Online-MegazineInterview

LOSTPROPHETS

Vom Fotografen zum Keyboarder

Was hat eine Combo nach fünfzehn Jahren Bandgeschichte, fünf Studioalben und unzähligen Tourneen noch zu erzählen? Eine Menge, wie LOSTPROPHETS-Keyboarder Jamie Oliver (richtig, namensverwandt mit dem britischen Fernsehkoch) erfrischend offen, intelligent und selbstkritisch zu erzählen weiß. Der Musiker, der ursprünglich nur als Fotograf die Band auf Tour begleiten sollte, berichtet ehrlich über musikalische Entwicklungen, Schaffenskrisen, seine Leidenschaft zur Kunst und seine persönlichen Eindrücke aus knapp fünfzehn Jahren Musikbusiness-Erfahrung.

Jamie, eure Tour scheint extrem gut zu laufen, in Dortmund wurde extra ein Zusatzkonzert organisiert. Wie fühlt sich das an?

(lacht) »Ist das dein Ernst? Ist das die Wahrheit?«

Natürlich! Ich mache keine Witze.

»(lacht noch mehr) Da sieht man, wie das Tourleben einen komplett einnimmt. Das habe ich, um ehrlich zu sein, gar nicht gewusst. Das ist ja unglaublich! Die Deutschen sind verrückt! Ich fühle mich sehr, sehr glücklich, dass wir so gut ankommen. Unglaublich! Ich bin sprachlos! Und da stehen echt noch Leute draußen?«

Ja, hast du noch nicht raus geschaut? Da ist eine riesige Schlange, ich glaube die stehen schon seit ein paar Stunden da in der Sonne.

»Du lügst! Warte, ich laufe eben raus und sehe selbst nach. (Steht auf, rennt zur Tür. Hält dann laut lachend an und setzt sich wieder auf seinen Platz im Backstage des Dortmunder FZW.) Ok, ok. Sorry, ich bin so aufgeregt. Ich war noch gar nicht draußen, ich weiß nicht mal, wo es hier raus geht. Wenn ich auf einer Tour im Venue ankomme, checke ich die Lage und mache mich dann auf den Weg in die City, um ein paar Fotos zu machen. Das ist für meinen Kopf. Ich brauche das. Aber heute war noch keine Zeit dafür. Ich bin um zwei Uhr aus dem Bett gefallen, und dann waren wir auf einmal hier...«

Ist es für dich wichtig auf Tour so etwas wie Rituale zu haben, oder dich irgendwie fit zu halten?

»Oh ja, sonst verliert man ja komplett den Verstand. Ich versuche so oft es geht ein Fitnessstudio zu finden, laufen zu gehen, mich gesund zu ernähren, irgendwo in einem netten Restaurant, und die Städte kennen zu lernen. Ich bin auch Vegetarier, irgendwie lebt es sich da automatisch gesund. Zumindest auf Tour... wenn ich zu Hause bin, das ist zwar nie lang, aber dann trinke ich doch öfter was oder esse sogar weniger Obst und Gemüse, als auf Tour. Auf Tour bekommt man das ganze gute Zeug, was ich mir privat nie leisten könnte.«

Du scheinst das Leben auf Tour ja richtig zu genießen.

»Oh ja, ich habe auf der letzten Tour eine Menge tolle Städte gesehen, zum Beispiel in Italien. Wenn da abends die Sonne auf die roten Häuser scheint, und das Licht sich in den kleinen Fenstern bricht, solche Momente bewegen mich irgendwie. Ich denke mit dann nur „Ah, wie von Engeln gemacht“!«

Ich habe gelesen, dass du, bevor du Musiker geworden bist, Künstler warst, beziehungsweise es noch bist.

