Online-MegazineInterview

FILTER

»Trent Reznor verdanke ich einen Großteil meiner Karriere«

FILTER

Während seine US-Fans nach wie vor überwiegend aus dem politisch konservativen Lager der Republikaner stammen und ihn gerne in Militärcamps im Nahen Osten spielen sehen, pfeift Richard Patrick inzwischen auf übertriebenen Patriotismus, verflucht den Krieg und träumt von Elektroautos und deutschem Umweltbewusstsein.

Auf seinem sechsten Studioalbum „The Sun Comes Out Tonight“ verzichtet der FILTER-Frontmann lieber auf kontroverse Themen, um niemanden zu verschrecken. Stattdessen flucht der 45-Jährige über enttäuschende Freundschaften und erklärt, wie man beim Spielen mit dem Nachwuchs auf neue Songtitel kommt.

Richard, über eure letzte Platte „The Trouble With Angels“ hast du gesagt, dass es eine Scheibe für die Fans ist. Was ist „The Sun Comes Out Tonight“ im Vergleich?

»„The Sun Comes Out Tonight“ ist für Fans, die angepisst sind, aber gleichzeitig auch dankbar, weil sie immer noch leben. Der Song 'Surprise' geht inhaltlich auch in diese Richtung. Er handelt von Dankbarkeit und der Liebe zu seiner Familie. Meine Lieblingszeile in diesem Lied und auf dem ganzen Album lautet: „It´s a dangerous world, but you live life right“. Es gibt da draußen in der Welt so viel Wut und Gefahr, aber wir tun das Richtige.

Das Lied ´We Hate It When You Get What You Want´ hingegen handelt von Gier und Neid. Ich bin von einer Person, die ich einmal sehr gemocht habe, hintergangen, betrogen und total ausgenutzt worden. Ich versuche diese Enttäuschung und Wut von meiner Familie fernzuhalten und stattdessen in meine Musik zu stecken. Deswegen schreie ich auf „The Sun Comes Out Tonight“ so viel.«

Der Gitarrist Jonathan Radtke ist zu einem wichtigen Mitglied von Filter geworden und erstmals auf der neuen Platte zu hören.

»Er ist nicht nur ein großartiger Gitarrist, Songwriter und Texter, sondern auch wie ein kleiner Bruder für mich. Wir liegen musikalisch und zwischenmenschlich auf der gleichen Wellenlänge. Deswegen habe ich ihn eingeladen ein festes Mitglied von Filter zu werden. 'Surprise' haben wir innerhalb weniger Minuten geschrieben. Ich bin mit der Demoaufnahme nach Hause gegangen, wo schon meine beiden Kinder auf mich warteten, um mich aus dem Hinterhalt zu erschrecken und zu überraschen. Da hatte ich den Songtitel: 'Surprise'. Die besten Texte schreibt man, wenn sie ganz ohne Anstrengung aus einem heraus fließen.«

Letztes Jahr hast du gesagt, dass FILTER keine Band sind, sondern ein Projekt. Siehst du das wirklich so?

»FILTER ist ein Studioprojekt wie Nine Inch Nails. Ich habe von meinem Mentor Trent Reznor gelernt, der seine Band in einem Studio und nicht in einem Proberaum begonnen hat. Bei mir war es ähnlich. Ich wusste schon bei der Gründung von FILTER, dass ich viele Samples und den Drum-Computer einsetzen werde.

Ich bin FILTER. Ich bin die Hauptperson in dieser Band, aber ich wollte nie alleine sein und alle Verantwortung alleine tragen. Ich arbeite gerne mit anderen Musikern zusammen.

Bei Brian Liesegang (Co-Gründer der Band - cs) war es irgendwann so, dass sein musikalischer Beitrag immer relaxter und chilliger wurde. Aber ich bin ein Typ, der auf der Bühne stehen und dir mitten ins Gesicht rocken will. Ich will dich packen, selbst dann, wenn es ein Song wie 'Take A Picture' ist. Ich liebe Musiker wie Bono, Phil Anselmo und David Gilmore, die große, kraftvolle Statements raushauen.

Die Line-up-Wechsel zeigen, dass ich immer noch nach dem perfekten Sound strebe. Ich glaube, dass ich ihn mit „The Sun Comes Out Tonight“ gefunden habe.«

Apropos Trent Reznor. Wie ist euer Verhältnis? Seid ihr noch in Kontakt?

»Seit einigen Monaten sind wir wieder regelmäßig in Kontakt. Das macht mich sehr glücklich, weil er ein toller Mensch ist, dem ich einen Großteil meiner Karriere verdanke und weil ich ihn als Freund vermisst habe. Ich besuchte ihn und seine Familie in Los Angeles, und wir hatten eine wundervolle Zeit zusammen. Ich hatte das Bedürfnis, ihn in dem Arm zu nehmen und ihm zu sagen, wie viel er mir bedeutet. Daraufhin umarmte er auch mich und sagte, wie sehr er sich freut, dass ich wieder in seinem Leben bin.«

Was steckt hinter dem Albumtitel „The Sun Comes Out Tonight“?

