Online-MegazineInterview

SKELETONWITCH

Über den metallischen Tellerrand hinaus

SKELETONWITCH

Nachdem sich SKELETONWITCH im Oktober 2014 von Sänger Chance Garnette getrennt hatten, war es still um das Heavy-Black-Thrash-Gespann aus Athens, Ohio geworden. Diese Pause gleicht jedoch nur der Ruhe vor dem Sturm: 2016 begrüßen SKELETONWITCH mit Adam Clemans (Wolvhammer) nicht nur einen neuen Frontmann, sondern legen mit „The Apothic Gloom“ eine EP vor, die eine neue Entwicklung hin zu einem progressiveren, epischeren Sound zeigt. Live sind SKELETONWITCH wieder aktiv wie eh und je: Nach zwei US-Touren im Frühjahr und Herbst kehren sie nun an der Seite von Kvelertak nach Europa zurück. Im Dresdner Beatpol steht Gitarrist Scott Hedrick Rock Hard Rede und Antwort.

Scott, euer Tourauftakt fand gestern im SO36 in Berlin statt. Hattet ihr einen guten Start?

»Ja, die erste Show war großartig und es war toll, im SO36 zu spielen. Ich habe viel darüber gelesen, über Iggy Pop, über David Bowie. Es ist quasi das Pendant zum leider nicht mehr existierenden CBGB in New York. Es war gerammelt voll, du konntest keinen Fuß nach links oder rechts setzen. Die Reaktionen fielen auch gut aus – ein warmherziges Willkommen. Und natürlich bist du immer froh, wenn du die erste Show einer internationalen Tour hinter dir hast und alles so reibungslos läuft, weil du mit ungewohntem Equipment spielst, müde bist, mit Jetlag kämpfst.«

Kvelertak sind alte Bekannte, mit denen ihr bereits 2011 die USA unsicher gemacht habt.

»Genau. Kvelertak haben Anfang des Jahres in den USA gespielt. Nate und unser Manager schauten bei einer Show vorbei und feierten mit den Jungs. Dabei erwähnten Kvelertak beiläufig, dass sie eine Europatour planen und wir Bescheid geben sollten, wenn wir Lust haben, sie zu begleiten. Wir sind Freunde, die die Band des jeweils anderen mögen, einander respektieren und Zeit miteinander verbringen wollen. Ich glaube ja, dass es ein ausgeklügelter Plan von Maciek (Ofstad, Kvelertak-Gitarrist) dahinter steckt, gemeinsam mit seinem guten alten Trinkkumpan Nate (Garnette, SKELETONWITCH-Gitarrist) in Europa einen zu heben… und er hat funktioniert!«

Es ist ein spannendes und ereignisreiches Jahr für SKELETONWITCH gewesen. Mit Adam Clemans habt ihr einen neuen Sänger auf der Decibel-Tour mit Abbath, High on Fire und Tribulation vorgestellt, ihr habt eine Headliner-Tour durch die USA absolviert und nicht zuletzt steht seit August 2016 die EP „The Apothic Gloom“ in den Läden, die eine epischere, progressivere Seite von euch zeigt. „The Apothic Gloom“ ist die erste Veröffentlichung, auf der du die meisten Songs beigesteuert hast. Würdest du sagen, dass auf der neuen EP deine Handschrift als Songwriter deutlicher zum Tragen kommt, oder habt ihr euch bewusst für eine neue musikalische Richtung entschieden?

»Ich glaube, dass die Elemente, die du auf „The Apothic Gloom“ hörst, zu einem gewissen Grad schon immer da waren. Die Songs spiegeln einerseits meine größere Präsenz als Songwriter wider. Andererseits zeigt sich darin auch meine Entwicklung als Songwriter und die Absicht, den Sound der Band in eine etwas andere Richtung zu bewegen. Die längeren, komplexeren Songs, die sich überlagernden Sounds und Gitarrenspuren, das ist eine Seite von mir, die bislang nicht so richtig in der Band vertreten war. Wir haben uns in der Vergangenheit eher auf geradlinige „Kick you in the face“-Nummern konzentriert.
Mit einem neuen Sänger hatte ich die Möglichkeit, die Band weiterzuentwickeln. Ich beschreibe es zumindest als Entwicklung oder Wachstum. Als ich Nate (dem zweiten Hauptsongwriter der Band – als) das Material zum ersten Mal vorspielte, war er zunächst skeptisch: „Hm, ist das nicht etwas lang für SKELETONWITCH? Wir sind doch eher eine Thrash-Metal-Band.“ Schlussendlich, hat er sich aber gut in das Material hineinfinden können. Die EP war für uns auch ein Risiko – für eine Band, die es schon lange gibt, die ihren Sound über die Jahre wenig verändert hat. Ich denke jedoch, dass es sich gelohnt hat, dieses Risiko einzugehen.«

