Online-MegazineInterview

MANILLA ROAD

Strategie und Kriegslist

MANILLA ROAD

Roxxcalibur- und Jameson-Raid-Drummer Neudi hat den grauhaarigen MANILLA-ROAD-Bandboss Mark “The Shark” Shelton mit seinem Spiel und seiner Auffassungsgabe das älteren Materials dazu bewegt, „Mysterium“ einen klassischen Achtziger-Einschlag zu verpassen.

Mark, für den Würzburg-Gig mit dem speziellen „Crystal Logic“-Set hast du dennoch Rick Fisher reaktiviert. Hat Neudi ihn trainieren müssen?

»Rick hatte mehrere Jahre nicht mehr hinter einem Drumkit gesessen, aber wieder angefangen zu jammen, nachdem wir die Idee mit ihm abgesprochen hatten. Es dauerte etwas, ihn auf Vordermann zu bringen, aber nun füllt er seine eigenen Fußstapfen bestens aus und der Gig wird eine Show, an die man sich erinnern wird. Als wir erstmalig wieder gemeinsam geprobt haben, hat es mich umgehauen, wie sehr es nach den alten Tagen klang. Das hat mein Herz gerührt. Die beiden Schlagzeuger haben sich nicht gegenseitig unterrichtet, es gab viel mehr Bewunderung für das jeweilige Schaffen.«

Du hast kürzlich die Klassikeralben „Crystal Logic“, „Open The Gates” und „The Deluge” als deine Lieblinge bezeichnet. Was fehlt den jüngeren Scheiben zu diesem Status?

 »Meine derzeitigen Favoriten sind „The Deluge“, „Gates Of Fire“ und nun „Mysterium“. Alle anderen sind gut, aber von diesen dreien liebe ich jede Faser: Artwork, Performance, Komposition, Arrangements, Mix und Produktion.«

Dein Spitzname Shark entstand aus dem Wortspiel mit deinen Initialen. Deine Beziehung zum König der Meere - einem Synonym für Stärke, Gefahr und Aggression beschränkt sich also auf Dokumentationen oder Zoobesuche?

»(lacht) Wir haben hier in Kansas Landsharks, Halsabschneider, aber die tragen Cowboystiefel und -hüte. Ich habe nie mit einem Hai wresteln müssen oder wurde von einem gebissen. Aber ich bin immerhin einmal im Ozean mit Delphinen geschwommen. Wahrscheinlich konnte sich jeder im Manilla-Camp mit dem Namen anfreunden, weil er sie an den Biss meines Gitarrensounds erinnerte.«

Das Musikbusiness ist ein Haifischbecken. Die ersten beiden MANILLA ROAD-Alben „Invasion“ und „Metal“ wurden von dir selbst via Roadster veröffentlicht. Warum wurde das Label eingestellt – ein Statement gegen Kannibalismus?

»Da habe ich kein Problem mit, wenn es nichts anderes zu knabbern gibt, haha. Ich werde nicht lügen und sagen, dass diese Do-It Yourself-Sache einfach war. Es hat uns unendliche Mühen gekostet, die geschäftliche Seite kennen zu lernen und das Business kann sehr entmutigend, um nicht zu sagen brutal sein. Manchmal wird es sehr politisch, was ich hasse. Mich interessiert die kreative Seite viel mehr. Die Industrie fördert den Wettbewerb zwischen Bands, was ich als komplett unnötig erachte. Jeder mag und kauft mehr als eine Band. Ich teile die Bühne und das Spotlight gerne mit anderen, die es verdienen. Kameradschaft zwischen Bands bringt allen viel mehr als Rivalität. Auch als Metal-Fans sind wir zusammen stärker.«

Du hast die selbstbetitelte Stygian-Shore-EP 1984 nicht nur produziert, sondern auch auf Roadster untergebracht. Ihr 1989 eingespieltes und für mehr als anderthalb Dekaden unveröffentlichtes Debütalbum hast du ebenfalls aufgenommen. Waren die Jungs Kumpel oder die nächste Generation des Wichita-Metal?

