Online-MegazineInterview

UNISONIC

Spiritueller Junge auf dem Elvis-Trip

UNISONIC

Hier findet ihr die Online-Fortsetzung unseres UNISONIC-Interviews mit Michael Kiske aus Rock Hard Vol. 299:

Michael, gibt es für dich einen Unterschied zwischen dem Gefühl heute Mitglied einer Band zu sein und damals bei Helloween?

»Früher war es ein bisschen einfacher. Damals war ich noch sehr unbeleckt. Man wird immer eigener, je älter man wird. Man entwickelt auch so einen Schutzraum, den man für seine Person braucht. Als junger Mensch kannst du unheimlich viel einstecken, das ist ja glücklicherweise so. Du bist robuster, weil du biologisch im Aufbau bist, das gibt dir eine Kraftgrundlage, und dadurch hast du einen ganz anderen Schwung. Da geht vieles einfacher. Auf der anderen Seite bist du unreifer, lässt dich viel mehr verarschen und kannst dich bei manchen Dingen nicht so gerade machen, wie du es heute machen würdest. Du kannst so viel Stress vermeiden, indem du für klare Fronten sorgst. Entweder wird das akzeptiert oder nicht. Wenn du jung bist, kannst du viele Sachen noch nicht ganz so analysieren. Du fühlst, dass etwas nicht gut ist, kannst es aber nicht aussprechen. Und das macht dich hilflos. Im Gegensatz zu früher habe ich heute viel mehr das Bedürfnis, mir einen Raum zu schaffen, in dem ich funktionieren kann. Wenn mir der nicht gegeben wird, wird es schwierig. Da war ich früher viel einfacher.«

Du wirkst immer noch überrascht von dem Interesse, dass die Leute dir entgegenbringen.

»Das ist untertrieben. Ich dachte, die hätten mich längst vergessen; ist aber wohl doch nicht so. Wenn man überlegt, dass manche Leute in der Popwelt zwei bis drei Jahre Pause machen und dann vergessen sind... Ich mache nicht nur 17 Jahre Pause, sondern teile gegen die Szene auch noch ohne Ende aus, trotzdem mögen mich die meisten noch (lacht).«

Meinst du, es gibt Leute, die sich durch UNISONIC verarscht fühlen oder meinen, dass du das wegen des Geldes machst? Immerhin hast du erst gegen Metal gewettert, singst jetzt in einer Band und hast dann auch noch Kai Hansen dabei, wodurch der Helloween-Gedanke verstärkt aufkommt.

»Es gibt bestimmt Leute, die diese Gedanken haben, aber wer solche Fragen hat, muss sich einfach mit mir auseinandersetzen. Ich mache halt viele Dinge aus dem Bauch heraus, außerdem sehe ich manche Dinge jetzt auch anders. Die Metalszene ist eine wesentlich harmlosere und liebenswertere Szene, als sie scheint. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.«

Du hast erzählt, dass du deine Vocals ganz alleine aufnimmst.

»Ich bin jemand, der sehr schnell verletzt ist. Ich werde auch ganz schnell sehr demoralisiert, deshalb schaffe ich mir diesen Schutzraum und sage: Ihr bleibt alle weg, und ich mache das in Ruhe nach meinem Rhythmus. Wenn euch etwas nicht gefällt, könnt ihr das sagen, dann gucke ich, ob ich das nachvollziehen kann und probiere es vielleicht noch einmal. Vielleicht habt ihr Recht, aber sonst war es das. Irgendwann geht das vielleicht auch anders. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass mich Kai motiviert. Er hat mich letztens besucht und mir erzählt, was er gesanglich anders machen würde. Das war Kritik, aber das hat mich überhaupt nicht gekratzt, sondern motiviert. Ich habe danach noch mal besser gesungen. Das geht also schon. Es kommt eben darauf an, ob ich es nachvollziehen kann. Aber sonst ist es eine ganz allgemeine Krankheit, besonders unter Metal-Musikern, dass sie meinen, ihr Ego durch den anderen ausleben zu müssen und deshalb in den Gesang reinquatschen. Ich rede nicht von kreativen Sachen wie Melodien, sondern von der Interpretation. Wer da reinquatscht, ist für mich Vorschulkindergartenmusiker. Das macht mir dann ganz schnell keinen Spaß mehr.«

Was kannst du über euren Titeltrack sagen?

»Ich mag ´Unisonic´ gerne, obwohl der so simpel ist, dass ich den nie geschrieben hätte. So ein Chorus wäre mir nie eingefallen, aber es funktioniert. Das ist das Geile an Kai, der kann einfach - und das meine ich jetzt nicht beleidigend - fast schon banale Sachen machen, aber auf eine Art, dass es funktioniert und irgendwie gut ist.«

Auf „Unisonic“ findet man so gut wie keine Kindermelodien, die ja Helloween-typisch waren.

