Online-MegazineInterview

NIGHT IN GALES

Tod und Ende

NIGHT IN GALES waren mit ihrem Debütalbum 1997 die Wegbereiter der deutschen Melodic-Death-Metal-Szene. Seit 2001 gab es allerdings keine neuen Songs mehr zu hören. Mit „Five Scars“ meldet sich die Band nun mit einem bärenstarken Album wieder zurück und bringt gleichzeitig neue Impulse in das Genre. Wir sprachen mit Songschreiber und Gitarrist Jens Basten.

Jens, ihr wart mit NIGHT IN GALES einmal die Platzhirsche der deutschen Melodic-Death-Metal-Szene. Das neue Album ist aber euer erstes akustisches Lebenszeichen seit zehn Jahren. Was ist passiert?

»Nicht viel (lacht). Mit den letzten beiden Alben hatten wir uns mehr in progressive Gefilde begeben. Wir waren damals auch etwas angenervt, ständig mit In Flames und Co. verglichen zu werden. Heute wäre das quasi ein Lob, nur hat uns das damals nicht geholfen und die Verkäufe gingen zurück. Unsere letzte Tour wurde mittendrin gecancelt und kurz danach ist Christian, unser Ur-Schlagzeuger, ausgestiegen. Da war die Motivation einfach weg. Die Pause hat sich von ganz alleine ergeben. Jeder hatte andere Projekte am Start und die Jahre sind ins Land gezogen.
2005 haben wir unter dem Namen „Ten Years of Tragedy“ ein Mini-Album als Gratis-Download veröffentlicht und 2008 haben wir mit einem 3-Track-Promo versucht, einen Deal zu bekommen. Aber das Material war noch nicht so überzeugend, wie es jetzt auf der „Five Scars“ ist. Als wir die neuen Songs gehört haben, waren wir uns sicher: Das ist unser Comeback-Album!«

Hattet ihr in den letzten zehn Jahren privat noch untereinander Kontakt oder ist jeder einigermaßen seiner Wege gegangen?

»Nein, richtigen Streit gab es nie. Klar, wenn man den Deal verliert, dann ist die Stimmung in der Band nicht mehr so super wie vorher (grinst). Wir wollten uns aber nicht offiziell auflösen, nur weil wir keine Konzerte mehr spielen. Ich finde es albern, wenn Bands sich ständig auflösen und wieder für eine Tour zusammenfinden, nur um sich dann erneut aufzulösen. NIGHT IN GALES gab es daher immer, nur war der Zeitpunkt für ein neues Album nicht da. Wir sind uns hier im Ruhrpott aber ständig über den Weg gelaufen, so dass immer Kontakt untereinander vorhanden war.«

Five Scars – Fünf Narben. Ihr seid fünf Personen in der Band. Spielt der Titel auf eure eigenen Narben an?

»Genau. Es ist unser fünftes Album, und das nach einer langen Pause, in der jeder von uns menschlich viel erlebt hat. Der Berg auf dem Cover des Albums hat exakt fünf Zacken und die Zahl Fünf zieht sich durch viele der Texte. Die „Five Scars“ ziehen sich durch alle Songs wie der berühmte rote Faden, so dass man durchaus von einem Konzeptalbum sprechen kann. Tod und Ende sind die tragenden Elemente der Scheibe. Eine Narbe ist für uns auch nichts Negatives, sondern etwas, das man mit Stolz tragen kann. Sie steht für gute Erinnerungen, Erfahrungen oder Lernprozesse.«

Die meisten von euch haben neben NIGHT IN GALES noch andere Projekte. Welchen Stellenwert nimmt die Band heute für euch ein? Hauptband oder Nebenprojekt?

»Für mich war es immer das Wichtigste. Aber es gibt eben auch Phasen, in denen man sich in anderen Bands austobt. Bei mir war das Deadsoil. Eine Band mit aktivem Deal und Tour hat natürlich Priorität, auch wenn ich im Hinterkopf immer weiß, dass NIGHT IN GALES meine Hauptband ist. Björn (Gesang) hat sich mit The Very End ein zweites Standbein aufgebaut, für Adriano (Schlagzeug) waren Grind Inc. immer seine Hauptband und Tobbe (Bass) hat In Blackest Velvet, die 2012 wieder reaktiviert werden.
Aber NIGHT IN GALES haben jetzt für uns alle Priorität: die Resonanzen auf die neue Scheibe sind überwältigend und es wird über eine Tour Anfang 2012 gesprochen.«

Meiner Meinung nach hört man dem neuen Album eine deutliche Weiterentwicklung von bereits ausgelatschten Pfaden an. Ein Verdienst eurer anderen Projekte?

»Es gibt immer kleinere Einflüsse, aber der war bei der Promo-CD 2008 noch deutlich stärker vorhanden. Ich hatte damals einen ungewollten Metalcore-Einschlag drin, aber der ist wieder raus und hätte auch nicht aufs neue Album gepasst. Wir wollten ein lupenreines und dennoch innovatives Melodic-Death-Metal-Album aufnehmen, das wieder den klassischen NIGHT IN GALES-Sound bietet. Ich denke, dass „Five Scars“ durch den erfolgten Reifeprozess neue Generationen dazu inspirieren könnte, wieder diesen Stil zu spielen.«

Die Songs auf dem Album hast du komplett alleine geschrieben. War es bewusst und geplant dein Ziel, an alte Wurzeln anknüpfen?