»Ich traf die Band ein Jahr zuvor, sie sind alle mindestens zehn Jahre jünger als ich. Aber der Kontakt zu jedem von ihnen besteht weiterhin. Ich habe ihnen vor Jahren auch den Deal mit Shadow Kingdom Records vermittelt, die „The Shore Will Rise“ veröffentlichten, Material, welches ich in meinen Midgard Sound Labs gemastert habe. Ihr Gitarrist und Sänger Mike Palmer schreibt immer noch Songs und wäre einem weiteren Album sicher nicht abgeneigt. Drummer Peter Dawson leitet ein eigenes Tattoo-Studio, in dem er mich und Hellroadie schon verziert hat. Er zockt in einer lokalen Band. Bassist Greg Marshall ist Leadsänger von Better Late, bei denen Randy Foxe Keyboard und Gitarre spielt. Ich habe vielen Bands als Produzent oder Tontechniker gedient. Bei Stygian Shore war es eher ein Freundschaftsdienst, ich sah ihr Potenzial und dachte, dass sie ihre Chance verdient haben. Mein Studio zu vermieten, limitierte mich in den Möglichkeiten, für MANILLA ROAD Musik zu kreieren. Daher habe ich mich vor einiger Zeit entschieden, mich nur noch auf mein eigenes Material zu konzentrieren.«

Am Vortag der bereits angesprochenen „Crystal Logic”-Sause spielt ihr im Vorprogramm von Jutta Weinhold einen Unplugged-Gig. Dafür bieten sich auch Songs von „Mysterium“ an.

»'The Battle Of Bonchester Bridge' wurde zwar auf einer elektrischen Gitarre geschrieben und eingespielt, aber speziell die erste Sektion könnte man leicht dafür umschreiben. Wir werden auf jeden Fall das Titelstück in einen neuen Akustik-Arrangement bringen. Es wird auch einige bislang ungehörte Songs geben und 'The Fountain' vom neuen Album. Dazu sicherlich 'Behind The Veil' von „Gates Of Fire“. Ich schätze den Unplugged-Kram, aber gleichzeitig liebe ich das Reißen an den Saiten und Shredden mehr als alles andere.«

Natürlich bezieht sich 'Stand Your Ground' auf die schottische Geschichte. Trotzdem kann der Text auch auf die aktuelle Situation in den USA bezogen werden. Wie stehst du zu Obamas Bestrebungen, Waffenhandel und -besitz einzuschränken?

»Ich wende mich gegen jegliche Politik, der Allgemeinheit die Mittel zur Selbstverteidigung zu nehmen. Genau deswegen war unsere Revolution so erfolgreich und die Tatsache, dass alle Feuerwaffen besitzen immer eine gute Abschreckung von Invasoren. Die bösen Jungs kommen immer an Knarren, also bin ich dafür, dass im Zweifelsfall beide Seiten welche haben.«

'The Grey God Passes' und 'Only The Brave' thematisieren skandinavische Mythologie. Bedeuten dir die Epen von Bathorys Wikinger-Periode etwas? Auch Manowar haben sich der Thematik mal mehr, mal weniger erfolgreich angenommen.

»Von beiden besitze ich einige Alben. Obwohl ich die Musiker nie persönlich getroffen habe, respektiere ich sie sehr. In Sachen Metal sind wir Waffenbrüder. Die wahre Stärke aber kommt von den Fans. Sie halten den Motor der Kriegsmaschine geölt. Ich liebe „Battle Hymns“ übrigens.«

Wie stark ist 'Do What Thou Will' vom fast gleichnamigen Aleister-Crowley-Leitsatz inspiriert?

»Überhaupt nicht. Das alte „Book Of Pagan Rituals“ bezieht sich in vielen Ritualen auf diesen Satz, die Philosophie existierte lange vor Crowleys Interpretation. Es bedeutet: Folge deinem eigenen Pfad und behalte einem widerstandsfähigen Geist. Träume können wahr werden, aber man muss sie ernsthaft verfolgen. Sie warten nicht an der Türschwelle.«

Du hast also selbst religiöse Rituale augeführt?

»Lass uns einfach sagen, dass ich nichts ohne eigene intensive Nachforschungen schreibe.«

Die Zeile “each soldier an unknown hero” erinnert an einen Disput mit Ross The Boss zu einem seiner Texte. Er gab an, selbst Anhänger der Waffen-SS als Gefallene zu ehren. 