Du hast schon einige Unterschiede zwischen Nate und dir als Hauptsongwriter angesprochen. Würdest du sagen, dass sich Nate und du nicht nur in der Art und Weise unterscheiden, wie ihr Songs schreibt, sondern auch in euren Einflüssen?

»Absolut. Nate ist ein traditioneller Heavy-Metal- und Hard-Rock-Fan, er liebt Thrash aus den frühen 80ern. Er hört wenig abgedrehte oder experimentelle Musik, während ich schon in jungen Jahren mit viel schrägem Zeug konfrontiert wurde. Als ich 16 war, rotierte bei mir zum Beispiel japanischer Psychedelic Rock von Acid Mothers Temple. Ich bin jetzt 33 Jahre alt, habe während meiner College-Zeit in einem Plattenladen gejobbt und übernehme auch jetzt noch hin und wieder Schichten. Ich bin so vielen unterschiedlichen musikalischen Einflüssen ausgesetzt und, klar, die finden auch ihren Weg in unsere Songs, wenn auch in einem Metal-Gewand. John Fahey zählt beispielsweise zu meinen größten Einflüssen. Er spielt Akustikgitarre und zählt für mich zum amerikanischen Kulturgut, einer der coolsten Musikerpersönlichkeiten, die wir je hatten. In den letzten Jahren habe ich auch viel Electric Miles Davis gehört. Das spiegelt sich nicht so sehr in unserem Sound wider, aber musikalische Einflüsse wie diese erlauben es mir, fernab von konventionellen Metal-Songstrukturen zu denken. Es gibt einfach so viel gute Musik da draußen, schalte zum Beispiel mal bei wfmu.org ein. Das ist eine Radiostation in Jersey City, die von Noise über Metal bis hin zu Jazz alles spielt. Ansonsten kann ich das Label Three Lobed Recordings nur empfehlen.«

Du hast gerade John Fahey als einen wichtigen Einfluss angesprochen. Hast du nicht schon einmal selbst eine Solo-Akustikshow beim „Nelsonville Music Festival“ gespielt?

»Ja. Der Gig kam durch meine Obsession mit American Primitive Guitar, John Fahey und Künstlern der Neo School of American Primitive Guitar wie William Tyler oder Steve Gunn zustande. Ich fand die Musik John Faheys so gut, dass ich unbedingt herausfinden wollte, wie er sie spielte und was er genau tat. Also, kaufte ich mir Fingerpicks, eine Akustikgitarre und dann konnte es auch schon losgehen. Nach einer Weile begann ich auch eigene Songs zu schreiben. Ein Freund von mir macht das Booking für das Festival und fragte mich, ob ich nicht auch spielen wolle.

Neben SKELETONWITCH habe ich zwei Nebenprojekte, mit denen ich irgendwann einmal Platten aufnehmen möchte. Da ist zum einen das bereits angesprochene Akustik-Instrumental-Projekt. Bei meinem zweiten Projekt geht es deutlich wilder zur Sache, hier treffen unter anderem Psychedelic und Krautrock aufeinander. Krautrock ist ein schräger Begriff. Und es ist witzig, über Krautrock zu sprechen, hier in Deutschland. Aber es ist ein weiteres Genre, das mich stark beeinflusst hat. Ich liebe Bands wie Can oder Neu!.«

Lass uns noch einmal zu eurer neuen EP zurückkommen. Du hast vorhin angesprochen, das sich mit einem neuen Sänger die Möglichkeit zur musikalischen Weiterentwicklung bot. Wie würdest du denn Adams Rolle beim Songwriting und den Aufnahmen zu „The Apothic Gloom“ beschreiben?

