Online-MegazineInterview

ARTIZAN

Unendliche Energie

ARTIZAN

Hoffentlich erhalten ARTIZAN die Chance, auf einer der kommenden Keep-It-True-Veranstaltungen selbst auf der Bühne zu stehen, beziehungsweise zu sitzen. Drummer Ty Tammeus jedenfalls ist begeistert von dem Flair des Festivals. Er hat dieses Jahr am Hellion-Stand „Ancestral Energy“, den Nachfolger von „Curse Of The Artizan“ feilgeboten und bei Interesse signiert. 

Ty, gibt es mittlerweile vergleichbare Festivals in den USA?

»Man kann das KIT nicht damit vergleichen: Hier in Deutschland sind beinahe nur Old-School-Bands am Start, das Progpower beispielsweise ist viel moderner ausgerichtet. Aber ich schätze beides. Oliver Weinsheimer erledigt seinen Job hervorragend.«

Organisiert ihr häufig Shows in eurer Heimatstadt Jacksonville, Florida, oder habt ihr die richtigen Promoter-Kontakte, um den Zuschlag als lokaler Support für die größeren Bands zu bekommen?

»Man mag es kaum glauben, aber wir haben bisher keinen einzigen Gig in unserer Heimatstadt gespielt. 2001 haben wir eine kleine Tour mit anderen Bands unseres Managements gehabt und waren mit einem wunderschönen Mercedesbus unterwegs. Wenn es möglich wäre, würde ich gerne mehrmals im Jahr touren, ich liebe es, für die Fans zu performen.«

Genießt ihr das pulsierende Leben der Metropole, oder zieht es euch als Herren im gesetzten Alter eher in die ländlichen Randbezirke?

»Ich mag es lieber etwas ruhiger und weniger hektisch, die meisten von uns leben außerhalb des Zentrums. Tom allerdings wohnt in Denver, Colorado und muss sich ständig durch den dichten Verkehr kämpfen, was ihn zunehmend ziemlich nervt.«

Auf Facebook hast du direkt nach Veröffentlichung kundgetan, wie stark das neue Black-Sabbath-Album „13“ sei. Für dich ist diese Reunion – wenn auch ohne Bill Ward – also kein alberner Cash-In, sondern auch die Chance, die Originale endlich live zu sehen?

»Das Album hat einen tollen Sound, ich habe es gerade noch gehört, auch wenn die Drums für meinen Geschmack noch etwas präsenter sein dürften. Ozzy singt verdammt gut. Natürlich weiß man nie, welche Technik bei der Produktion und im Mix zum Einsatz kam, ob Pro Tools genutzt wurde, um manches besser rüberzubringen. Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass Tony Iommi ein Rockgott ist. Ich liebe alles, was er erschaffen hat. Ich würde so verdammt gerne mit ihm jammen. Leider habe ich ihn nie live gesehen, dafür aber wenigstens Dio!«

Eine Komplettaufnahme im Morrissound dürfte das Labelbudget überschreiten – habt ihr selbst viel von eurer eigenen Kohle zugeschossen, um mit Jim Morris arbeiten zu können?

»Die meisten Bands nehmen heute mit ihrem eigenen Equipment daheim auf und erzielen natürlich nicht den Sound, den sie in einem professionellen Studio mit einem gelernten Produzenten erreichen würden. Das höre ich heraus, aber sie denken offenbar, dass sie Qualitätsarbeit auf Topniveau abliefern. Warum soll man sich mit weniger zufrieden geben, wenn man etwas für die Ewigkeit aufnimmt? Ich verstehe das nicht.«

Euer Sound ist kristallklar und trocken, weder überproduziert, noch Garagen-artig. Der Fokus liegt auf den Melodien, nicht auf einer mörderisch drückenden Rhythmussektion. Ist das euer Statement gegen die aktuellen Trends in Sachen metallicher Klangästhetik?

»Viele Aspekte in unserer Musik führen zu dem beschriebenen Klang. Zunächst kreiere ich alle Songs um den Gesang. Tom singt einen sehr puren, reinen Ton. Also soll auch die Musik klar, rein und deutlich klingen. Wir zielen auf einen modernen Sound ab, der aber zeitlos ist und auch in 30 Jahren nicht veraltet wirkt. Es gab viele Diskussionen mit Jim Morris über Details und letztlich vertrauen wir ihm und lassen ihn machen, was er am besten kann. Er ist so gut, dass ich ihn sogar am Album arbeiten lassen würde, wenn ich nicht dabei sitze.«

Euer Debüt wurde nur in Jims teuren Studio gemischt und gemastert. Stören dich im Nachhinein viele Aspekte darauf, hat sich bei euch der Spruch „We’ll fix it in the mix“ als hohle Phrase herausgestellt – oder warum habt ihr euch für die Komplettbuchung im Morrissound entschieden?

»Oh, da gab es nicht sonderlich viel, was später gefixt oder repariert werden musste. Wir haben die Songs zwei Jahre lang geschrieben und geprobt und lassen uns da auch nicht unter Zeitdruck setzen. Ich kenne viele Bands, die erst im Studio schreiben und vielleicht probieren wir das auch einmal aus. Meine Drum-Spuren habe ich alleine eingespielt, nur mit Jim im Studio – ohne Pilotgitarren oder so. Ich sehe zu, dass mein Part komplett ist, was ziemlich schnell läuft. Danach kommen Rhythmusgitarre, Bass, Gesang und schließlich die Soli. Alles in allem waren wir zwei Wochen im Studio.«

Die Gesangsharmonien am Ende von 'Deep Ocean Dreams' dürften ein Fall sein, in dem sich Jims Erfahrung besonders auszahlt.