»Oh ja, ich habe meinen Master in „Fine Arts“ angefangen. Aber als es mit der  Band los ging, musste ich das Studium auf Eis legen. Offiziell bin ich aber noch eingeschriebener Student. Ich will das auch irgendwann abschließen. Ich habe kürzlich meine Leidenschaft zum Malen wiederentdeckt. Auf der aktuellen Tour habe ich bereits drei Ölbilder fertig gemalt. Beziehungsweise habe ich die Bilder auf meinem Laptop gemalt, mit einer speziellen Software, aber sie sehen aus, wie Ölgemälde. Die neue Technik macht es möglich! Das ist unglaublich. Willst du mal sehen?«

(Jamie springt auf, rennt zu seinem Laptop, und öffnet stolz mehrere Dateien von seinen „Ölgemälden“. Ca. zehn Minuten später geht das Interview weiter.)

»So, es tut mir leid. Ich konnte nicht anders. Zurück zum Thema.«

Das Malen ist dir extrem wichtig. Wie ist das, trennst du die Musik und das Malen, oder kombinierst du diese künstlerischen Aspekte miteinander?

»Ich kann das nicht wirklich steuern, aber irgendwie sind diese beiden Sachen immer getrennt. Es ist so: wenn ich total in der Musik bin, dann vergesse ich das Malen. Wenn dann eine Stimme in mir sagt, dass ich mich der Leinwand zuwenden soll, dann fällt es mir schwer musikalisch kreativ zu sein. Es kommt meiner Meinung auch immer darauf an, in welcher Situation ich mich befinde. Wenn ich unter Druck Musik machen muss, dann klappt das oft nicht, und ich wende mich dem Malen zu. Früher, als ich malen musste, um damit mein Geld zu verdienen, hat mir das wiederum keine Freude bereitet. Der Druck war mir dann einfach zu groß. Dann kann ich nicht arbeiten. Da fehlt die Magie. Mit der Musik ist das irgendwie auch so. Nachdem man über zehn Jahre Musik gemacht hat, kann es sein, dass einem ab und zu die Magie verloren geht.«

Wie war das bei eurem aktuellen Album? Wie war der Kompositionsprozess?

»Ich fand die letzte Scheibe schwierig. Wir haben uns bei den Aufnahmen selbst sehr gefordert. Anstatt den traditionellen Weg einer Vorproduktion zu gehen, haben wir all die Instrumente so vorbereitet, dass wir direkt live einspielen konnten. Wir haben komplette Songs eingespielt, vom Anfang bis zum Ende. Das war super, aber auf der anderen Seite gab es da doch einen gewissen Druck. Für einen Song haben wir zum Beispiel eine komplette Woche gebraucht! Für mich persönlich war die Platte außerdem eine Herausforderung, weil ich es dieses Mal ganz besonders schwer fand Inspiration und Muße zu finden. Ich kann nicht mal sagen warum. Manchmal hat man solche Phasen...« (langes Schweigen)

Du kannst nicht sagen, woran das lag?

»Ich wusste irgendwie nicht, was ich sagen sollte, auf einer musikalischen Ebene. Aber ich bin dankbar für meine großartigen Bandkollegen! Das sind so unfassbar kreative Menschen, ich beneide sie um ihre Ideen und ihre Kreativität. Dank ihnen ist das Album zu dem geworden, was es ist. Was uns gut getan hat, war definitiv das neue Label, und dass wir von all unseren alten Verträgen entbunden waren. Das gab uns neue Kraft und Mut etwas Neues auszuprobieren. Das fühlte sich an wie das zweite Kapitel, nein wie ein Neuanfang für die Band.«

Wie war das für deine Bandkollegen? Weißt du, ob es sich für sie genau so angefühlt hat?

»Das sollte man meinen. Man sollte meinen, dass man nach einer so langen Zeit in einer Band weiß, was die anderen denken, und dass es einfacher wird eine gemeinsame Platte zu schreiben. Aber das ist es nicht, das wird es nicht, niemals. Im Gegenteil. Manche werden mit der Zeit immer perfektionistischer, wollen sich selbst immer weiter antreiben. Während andere vielleicht ein bisschen mehr durchatmen wollen. Das Problem ist, dass du sechs extrem motivierte, leidenschaftliche und kreative Köpfe zusammen hast. Der eine ändert dies, der andere ändert es wieder, und dann kommt der nächste, und der selbe Part klingt wieder ganz anders. So ein Prozess ist niemals einfach, egal wie lang es eine Band schon gibt.«

Ist dir das Songwriting jemals leicht gefallen, ob allein oder als Gruppenprozess?

