wir wissen nicht, wie es nach dem nächsten Album sein wird, aber momentan reinvestieren wir alles, was wir verdienen in die Band. Wir besitzen keine Häuser, wir haben nicht einmal Autos im Moment. Wir benutzen die Sachen unserer Eltern, wenn wir daheim sind (grinst). Wir sind aber auch so viel auf Tour, wir haben fast 300 Shows gespielt im letzten Jahr. Von daher ist es momentan eher so: Welche Monstrosität auch immer da vor der Clubtür parkt, das ist unser zu Hause!«
Arejay: »Wir haben das aber von Anfang an nicht gemacht um reich zu werden. Wir wollten davon leben und die Möglichkeit haben, Musik zu machen.«

Halestorm„The Strange Case Of...“ ist euer zweites Album. Wie habt ihr die Produktion erlebt?

Lzzy: »Wie einen Wirbelsturm. Für unser letztes Album hatten wir alle Zeit der Welt, dieses Mal wollten wir zurück auf Tour, wir wollten nicht zu lange von der Bühne verschwunden sein. Wir haben die Produktion in Segmenten vorgenommen. Es heißt „The strange case of...“ weil wir für die eine Hälfte des Albums einige der aggressivsten Songs überhaupt geschrieben haben. Ich schreie mir auf den Stücken die Seele aus dem Leib, spreche rotznäsig über Dinge, über die ich eine ganze Weile nicht gesprochen habe. Auf der anderen Hälfte befinden sich einige der intimsten Songs, die ich jemals geschrieben habe. Ich habe dabei viel gelernt, während ich Dinge zu Papier brachte. Es war regelrecht therapeutisch für mich. Das Lustigste an dem softeren Songs ist, dass unser Label mich anrief, als sie ihnen vorlagen und sagte „Wir wussten das gar nicht von dir. Wir kannten dich nur zähnefletschend. Bitte, schreib mehr davon!“ Wir endeten mit einem Alben, das wortwörtlich in der Mitte geteilt war. Darauf sind einige unsere kraftvollsten Songs Seite an Seite mit einigen unserer intimsten. Es war also auf verschiedenen Ebenen ein Dualismus, wie bei Jekyll and Hyde. Wir nahmen also den Anfang des Buchtitels „The Strange Case Of Dr. Jekyll And Mr. Hyde“ als „The Strange Case Of Halestorm“ und sagten uns: Okay, die unterschiedlichen Song-Stile sind Absicht!«

Wie viel Einfluss hatte Produzent Howard Benson (u.a. Motörhead, 3 Doors Down) auf den Produktionsprozess?

Lzzy: »Er ist wundervoll, Alter! Wir entschieden uns für ihn, denn wir wollten die Lücke zwischen der Live- und Studioperformance schließen. Das letzte Mal waren wir im Studio und alles war sehr sauber und ordentlich eingespielt, danach mussten wir dieses Album allerdings live performen.«
Arejay: »Leute kamen zu uns und sagten „Wir mochten das Album, aber wir haben die Show geliebt!“ Sie mochten die Energie, die wir den Songs live verliehen haben.«
Lzzy: »Wir sagten zum Beispiel, warum nehmen wir das Schlagzeug nicht auf 2-Inch-Tape auf, was – für alle Musikgeeks da draußen – akustisch echt einen Unterschied macht.«
Arejay: »Es klingt einfach echter, und wir haben versucht die Live-Energie auf Band festzuhalten.«

Ich habe zur Vorbereitung einige amerikanische Reviews zu eurer Band quergelesen und bin immer wieder auf den Terminus „Pop Metal“ gestoßen. Dann habe ich mir „The Strange Case Of...“ angehört und einige eure Songs erinnern mich tatsächlich an die älteren Avril-Lavigne-Alben.
Arejay: »Wirklich?«

Ihr seid deswegen jetzt aber nicht beleidigt?

Arejay: »Keineswegs! Das war ein gutes Album und wir sind alle große Popmusik-Fans. Wir lieben Popmusik. Wir mögen auch viele Metal-Künstler, wir sind da ziemlich offen. Es ist eigentlich ein Kompliment, wenn man sagt, dass jemand Pop-Elemente in seiner Musik hat.«
Lzzy: »Guter Stoff ist einfach guter Stoff, so sehe ich es. Ob das nun ein Pop-, ein Metal-, oder ein Country-Künstler ist. Wenn die Künstler leidenschaftlich hinter dem stehen, was sie machen, ist es ein gutes Album.«

Ihr würdet also sagen Pop Metal ist ein Genre, in dem ihr euch einordnen würdet?