»Ja, das war der Plan. Ich kann mir heute gar nicht mehr erklären, wieso wir auf den letzten beiden Alben so abgefahrene Musik gemacht haben. Wenn man bei Nuclear Blast ist, dann glaubt man schon schneller, dass die Fans einem immer folgen werden. Aber das ist eben nicht so. Jede Band ist schon mit mindestens einem experimentellen Album auf die Fresse gefallen (lacht). Wir waren damals sehr demokratisch, jeder konnte machen was er will, und wir konnten uns auf den Platten richtig austoben.«

Und so demokratisch seid ihr jetzt nicht mehr?

»Doch, na klar. Dennoch ist die Platte jetzt aus einem Guss gekommen und wir mussten nicht über 20 andere Songfragmente diskutieren. Gut, das mussten wir zwar damals auch nicht, aber es ist einfach ein schlüssiges Ding gewesen, was wir auch so umgesetzt haben.«

'This Neon Grave' enthält einen eher modernen Breakdown-Part, 'Days Of The Mute' fräst sich einem durch ein langsames, grooviges Riff inklusive einer Art Sprechgesang in den Kopf und 'The Tides Of November‘ bleibt durch einen mächtigen, mit Streichern unterlegtem Refrain sofort nach dem ersten Hören im Ohr hängen. Ist eure Zielgruppe noch dieselbe wie vor zehn Jahren?

»(lacht) Das war mir klar, dass der Part in 'This Neon Grave' heutzutage als Breakdown gedeutet wird. Damals hätte jeder gesagt: „Das klingt wie Anathema“. Das war aber in der Tat ein Part, bei dem wir uns gefragt haben, ob wir den wirklich drin lassen sollen, damit nachher im Review nicht tatsächlich Metalcore steht. Aber wir haben drauf geschissen, weil der Part da einfach hingehört.
'Days Of The Mute' und 'Tides Of November' haben sich einfach so ergeben. Björn überrascht dort mit Gesang, den man so von uns nicht erwartet. Aber wenn der Part geil ist und zum Song passt, dann bleibt der auch drin. Ganz viele sagen mir, dass ihnen 'Days Of The Mute' sofort gefällt und 'Tides Of November' ist einfach ein Ohrwurm.
Noch kurz zur Zielgruppe: So will ich eigentlich gar nicht reden, weil sich das immer sofort nach Marketing anhört und Musik ist eben Kunst. Ich glaube aber tatsächlich, dass wir viele neue Fans ansprechen werden, weil viele von der alten „Zielgruppe“ mittlerweile die Szene gewechselt oder dem Metal abgeschworen haben. Für viele der neuen Fans wird „Five Scars“ daher die Einstiegsplatte sein, wobei es natürlich schön wäre, wenn sie sich die alten Alben auch noch reinziehen würden.«

Euer erster Sänger, Christian Müller, singt auf dem Song 'A Mouthful Of Death'. Wie kam es zu der erneuten Zusammenarbeit?

»Wir sind damals nicht im Streit auseinander gegangen. Christian ist vor dem Deal mit Nuclear Blast ausgestiegen, weil er das zeitlich nicht handhaben konnte. Wir hatten immer mit ihm Kontakt, weil wir nach wie vor seine Stimme total geil finden. Daher wollten wir ihn gerne wieder mit dabei haben. Er muss seine Stimmbänder im Studio vorher immer mit drei Humpen Bier ölen und sich warmschreien, aber danach gurgelt seine Stimme wieder richtig schön.«

Das Album habt ihr von Death-Metal-Guru Dan Swanö mixen lassen. Seid ihr mit dem Sound zufrieden? Für meinen Geschmack hätte das Album etwas basslastiger ausfallen dürfen, da die Mitten und Höhen überwiegen.

»Ich bin voll damit zufrieden und fühle mich auch durch die ganzen guten Reviews bestätigt, in denen der Sound meistens sehr gut abschneidet. Die Produktion der Platte ist wieder sehr originell geworden und mir fällt keine andere Platte ein, die genau so klingt wie unsere. Das ist natürlich geil, denn wenn du die Songs der Platte hörst, weißt du sofort, dass das NIGHT IN GALES ist.«

Im Gegensatz zu damals seid ihr nun mit Lifeforce Records auf einem kleineren Label gelandet. Fühlt ihr euch dort wohl?

»Ja, absolut. Außerdem kenne ich die Leute schon durch Deadsoil und das war damals so eine unproblematische und gute Zusammenarbeit, dass ich mich sofort gefreut habe, als Lifeforce anriefen. Es hat auch Vorteile, denn wir sind bei Lifeforce nun Schwerpunktthema. Man kann dort einfach anrufen und mit den Leuten sprechen, ohne ewig in der Warteschleife zu hängen und dann doch niemanden zu erreichen.«

Was möchtest du unbedingt noch loswerden?

»Wer die Platte noch nicht ausgecheckt hat, sollte das unbedingt tun. Das Album ist überall zu haben, im Shop, über iTunes, Amazon oder mit Shirt direkt bei Lifeforce Records. Im Moment kann man zwei Songs auf Facebook oder Soundcloud gratis anhören. Zudem wird das gesamte Album ab dem 02.11. komplett gestreamt! Jeder, die Band von damals kennt und jeder, der einfach gerne Metal oder melodischen Death Metal hört, sollte in das Album reinhören. Und ansonsten hoffe ich, dass wir uns live sehen und das ein oder andere Bierchen miteinander zischen!«