»Nein, noch nie! Damals mit 13 oder 14, da habe ich mit dem Malen angefangen und alle haben gesagt: „Wow, wie machst du das, das ist der Wahnsinn!“. Aber ich dachte nur, dass das doch total einfach ist. Es fiel mir immer so leicht. Ich musste das nicht lernen oder üben. Bei der Musik war das schon immer anders. Ich habe erst sehr spät mein Instrument gelernt, musste viel üben und mir viel beibringen lassen. Ich würde sagen, ich bin fast mehr Künstler als Musiker, auch wenn mir die Musik viel bedeutet, ist sie ein hartes Stück Arbeit.«

Hast du je mit dem Gedanken gespielt, mit der Musik aufzuhören?

»Oh nein, dafür ist sie mir zu wichtig. Es ist schon eine bizarre Geschichte, wie ich zur Musik gekommen bin! Ich hatte ein Auto! Das war der ursprüngliche Grund. Und weil die Jungs jemanden brauchten, der sie ins Studio fuhr, bot ich  mich an und hing mit ihnen rum. Ich machte Fotos von ihnen und sie fragten mich, ob ich nicht mit auf Tour kommen wollte. Da gab es nur ein Problem. Es gab nicht genug Platz im Bus. Es hieß, ich könnte nur mitkommen, wenn ich ein Instrument spielen könnte, und da mich die Jungs unbedingt dabei haben wollten, übernahm ich erst die Samples und lernte dann Keyboard spielen. So kam ich in die Band, und ich habe es noch nie bereut. Sie bedeutet mir alles, auch wenn wohl jeder Musiker mal Phasen hat, in denen seine musikalische Kreativität nicht ganz oben ist.«

Wie siehst du deine Zukunft bzw. die Zukunft der Band? Was sind eure Pläne, und glaubst du, dass deine Kreativität auch für die Zukunft reichen wird?

»Um ehrlich zu sein, kann ich das nicht sagen, aber ich hoffe es natürlich und werde alles dafür geben. Die Band wird weiter machen, und das tun, was sich für sie richtig anfühlt. Denn im Endeffekt ist es das Wahre, was sich durchsetzen wird, und die LOSTPROPHETS folgen schon immer ihrem Herzen und dem, was ihr Inneres ihnen sagt. Die Fans riechen es, wenn man sie belügt. Das fühlt sich nicht gut an. Musik ist etwas persönliches, sie muss etwas aussagen, da muss etwas dahinter stecken. Solche One Hit Wunder, die es nur darauf abgesehen haben einen Hit zu schreiben, die werden schnell entlarvt und halten sich nicht lange. Auch wenn es mal Phasen gibt, in denen die Kreativität nicht aus einem sprudelt, werden wir uns immer treu bleiben und ehrlich Musik machen, von der wir überzeugt sind. Ich gebe zu, ich bin sicher nicht der talentierteste in der Band – die anderen sind wahre Genies – aber die Band steht zusammen und macht echte Musik. Und das wissen und spüren die Leute, die unsere Musik hören.«

Du würdest also sagen, dass eure Musik authentisch ist?

»Ich mag das Wort! Ja, das trifft es. Wir sind real. Ich kann die sagen, was wirklich authentisch ist: Wahrheit. Wahrheit und musikalische Qualität. Du musst dein Bestes geben, immer. Ich sehe so oft, dass Leute ihren Glauben an etwas verlieren, weil sie sich belogen fühlen. Aber sie werden immer sehen, wenn sie belogen werden, und werden sich an das halten, was wahr und ehrlich ist. Wir wollen so ehrlich sein, wie wir können, damit die Leute etwas haben, ab das sie glauben können.«

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