»Das ist tatsächlich einer der wenigen Parts, die erst im Studio Form annahmen. Der Song selbst stand, nur beim Ende wussten wir nicht, ob es langsam ausklingen oder sich noch einmal aufbäumen sollte. Jim war für letzteres und wollte es emotionaler, größer klingen lassen. Eigentlich waren die Instrumentalspuren und auch Toms Gesang bereits fertig aufgenommen. Das Ergebnis ist fantastisch, Tom singt unglaublich gut. Daher ist der Sog einer meiner Albumfavoriten.«

Wurden weitere Songs aufgenommen und als potenzielle Bonustracks zurückgehalten?

»Es gibt kaum fertiges Material, welches nicht aufgenommen und direkt veröffentlicht wurde. Vielleicht werden wir irgendwann mal altes Leviathan-Material neu aufnehmen, an dessen Entstehung ich beteiligt war.«

Wie schwer war es, Matt Barlow als Gastsänger für den Titelsong 'Ancestral Energy' zu bekommen? Er nutzt in dem vergleichsweise kurzen Ausschnitt dieses Opus seine ganze beachtliche Reichweite.

»Als ich beinahe den kompletten Text für 'Ancestral Energy' geschrieben hatte, wusste ich, dass für die Stimme der Ahnen ein anderer Sänger benötigt würde – jemand mit einem aggressiveren Organ als Tom. Matt kam mir als erstes in den Sinn, ich liebe seine ganzen Alben mit Iced Earth. Wir sind uns nie begegnet, nur Freunde auf Facebook. Anfang 2012 kontaktierte ich ihn erstmals und fragte, ob grundsätzlich Interesse an gemeinsamen Aufnahmen bestünde. Seine Antwort war sehr freundlich, aber er beteuerte, in dem terminlichen Rahmen verhindert zu sein. Nach vier Monaten fragte ich erneut und er sagte zu. Matt mochte unsere Musik und hatte bei Iced Earth mit Jim gearbeitet. Im August 2012 flog er nach Tampa und erledigte die Aufnahmen. Nachdem ich seine Zusage hatte, schrieb ich ihm den Part auf den Leib, damit er alle Register ziehen konnte. Und genau das tat er in Perfektion.«

Ist die besungene Energie auf bestimmte Plätze bezogen?

»Der Titelsong thematisiert die tragischen Tode der Vorfahren des Artizan-Charakters. Man erfährt in der Geschichte, dass seine Urahnen vor 500 Jahren geopfert wurden. Ihre Energie und die gebündelten Talente sind nun in ihm vereint. Er ist ein Magier mit der Kraft, Kreaturen aus Stein zu erschaffen, die jene zerstören, die ihn verletzt haben. Er erschafft auch epische Gemälde, welche vom grausamen Ende seiner Feinde künden. Vielleicht ziehen wir alle Stärke aus dem, was unsere Vorfahren erlernten und durchlebten?«

Basiert die Booklet-Botschaft „Träume werden wahr – die Energie ist unendlich“ auf einem religiösen Fundament?

»Das entspricht meinem persönlichen Glauben, meiner Philosophie. Wie kann Energie nicht grenzenlos, unendlich sein? Energie ist der Ursprung von allem und in allem enthalten. Ohne diesen Glauben kann ich nicht weiterleben und inspiriert sein. Auch wenn wir sterblich sind, manifestiert sich unsere Energie nach dem Tod in etwas anderem. Wir bestehen alle Energie. Aber ich bin kein sehr religiöser Mensch. Träume werden nur wahr, wenn man versucht sie umzusetzen. Wir müssen den ersten Schritt wagen und ein Risiko eingehen, damit überhaupt etwas geschieht. Daran denke ich immer wieder. Ja, wir haben Ängste und Hemmungen. Aber verdammt, ohne diesen ersten Schritt werden wir nichts erreichen! Du lebst nur einmal. Also versuch es, sonst wirst du es nie erfahren. Was ist das schlimmste, das passieren kann? Auch ich hatte Hindernisse zu überwinden. Das größte war die Furcht vor dem Unbekannten. Den Charakter Artizan habe ich entwickelt, nachdem meine damals neue Band diesen Namen gefunden hatte. Der aktuelle Titeltrack ist ein Prequel zu „Curse Of The Artizan“. Ich würde diesen Konzept um einen nur uns gehörenden Charakter gerne über die nächsten Alben weiter entwickeln. Es könnte Bücher geben, selbst einen Film... Aber ich darf nicht zu viel verraten.«

Sind beide Gestalten auf dem Cover von Eliran Kantor der Artizan – nur in unterschiedlichen Zeitfenstern?

»Eine interessante Interpretation, aber die Figur im Vordergrund im Gebäudeinneren ist der Artizan und die Szene außerhalb des Fensters die Opferung seiner Vorfahren. Die Szene visualisiert seinen Traum über die Geschehnisse. Obwohl das Bild sehr organisch aussieht und wie eine Ölmalerei wirkt, hat Eliran es komplett digital auf dem Computer entwickelt. Er ist ein fantastischer Künstler. Eliran hat mir erzählt, dass er den Titelsong einhundert mal gehört hat, bis er eine deutliche Vision von der Beschaffenheit des Covers hatte.«

 

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