Online-MegazineInterview

AGRYPNIE

Theorie vs. Praxis

AGRYPNIE

Mit ihrem aktuellen Longplayer „Aetas Cineris“ haben AGRYPNIE im vergangenen Monat erneut bewiesen, dass auch im Jahr 2013 jede Menge Raum im Klangkosmos des vielseitigen, deutschsprachigen Black Metals ohne Image und Szenegrenzen vorhanden ist. Im Interview mit Bandchef Torsten wird außerdem deutlich, dass ehrliches Songwriting nun mal nicht planbar ist und die Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Bereichen sehr bereichernd sein kann.

Hi Torsten, möchtest du zunächst ein paar Worte zu eurer jüngst absolvierten Headlinertour mit Der Weg Einer Freiheit und Heretoir sagen? Wenn man die täglichen Online-News gesehen hat, muss es ja (abseits von  Krankheitsplagen) ein durchschlagender Erfolg gewesen sein.

»Die Tour war einfach großartig und kann definitiv als Erfolg verbucht werden. Wir hatten eine wirklich coole Zeit und von meiner Seite aus hätte es nach den zehn Tagen einfach weitergehen können!«

AGRYPNIE sind seit dem letzten Album „16 [485]“ eine sechsköpfige Band mit fester Besetzung geworden. Kam die Konstellation durch übliches Szene-Vitamin-B zustande, oder kanntet ihr euch vorher sowieso schon? Matthias und David sind z.B. ja zugleich auch Mitglieder bei Heretoir.

»Um genau zu sein, sind wir erst seit Juni 2012 zu sechst. Vitamin B ist allerdings nicht ganz aus der Luft gegriffen (reduziert auf die letzten beiden „neuen“ Mitglieder Dave und Flange). Für zwei Gigs der Flammentriebe-Tour im Oktober 2011 mit Dornenreich benötigten wir Ersatz für unseren damaligen Gitarristen Patrick. Matthias schlug Dave vor, der dann nach Patricks Ausstieg im Dezember 2011 als festes Mitglied einstieg. Keyboarder Flange und ich sind zusammen bei Nocte Obducta und er kam als letztes neues Mitglied im Juni 2012 dazu.«

Es ist schwer vorzustellen, dass sich in euren dynamischen Songs viel Zufälliges erjammt. Kann man sich dich als perfektionistischen Songwriter vorstellen, oder steht es den anderen frei, sich (etwa bei Bandproben) auch einzubringen?

»Mit Ausnahme einiger Texte ist AGRYPNIE zu 100% mein Baby! Es gibt im Vorfeld eines Studioaufenthaltes keinerlei Bandproben oder Ähnliches. René (Schott, drums – ms) bekommt die vorproduzierten Songs zum Üben und im Studio prügeln wir dann das Album gemeinsam ein. Um den Bass hat sich die letzten drei Veröffentlichungen unser Produzent Phil gekümmert. Vor den „Aetas Cineris/Asche“ EP Aufnahmen ging es mir gesundheitlich allerdings relativ bescheiden, weshalb Martin einen Großteil der Gitarren im Studio eingespielt hat.
Um nochmal auf den Punkt „alleiniger Songwriter“ zurückzukehren: Gegenwärtig sind zwei AGRYPNIE-Alben in der Mache. Ein „reguläres“, welches wieder nur ich schreibe, sowie ein Album, welches wir gemeinsam als Band schreiben. Hinsichtlich „Experimenten“ wird dieses gemeinsame Album etwas offener sein, als es bei einem regulären Album der Fall wäre. Allerdings ist auch bei diesem gemeinsamen Album die Prämisse, dass ich 100% hinter dem Material stehen muss, damit es unter dem Banner AGRYPNIE veröffentlicht wird.«

Es ist bekannt, dass du ungern zu viel über deine Texte redest. Daher nur soviel gefragt: Fällt es im Laufe der Jahre leichter, klare, weniger metaphorische Worte zu finden, ohne dabei an Tiefgang zu verlieren? Die Lyrics von z.B. 'Dezember' und 'Zurück' sind ja schon sehr eindringlich und direkt geraten und viele Hörer werden darin ein Stück ihres eigenen Lebens wiederfinden.

»Texte zu schreiben ist nach wie vor „pain in the ass“ für mich. Soll heißen, es fällt mir um einiges schwerer, als Songs zu schreiben. Die Texte auf „Aetas Cineris“ sind vielleicht wirklich etwas direkter als auf den anderen Scheiben, das war aber keine bewusste Entscheidung meinerseits. Ich hatte zwar in der Tat im Hinterkopf den Gedanken, etwas weniger metaphorisch zu arbeiten, aber Theorie und Praxis sind ja bekanntermaßen zwei verschiedene Paar Schuhe (lacht).«

Insgesamt zeichnen Platte und deren Ästhetik ein endzeitlich-graues Gesamtbild. Auch der Titel des Openers 'Trümmer/Aetas Cineris' spricht Bände. Wie viel Hoffnung gibst du unserer (westlichen) Gesellschaft denn noch?

