Online-MegazineInterview

ZEAL & ARDOR

Von Null auf Hundert

ZEAL & ARDOR

Unverhofft erfolgreich beginnt das neue Jahr für Manuel Gagneux, Sänger und Multiinstrumentalist, der seine Wurzeln in Basel und New York hat. Sein 2015 ins Leben gerufene Projekt ZEAL & ARDOR wagt auf „ Devil Is Fine“ das Experiment, afroamerikanische Sklavengesänge aus dem 19. Jahrhundert und norwegischen Black Metal der 1990er aufeinander loszulassen. Als reines Privatprojekt gestartet, geht es dank der Verbreitung über die Social-Media-Kanäle bald auf Europatour. Im Gespräch zeigt Manuel sich sehr locker, humorvoll und weiß gar nicht so recht, wie ihm gerade geschieht.

Manuel, ZEAL & ARDOR wird aktuell sehr schnell bekannter und es geht direkt auf viele Livekonzerte zu. Wie konnte es in so kurzer Zeit dazu kommen?

»Ich hab' keine Ahnung (lacht). Ich hatte die ersten Tracks nur bei Bandcamp hochgeladen und mir gedacht, vielleicht kauft's Mama oder so. Dann gab es eine Journalistin namens Kim Kelly, die für Noisey und Pitchfork arbeitet. Sie hat meine Musik getweeted, wodurch es dann mit Rolling Stone und solchen Magazinen losging.«

Den Projektnamen könnte man mit „Eifer und Begeisterung“ übersetzen. Verbirgt sich hinter diesem Namen eine besondere Idee?

»Eifer und Inbrunst ,wie ich es bisher genannt habe, besitzen sehr unterschiedliche Bedeutungen. Man findet sie zum Beispiel in Predigten und der Bibel. Die Idee war, dass das jemand googelt und dann auf meine Scheiß'-Musik stößt (lacht wieder). Eher ein Witz als ernste Intention. Ich meine, ey, satanistischer Gospel, das bringt mich zum Kichern.«

Klar, so wird es nicht wenigen gehen, aber Sklaverei und Satanismus sind trotzdem zwei ernste Themen mit denen man sich lange beschäftigen kann. Das Album „Devil Is Fine“ nimmt sich des Gedankenexperiments an, wenn sich afroamerikanische Sklaven im 19. Jahrhundert dem Satan zugewandt hätten.

»Ja, oder vielmehr wenn sie so rebelliert hätten wie die frühe norwegische Black Metal-Szene.«

Kann man diese Themenfelder überhaupt ernsthaft zusammenführen, da die Zeit der Sklaverei eine lange, finstere Epoche war, während es beim Black Metal im Norwegen der Neunziger Teenager waren, die Tabus und Grenzen überschreiten wollten?

»Der Gedanke dahinter war, dass man den Satanismus als Trotzreaktion benutzt, um eine Rebellion voranzutreiben und nicht den Glauben. Seltsam empfand ich immer, dass die Naturreligion in der Sklaverei nicht überlebt hat, sondern die Menschen ans Christentum assimiliert wurden.«

Ging es dir auch darum, möglichst starke Gegensätze in einer Kunstwelt zusammenbringen, die schon alles kennt, oder hast du zu beiden dieser Themen einen weiteren persönlichen Bezug?

»Ich habe zu beiden einen Bezug. Black Metal habe ich in meiner Zeit als Teenie intensiv gehört, weil es eben die extremste Musik war, die ich kannte. Meine Mutter ist Afroamerikanerin, deshalb habe ich aus der Ecke auch einige Einflüsse abbekommen.«



Mit rund 25 Minuten ist das Album sehr kurz und von den musikalischen Elementen ziemlich eklektisch. Die Gegensätze aus Sklavengesängen und (Black) Metal kommen zusammen, aber stehen auch häufiger für sich. Hattest du eine Struktur im Kopf, wie die Abfolge der Songs sein soll?

»Nein, eine große Strategie hatte ich dazu nicht. Ein paar Songs und auch die drei Sakrilegien (drei Instrumentalstücke auf dem Album – ms.) hatte ich vorher fertig und dann habe ich alles zusammengefügt.«

In der Mitte ab 'Children's Summon' wird das Album an mehreren Stellen durch Spieluhr-artigen Melodien erweitert. Wie kommt man auf einmal dazu?