»Die Kindermelodien kamen von Weiki, Kai ist mehr der Priest-Jünger. Jetzt habe ich auch die passende Frisur dazu (grinst).«

Du musst dir nur noch das Tattoo auf dem Kopf stechen lassen.

»Um Gottes Willen, haha! Ich kann nix dafür, ich bin gar kein Halford-Klon. Ich mag Halford, aber er war gar nicht mal so ein Vorbild von mir. Halford finde ich einfach als Gesamtkonzept geil, weil er ein Typ ist, wovon es viel zu wenige gibt. Ich finde ihn geil, mir ging es aber nicht darum, Halford zu kopieren, zu mimen oder zu faken. Das wäre ja auch albern. Um so zu singen, musst du auch so ein Halford sein. Da spielte wahrscheinlich seine Homosexualität eine Rolle, was in der Zeit, in der er jung war, sicher nicht einfach war. Ich höre ihn mir auch gerne an, aber ich fake ihn nicht, auch wenn Kai das gerne hätte. Da singe ich lieber wie Elvis. Mittlerweile bin ich aber auch mein eigenes „ brand“ geworden. Das finde ich wichtig, auch wenn man die Einflüsse raushört.«

Im Moment bist du auf dem Elvis-Trip.

»Ja, im Moment höre ich das sehr viel und gerne, ich singe es aber vor allem, weil sich herausgestellt hat, dass das für meine Stimme gut ist. Das lockert und ist wie Medizin für mich.«

Du singst bei UNISONIC noch viel variabler als bei Place Vendome.

»Auf jeden Fall. Durch die unterschiedlichen Songschreiber ist auch viel unterschiedliches Material auf der Platte. Ich habe auch Qualitäten in den tieferen Stimmlagen entwickelt, die sonst kaum einer hat, das sollten die anderen auch ein bisschen ausnutzen, sonst mache ich das alles auf meiner Soloplatte.«

Bist du durch deine eher untypische Einstellung nicht manchmal eine Art Fremdkörper in der Band und in dem Business?

»Das war ich ja schon immer, auch bei Helloween. Wenn die anderen backstage Party gemacht haben, bin ich ins Hotel und habe ein Buch gelesen. Ich habe auch nie rumgehurt, auch wenn es da massig Gelegenheiten gegeben hätte. Ich habe nichts gegen Sex, so meine ich das nicht. Ich finde als Musiker, die Tatsache auszunutzen, dass es Mädchen in einem bestimmten Alter mit einer bestimmten Unreife gibt, die der Ansicht sind, der Musiker sei was Besonderes und man müsse mit dem ins Bett hüpfen, da würde ich mich schäbig fühlen.«

Kamst du dir nicht wie ein Außenseiter vor?

»Nö. Ich war schon immer sehr bewusst ein spiritueller Junge. Denken, Philosophie, Religiosität - das sind so Sachen, die mich bewegen und beschäftigen. Und mit diesen Dingen betrachte ich auch das Leben. Es war für mich nie verlockend, mich zu besaufen und gehen zu lassen. Ich bin jetzt schon lockerer, ein kleines bisschen Rock 'n' Roll ist mit mir jetzt sicherlich möglich, aber nicht so, dass mich das total verändert oder ich jemand anderes bin. Du machst ja das, was dich interessiert. Wenn es dich nicht interessiert, dich bis unter die Dachrinne zu besaufen und am nächsten Tag beschissen zu fühlen, warum sollte ich es dann machen? Klar, wenn mir die Leute zu besoffen werden, muss ich irgendwann ins Hotel, weil man sich dann wie ein Alien fühlt. Ich bleibe ich, und ich finde es auch wichtig, nicht den Drang zu empfinden, so zu sein wie alle anderen. Wozu? Damals war das noch schwieriger, weil ich mit mir selbst noch nicht so klar war. Da habe ich das instinktiv gemacht, aber es gab hin und wieder auch Probleme, weil ich anderen manchmal so ein lebender Vorwurf war. Das ist heute aber anders, weil alle erwachsen genug sind und es akzeptiert wird, wenn man anders ist.«

Kannst du richtig sauer werden?

»Dazu gehört schon was. Ich kann sehr gut kontern, und wenn man mich zu sehr reizt, kann ich auch schärfer werden, aber damit ich mich richtig aufrege, da braucht es schon deutlich mehr. Ich rege mich nicht mehr über jeden Mist auf. Ich habe ganz gut Dampf abgelassen, das reicht jetzt mal.«

 

Zum Interviewteil von Ausgabe 299 geht es hier entlang!