»Glaube es oder nicht, aber ich konnte mit Adam enger an den Songs arbeiten als mit unserem früheren Sänger Chance. Früher war es so, dass Nate und ich die Songs geschrieben haben und Chance Lyrics draufpackte. Wir schickten ihm Demos zu und er hat dann für sich allein gewerkelt. Chance zeigte sich nicht besonders offen für konstruktive Kritik. Da ist Adam das komplette Gegenteil, wir haben sehr eng bei der Entwicklung von Gesangslinien zusammengearbeitet.«

Ihr kennt Adam schon lange, unter anderem durch seine vorherige Band Veil of Maya. War es für euch eine naheliegende Entscheidung, Adam ins Boot zu holen, oder standen noch andere Namen im Raum?

»Ich habe keine Ahnung, warum er uns nicht gleich in den Sinn kam. Wir haben zuvor an einige andere Leute gedacht, bevor unser Schlagzeuger Dustin meinte: „Was ist denn mit Adam von Wolvhammer?“ Sobald er es ausgesprochen hatte, haben wir ihn angerufen. Nach einer Probe war klar: Das ist unser Mann.«

Ihr habt 2015 eine Tour mit Andy Horn (Battlemaster, Ex-Cannabis Corpse) am Mikro gespielt. War das keine Option für den Sängerposten?

»Für uns stand fest, dass wir die Tour mit ihm gemeinsam spielen und, je nachdem, wie gut die Tour läuft, ihn als festes Bandmitglied aufnehmen oder nicht. Aber an diesen Punkt sind wir gar nicht gekommen. Ich habe ihm unseren Fahrplan für die nächste Zeit präsentiert und er sagte zu uns: „Ich würde gern aushelfen, aber ich schaffe nicht einmal die Hälfte der Sachen.“ Wir wollten aber niemanden, der uns aushilft, sondern ein festes Mitglied. Zeitlich hat das einfach nicht gepasst, aber immer, wenn wir in Andys Heimatstadt Richmond, Virginia spielen, kommt er vorbei. Zu Halloween hat er sich sogar als „Skeleton Witch“ verkleidet. Unser Verhältnis zu ihm ist großartig.«

Adam hat auch Lyrics zu „The Apothic Gloom“ beigesteuert. Inwieweit unterscheiden sie sich von Chances Texten?

»Adam liest sehr viel und seine musikalischen Einflüsse reichen auch weit über das Metal-Genre hinaus. Ich denke, mit ihm sind SKELETONWITCH nicht mehr so „Cartoon-mäßig“ unterwegs. Weißt du, was ich meine?«

… “drink beer, smoke weed, eat pussy”?

»Oh mein Gott, ja. Wir haben getan, was wir getan haben, als wir jünger waren. Wir haben gefeiert, uns ausgelebt und Thrash Metal gespielt. Davon will ich nichts missen oder ungeschehen machen, ich möchte aber auch nach vorn schauen. Und ich glaube, Adam bringt mehr Intensität in die Band, Ernsthaftigkeit ist nicht das richtige Wort…«

Reife?

»Ja, und es ist seltsam, dass das jüngste Bandmitglied mehr Reife in die Band bringt, aber ich glaube, so ist es. Es spielt schon sehr lange in Bands spielt und kann sich völlig in Kunst vertiefen. Wenn er kreativ arbeitet, ist da nichts Ironisches oder Halbherziges.«

Die Entscheidung, eine EP zu veröffentlichen, stand in engem Zusammenhang mit eurem Sängerwechsel. Hättet ihr unter anderen Umständen lieber an einem Album gearbeitet?