»Die Winter in Cleveland, wo ich aufgewachsen bin, waren immer sehr kalt und dunkel. Um ein wenig Sonne, Licht und Wärme in diese Zeit zu bringen, tranken wir manchmal Alkohol und nahmen Drogen. Berauscht streunten wir dann durch die Straßen Clevelands und brachen in verlassene Gebäude ein. Einmal sind wir morgens um drei auf LSD in ein altes Gefängnis eingebrochen, wo wir vor wütenden Pennern, die dort schliefen, in den Keller flüchten mussten. Dort fanden wir alte Akten, die wir mit Taschenlampen in der Hand durchstöberten. Ich schaute nach, was an meinem Geburtstag passiert war und erfuhr, dass an dem Tag fünf Leute verhaftet worden waren. Das sind bleibende Erinnerungen an eine wahnsinnig intensive Zeit, aus der ich noch heute Inspiration ziehe.«

Ganz schön mutig (na ja... - Red.). Mut musstest du bestimmt auch haben, als du vor ein paar Jahren auf einer US-Militärbasis im Irak gespielt hast, die von einer Rakete attackiert wurde.

»Wir hatten gerade eben zu Ende gespielt, als der Alarm losging und sich alle schreiend auf den Boden warfen. Dann mussten wir rennen, um Schutz zu finden. Wir hörten wie die Rakete recht nah bei unseren Schlafräumen einschlug. Ich hatte tierisches Herzklopfen. Zum Glück war es eine schlecht gebaute Rakete, die nicht viel Schaden anrichtete und uns wohl einfach nur einschüchtern sollte. Die Soldaten gaben dann zwar Entwarnung und verabschiedeten sich mit einem sorglosen „Gute Nacht und süße Träume“ in ihre Unterkünfte, aber Ich habe kaum ein Auge zugetan.«

Hast du nach dieser Attacke je wieder auf einer Militärbasis gespielt?

»Ich bin noch dreimal zurückgekehrt, aber jetzt ist es genug. Diese jungen Soldaten müssen wieder nach Hause kommen. Klar, wenn man mich bittet, dann spiele ich bestimmt noch einmal dort, aber ich bin inzwischen komplett gegen diesen Krieg. Ich bin ein Demokrat und stimme bei fast allen Aussagen mit unserem Präsidenten Obama überein. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass ich nicht an Gott glaube und Jesus für eine Erfindung der Menschheit halte.«

Sind deine Texte politisch?

»Ja. Ich hasse es, dass ein Großteil meiner Fans dem politisch rechten Flügel angehört und konservativ ist. Deswegen gebe ich meine politischen Ansichten nur preis, wenn ich danach gefragt werde. Ich will niemandem fremd werden.

Dennoch war das Album „Anthems For The Damned“ ein riesiges „Fuck You!“ in Richtung Bush-Regierung. Ein Freund von mir ist 1998 zu den Reservisten gegangen, weil das die einzige Chance für ihn war, das College zu besuchen. Seiner Familie fehlten dafür die finanziellen Mittel. Kurz vor seinem College-Abschluss wurde er von heute auf morgen nach Kuwait in ein achtmonatiges Trainingslager und schließlich in den Irak geschickt. Nach zehn Tagen im Irak wurde er erschossen. Er war gerade einmal 21 Jahre alt und hatte noch sein ganzes Leben vor sich.

Jetzt ist er tot. Und warum? Nicht wegen Massenvernichtungswaffen, sondern wegen Öl.

Unser Land leistet einen gigantischen Beitrag zur Umweltverschmutzung, aber die Republikaner glauben immer noch, dass das nicht unser Problem ist. Sie predigen, dass uns Jesus die Erde gegeben hat und der Tag des Jüngsten Gerichts sowieso kommt. Das ist totaler Bullshit.
Auf der Militärbasis fragte mich einer der Kommandanten, ob ich ein Patriot sei. Ich antwortete „ja“, woraufhin er wissen wollte, was für ein Auto ich fahre. Ich erwiderte, dass ich einen Toyota Prius (erstes Großserienmodell mit Hybridmotor - cs) fahre. Daraufhin posaunte er: „Du bist wahrlich ein Patriot, weil du versuchst, nur wenig Öl zu verbrauchen!“.

Als nächstes will ich mir endlich ein Elektroauto anschaffen. Ihr Deutschen habt wirklich die Nase vorn. Bei euch gibt es Solarzellen und Programme, die saubere Energie fördern. Wegen solcher Dinge mag ich Deutschland. Die USA sollten sich an dem Deutschland der Gegenwart ein Beispiel nehmen.«

 

www.officialfilter.com
www.facebook.com/Filter

 

DISKOGRAFIE

Short Bus (1995)
Title Of Record (1999)
The Amalgamut (2002)
Anthems For The Damned (2008)
The Very Best Things (Best-of, 2009)
The Trouble With Angels (2010)
The Sun Comes Out Tonight (2013)