Lzzy: »Absolut! Ich glaub ich werde das ab jetzt offiziell als Beschreibung benutzen (lacht).«
Arejay: »Die Leute sagen wir hätten gute, catchy Melodien, während wir gleichzeitig durchaus heavy und aggressiv klingen; das ist als Beschreibung doch perfekt!«

HalestormIch fühlte mich von dem Album und vor allem den Texten in meine Teenager-Zeit zurückversetzt. Ich hatte das Gefühl einige der Songs adressieren vor allem junge Mädchen. Ich spreche zum Beispiel von 'In Your Room'.

Lzzy: »Du triffst den Nagel ziemlich genau auf den Kopf. Und es ist interessant, dass du 'In Your Room' erwähnst, denn der Song ist in der Tat sehr kindlich. Erinnere dich zurück, als du deinen ersten Freund hattest und dich wirklich interessiert hat, wie sein Zimmer so ist. Das war damals eine wirklich intime Frage. Viele der Songs auf dem Album sind tatsächlich aus diesem Blickwinkel geschrieben. Auf unseren Konzerten kommen viele junge Mädchen zu mir und es ist wirklich wundervoll so viele Mädels in unserem Publikum zu sehen.«
Arejay: »Sogar Justin-Bieber-Fans kommen zu uns!«
Lzzy: »Viele von ihnen kommen zu mir und sagen „Hey, ich habe mir eine Gitarre gekauft!“. Einer unserer Songs heißt 'Rockshow' und er ist einem dieser Mädchen gewidmet. Sie hat mir einen Brief geschrieben, dass unser Konzert ihre erste Rockshow war, dass sie sich danach eine Gitarre organisiert hat und dass sie jetzt in einer kleinen Band spielt. Sie kann schon Eddie Van Halens 'Erruption' spielen und ich finde es einfach großartig, wie sie aufs Ganze geht und wie diese Erfahrung mit uns – aus welchen Gründen auch immer – ihr Leben verändert hat. Es ist so ein bewegendes Gefühl, dass du diese jungen Mädchen beeindruckst und sie dann irgendwie vor deinen Augen ihren Weg finden. Du beobachtest sie dabei, wie sie älter werden. Ich glaube, dass ist der Hauptgrund, warum viele der Songs solche Mädchen ansprechen. Davon ab sind wir auch selbst ab und an kindisch (lacht).«
Arejay: »Im Kopf sind wir häufig ungefähr zwölf Jahre alt (grinst).«

Lzzy, das Revolver Magazine hat dich zu „one of the hottest chicks in Metal“ auserkoren. Das ist vor allem im Hinblick auf den Punkt, über den wir gerade gesprochen haben, interessant. Ist es nicht immer noch ein Dilemma, dass Frauen mit Gitarren auf die „Frau“ und nie auf die Gitarre reduziert werden?

Lzzy: »Deine Frage ist sehr berechtigt. Ich muss hart arbeiten, um anerkannt zu werden. Und es ist kurios; ich hatte genau diese Diskussion mit vielen jungen Mädchen auf unseren Shows. Sie sehen dich auf einem Magazin-Cover und es geht eben nicht um die „20 besten Musikerinnen im Rockmusikbereich“ sondern um „Die heißesten Mädels im Rock“. Es ist eine feine Balance. Auf der einen Seite bekommst du eine Menge Aufmerksamkeit, weil du ein Mädchen bist. Von der wirtschaftlichen Perspektive ist das natürlich eine gute Sache, solange du es nicht vollkommen missbrauchst. Ich habe mir meinen Weg selbst gesucht. Ich habe nicht die stereotypische Laufbahn eingeschlagen: meinen Freund aus der Highschool geheiratet, 2 oder 3 Kinder in die Welt gesetzt, ein Haus mit weißem Zaun und Hund gekauft. Ich habe nichts davon getan, weil ich Musik machen wollte. Und ich glaube, es ist wichtig, dass Mädchen sehen, dass sie nicht einen bestimmten Weg einschlagen müssen. Ich sage ihnen: Es ist vollkommen okay sich zurecht zu machen. Ich habe kein Problem mit High Heels und all diesen Dingen, solang du etwas hast, womit du es rechtfertigen kannst. Sieh zu, dass du deine Riffs spielen oder singen kannst. Verlass dich nicht darauf, wie du aussiehst, denn Schönheit und Jugend werden sich für dich irgendwann erledigt haben. Ich habe selbst nur einige weitere Jahre mit dem Aussehen, das ich jetzt habe, danach müsst ihr eben dazu übergehen euch anzuhören, was ich tue (lacht).«