»Gute Frage, ich mag einfach diese Spieluhren. Wenn man sie in einen seltsamen Kontext wirft, haben sie auch eine komplett andere Wirkung, weil man sofort Kindheit und Unschuld assoziiert. Darum fand ich den Spagat interessant. Man hört auch wirklich Spieluhren, wo man vorher in einer Scheiß-Arbeit Löcher stanzen muss. Es ist wirklich mühsam (lacht).«


Genau zu diesem Song, der ja das Wort 'children' enthält, konnte man vorab die Lyrics auf Bandcamp lesen. In dem Text werden bestimmte Dämonen aufgezählt, wenn ich das richtig interpretiere.

»Genau, das sind ein paar der wichtigsten Dämonen der Goetia. Das ist ein altes, verschollenes Kapitel der Bibel, wie man sagt. Wenn man die aufzählt, passiert nichts Besonderes, aber mir gefiel die Gegenüberstellung der Unschuld und dem ultimativen Bösen, oder wie man es nennen soll.«

Auf die drei Sakrilegien, von denen du sprachst, würde ich gern noch näher eingehen: Der erste Teil wird von elektronischen Beats geprägt, der zweite klingt nach einer elektronischen Variante barocker Clavichord-Instrumente und das dritte wie eine ins traurige verdrehte Zirkusmusik. Soweit mein Empfinden dazu. Was vereint die Stücke?

»Die Stücke sind alle Sakrilegien. Das erste hat einen Muezzin-Gesang und wenn man den verdreht, ist es total haram. Das zweite hat ein verstärktes Tritonus-Intervall und das dritte ist einfach ein Synth-Track auf einem Metal-Album, und das in sich ist eigentlich ein Sakrileg. Das Spiel mit verschiedenen Tabus.«

Sind Songs wie 'Blood In The River' und 'Devil Is Fine', die stärker in den Sklavengesängen verwurzelt sind, von traditionellen Melodien oder auch dem Blues beeinflusst? Du hast dich im Vorfeld auch mit dem amerikanischen Musikforscher Lomax beschäftigt.

»Also ich habe nichts verbatim geklaut, aber vom Format her habe ich dieses 'Call and response'-Prinzip, und auch die Art wie die Vocals gemischt sind, mächtig abgekupfert. Alan Lomax und sein Vater hatten im Auftrag des Smithonian Instituts in Washington DC die sogenannte Kunst dieser neuen Nation festgehalten. Das haben sie gemacht, was auch alles hörbar ist. Wie ein kleines Fenster in eine andere Zeit.«



'Blood In The River' enthält ein gesprochenes Zitat. Worum handelt es sich dabei?

»Das ist von Aleister Crowley. Er hat es in einer längeren Beschwörung so gesprochen. Darin geht es um den freien Geist des Menschen und das man das Ego als Gott behandeln sollte. Die satanische Perspektive als eine der Freiheit, was in Kombination mit den Sklavengesängen wieder interessant ist.«

Passend zur Thematik hast du auch den ehemaligen Sklaven Robert Smalls aufs Cover gesetzt, der als junger Mann fliehen konnte und später unter Präsident Lincoln in der Marine gearbeitet hat. Was ist an seiner Person das Besondere?

»Er hat sich selbst ein Stück weit verwirklichen können, trotz den Umständen seiner Umgebung. Er war auch in der Politik aktiv, was in dieser Zeit als Schwarzer schon beachtlich war. Ein Bild vom ihm zusammen mit dem Siegel Luzifers fasst die Idee des Albums schön zusammen.«

Auf dem Album hast du alles alleine ausgearbeitet. Wie hast du dir für die anstehenden Livekonzerte nun Mitmusiker organisiert?

»Bei den ganzen Anfragen, wie etwa zum Roadburn Festival, habe ich schon ein bisschen Panik geschoben. Da spielen Vorbilder von mir, die brillante Musiker mit langjähriger Erfahrung sind. Da kann ich nicht mit 'nem Laptop ankommen und „Play“ drücken. Freunde von mir hier aus Basel sind ebenfalls Musiker, auf die ich mich verlassen kann. Ein Gitarrist, eine Bassistin, ein Schlagzeuger und zwei Backing-Sänger.«

Meinst du, dass das Experiment woraus ZEAL & ARDOR entstanden ist, für mehrere Alben Substanz hat?

»Das wird sich zeigen. Für die Tour schreibe ich schon weitere Lieder und wenn ich da genug Material habe, wird das schon reichen. Sobald ich das Gefühl habe etwas zu forcieren, werde ich das abbrechen, weil das niemandem was bringt. ZEAL & ARDOR könnten also auch anders klingen in der Zukunft. Vielleicht wird die übernächste Scheibe dann Salsa-Techno (lacht).«

 

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Pics: Matthias Willi (Promo)

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15.04.2017
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