»Es werden zwar definitiv noch viele Generationen ins Land ziehen, aber ohne Umdenken der Menschheit wird es irgendwann wohl ziemlich eng werden. Ich bin mittlerweile allerdings der Überzeugung, dass die Menschheit den Planeten nicht kleinkriegen wird. Wir werden also nur uns zerstören.«

Wie bist du eigentlich auf euren Artwork-Designer Hicham Haddaji gestoßen, der ja schon seit längerer Zeit mit euch zusammenarbeitet?

»Hicham ist ein großer Fan von AGRYPNIE und schrieb mich spontan per E-Mail an, um seine Arbeit anzubieten. Zufälligerweise waren wir gerade an den Aufnahmen zur „16[485]“ und ich habe ihm grob meine Ideen unterbreitet. Sein  erster Entwurf war quasi ein Schuss ins Schwarze und so ist unsere Zusammenarbeit entstanden.«

Songs wie 'Sinnflut' und 'Asche' sind epischer und ausladender als je  zuvor. Woraus hat sich deine Neigung zu den akustisch- oder von Ambient-Stimmung dominierten Parts entwickelt?

»Dies ist einfach die Art, wie ich Songs schreibe. Das Grundgerüst zu 'Asche' existiert z.B. schon seit vielen Jahren, insofern ist dieses ausladende auch nicht wirklich neu. Es kann gut sein, dass das nächste Album wieder etwas direkter wird...oder aber noch weiter diesen Weg verfolgt. Ich habe keinen direkten Einfluss auf mein Songwriting und es zeigt sich immer erst am Ende, in welche Richtung sich ein Album bewegt.«

Nach welchen Kriterien hast du 'Gnosis' und 'Erwachen' als Songs ausgewählt, die sowohl auf der „Asche“ EP, als auch nun auf dem Album gelandet sind?

»Die Kriterien waren ziemlich banal. Bei genannten Songs waren sowohl Texte als auch Keys bereits komplett geschrieben. Außerdem bin ich der Meinung,  dass beide Songs ganz gut das Album repräsentieren.«

Gibt es Unterschiede zwischen den jeweiligen Versionen? Ich nehme allein den Sound auf „Aetas Cineris“ als etwas klarer und energischer wahr.

»Der Kandidat hat 100 Punkte! Der Sound auf „Aetas Cineris“ weicht etwas von der „Asche“-EP ab und beide Songs wurden entsprechend nachgearbeitet.«

Hast du für AGRYPNIE stets mit tieferen Tunings gearbeitet, als sonst im mitten- und höhenlastigen Black Metal üblich ist? Die Produktion auf „Aetas Cineris“ ist mal wieder enorm druckvoll geworden.

»Soweit ich mich aus dem Stehgreif erinnere, gibt es kein AGRYPNIE-Release auf Standard E-Tuning. Mir sind druckvolle Produktionen sehr wichtig und da tragen tiefer gestimmte Gitarren ihren Teil dazu bei.«

Kann man in Zukunft weitere Kollaborationen mit dem deutschen Ambient-Künstler Mathias Grassow erwarten? Seit seiner Zusammenarbeit mit Agalloch oder euch ist er in bestimmten Bereichen der Metalszene ja bereits bekannt.

»Die kann man auf jeden Fall erwarten! Zudem arbeiten Mathias und ich gegenwärtig an einem gemeinsamen Album, welches abseits von AGRYPNIE veröffentlicht werden soll.«

Gibt es deiner Ansicht nach noch Ungesagtes im Bezug auf das leidige Politik-Thema im (deutschen) Black Metal? Auf eurer Homepage und auf Konzerten wie z.B. dem Stage Secrets Festival hast du mit einem „Fuck off, NSBM!“ ja nochmal klar Stellung bezogen.

»Zu dieser Thematik wurde bereits mehrfach alles Nötige gesagt. Mich kotzt es gelinde gesagt nur noch an, mich damit zu beschäftigen.«

Fühlst du dich mit AGRYPNIE überhaupt einer gewissen Subszene und bestimmten Bands verbunden. Sei es nun musikalisch, oder vom ästhetisch-inhaltlichen Ansatz?

»Mittlerweile haben wir mit vielen Bands zusammen gespielt und mit einigen davon stehe ich regelmäßig in freundschaftlichen Kontakt. Ich freue mich jedes Mal auf gemeinsame Konzerte und die dazugehörigen Bierchen. Über „Szenezugehörigkeit“ und ähnlichen Unsinn denke ich nicht nach.«

Schaffst du es, dir nach Tour und Release von „Aetas Cineris“ ein paar Wochen Pause von der Band zu nehmen? Vor einigen Jahren bist du ja für längere Zeit nach Australien gegangen.

»AGRYPNIE ist mein Leben, insofern vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht damit beschäftigt bin. Gegenwärtig kann ich mir leider keinen Urlaub in Australien leisten, sehe das Land aber nach wie vor als Wahlheimat Nr. 1 an. Sollte ich irgendwann die Musik an den Nagel hängen (bzw. keine Konzerte mehr spielen), werde ich eventuell Deutschland den Rücken kehren und nach Australien auswandern. Zumindest in der Theorie (Wir erinnern uns, Theorie ↔ Praxis).«

Zum Ende eine Frage, die sich wohl schon zahlreiche Fans auf euren Konzerten gestellt haben. Warum spielt ihr 'Zorn' eigentlich nie live?

»Man soll dem Publikum nie das geben, was es sich wünscht ;).«

 

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