»Dazu fallen mir mehrere Slogans ein. „Sei deinen Freunden nah, deinen Feinden näher“ ist einer davon. Mann, ich versuche mich aus Alltagspolitik herauszuhalten. Ich habe beinahe ganz Europa besucht und liebe alle Völker und Kulturen. Neudi und ich haben viele Unterschiede der deutschen und amerikanischen Mentalität in der Vergangenheit und Gegenwart diskutiert. Viele meiner Verwandten sind ohnehin Deutsche und leben dort, ich unterscheide mich gedanklich von meinen meisten Landsleuten. Amerikaner neigen zu einer aufgeblasenen Selbstwahrnehmung. Was hier an Marketing und Werbekampagnen läuft, ist gegenüber Europa völlig abgehoben. Was die politischen Differenzen zwischen alter und neuer Welt betrifft, kommen wir so gut klar, dass wir uns oft fragen: was zur Hölle ist das Problem? 'Hallowed Be Thy Grave' ist ein Tribut an alle, die für das, an was sie geglaubt haben, gestorben sind und vergessen wurden. Ich würde meinen Gegner immer für seine Strategie und Kriegslist respektieren. Das heißt nicht, dass sich sie lieben muss oder nicht töten würde.«

'The Calling' wurde von deinem Kompagnon E.C. Hellwell geschrieben und eingespielt. Damit drückt er seine Liebe zu Tangerine Dream aus, oder?

»Ja, wobei ich dieses Zeugs auch sehr mag. Es gibt unglaublich großartige Künstler in der elektronischen Musikszene wie Mort Garson, Larry Fast und Vangelis.«

Kürzlich hast du auf eurer Homepage im Rückblick zum Noctis-Festival in Kanada geschrieben, dass du Venom musikalisch nie sonderlich gemocht hast. Dennoch passen MANILLA ROAD auf dem 2013er Maryland Deathfest ins Billing vor ihnen. Viele Fans werden euch erst vor 20 Jahren über die 'Dreams Of Eschaton'-Coverversion der schweizer Death-Metal-Legende Messiah kennen gelernt haben.

»An Musikstilen mag ich eigentlich alles – von Klassik bis Thrash, von Country bis keltischen Songs. Was ich nicht wirklich schätze ist Rap, weil das für mich keine von Musikern gemachte Musik ist. Das ist eher Straßenpoesie. Doom steht in meiner Gunst sehr weit oben, weil ich ein riesiger Black-Sabbath-Fan bin. Ich liebe einfach den ganzen harten Scheiß.«

Darkthrone haben euch und J.D. Kimball von Omen (R.I.P.) 'The Church Of Real Metal' gewidmet.

»MANILLA ROAD fühlen sich von der Band, dem Song und Fenriz sehr geehrt. Ich bin auch Darkthrone-Fan. Wirklich brutal und rau, so mag ich es. Kauft euch also besser ihr „FOAD“-Album, es ist ein Klassiker.«

Mit „The Riddle Master“ wurde euch direkt ein Doppelalbum mit Coverversionen gewidmet.

»Ich habe immer versucht, meinen Fußabdruck in der Musikgeschichte zu hinterlassen, aber bis vor wenigen Jahren dachte ich, dass ich deswegen ein Träumer bin. Jetzt weiß ich, dass Träume wahr werden können, wenn man nicht aufgibt. Das war eine völlig unverhoffte Ehre.«

Für jede Band, wie euch oder Pentagram, die im gehobenen Alter plötzlich für ihre Leistungen gewürdigt werden, bleiben Dutzende oder gar Hunderte ewig unbeachtet. Wer fällt dir dazu ein?

»Ich lege jedem Psychotic Waltz ans Herz. Es gibt viele coole Bands aus den Achtzigern, die es nie richtig geschafft haben, wie Acid, Savage oder Diamond Head. Die unsterblichen Hawkwind sind ebenfalls seit Ewigkeiten aktiv und viel zu unbekannt.«

 

www.manillaroad.net/

 

Zum Interviewteil aus Ausgabe #310 geht es hier entlang.

 

Pic: Richard Cathey (Promo)

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