»Ich glaube die EP war nötig, um wieder als Band präsent zu sein. Es war auch eine gute Möglichkeit, herauszufinden, wie wir im neuen Line-Up zusammenarbeiten, ohne dabei zu viel Zeit zu verlieren. Ich denke, wir befinden uns in gewisser Weise in einem Zwiespalt zwischen dem Musikbusiness auf der einen Seite, der Notwendigkeit, deine Band im Gespräch zu halten, sie voranzutreiben, und Kunst auf der anderen Seite, der Freiheit nur das zu tun, worauf wir Lust haben, egal, wie lange es dauert. Das war für uns ein Balanceakt, den wir am besten mit der EP gestalten konnten.
Ehe es daran ging, die EP aufzunehmen, haben wir eine ganze Weile über die Situation der Band nachgedacht. Es gab eine Reihe persönliche Faktoren, die hier mit reingespielt haben. Unser ehemaliger Sänger Chance ist Nates Bruder und es war nicht einfach für ihn, mit Chances Rausschmiss umzugehen. Er hat die Entscheidung mitgetragen, sonst wäre er nicht mehr Teil der Band, aber leichter hat es das nicht gemacht. Die EP und die darauffolgende Decibel-Tour, hat die Kräfte der Band wieder mobilisiert. Ich glaube, bei einer zu langen Pause ohne sichtbare Resultate hätte sich Nate vielleicht weiter entfernt und die Band hätte aufgehört zu existieren. Die EP war ein guter Weg, alle an Bord zu behalten und an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten, das viel greifbarer schien als ein komplettes Album.«

Lass uns mal zu einem ganz anderen Thema kommen. Ihr habt eine limitierte Auflage eures letzten Albums „Serpents Unleashed“ veröffentlicht. Einen Teil der Erlöse ging als Spende an zwei Tierheime in eurer Heimat. Wie seid ihr darauf gekommen? Plant ihr ähnliche Projekte in der Zukunft?

»Ich denke auf jeden Fall, dass das nicht das letzte Projekt dieser Art gewesen ist. In einer Band ist es oft schwierig, ein politisches Ziel zu finden, hinter dem alle stehen. Die Unterstützung von Tierheimen lag für uns auf der Hand. Wir alle lieben Tiere und haben selbst Hunde und Katzen adoptiert. Und mal ehrlich, Tiere sind so viel besser als Menschen. Sie können nicht hassen – sie reagieren auf bestimmte Situation, entwickeln aber keinen Hass.«

Habt ihr verfolgt, was mit dem Geld passiert ist?

»Beide Tierheime, die wir unterstützt haben, brauchten dringend Geld – für Strom, Futter, also zur Deckung unmittelbarer Kosten. Ich erinnere mich noch, wie Nate und ich einen Raum betraten, in denen sie alle alten Katzen untergebracht haben und ich habe Nate noch nie so glücklich gesehen. Nate umringt von 30 Katzen-Omas und -Opas, da wusste er gar nicht, wo er mit Streicheln anfangen sollte.«

Welche Bands würdest du gern auf einem SKELETONWITCH Tribute-Album hören?

»The Hellacopters – sie gehören zu den wenigen Bands, deren Cover besser sind als die Originalsongs. Ich bin mir sicher, dass sie etwas, das wir geschaffen haben, noch besser machen können. Type O Negative stünden definitiv auf der Liste, sie haben großartige Cover gemacht und jeder in der Band liebt sie. Popol Vuh fände ich sehr spannend, ich bin einfach besessen von dieser Band. Insgesamt sollten sich auf einer SKELETONWITCH Coverscheibe keine Metal-Bands tummeln. Metal-Bands, die Metal-Bands covern, das ist doch langweilig. Oh, Stars Of The Lid fallen mir noch ein. Das ist eine instrumentale Elektro-Band, die klassische Instrumente wie beispielsweise das Cello sampelt.«

Sehr spannend. Verrate uns doch zum Abschluss, ob es schon einen Fahrplan für das nächste SKELETONWITCH-Album gibt.

»Sobald wir von dieser Tour nach Hause kommen, geht es ans Schreiben. Das nächste Album ist meine erste Priorität. Ich habe sehr viele Ideen in meinem Kopf herumschwirren, ich muss mich jedoch hinsetzen und sie zusammenbringen. Ich denke, Nate geht es da ganz ähnlich. Nach dieser Tour spielen wir erst einmal keine Shows, bis wir das Songwriting für die kommende Platte abgeschlossen haben.«

 

 

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