Online-MegazineInterview

DEZPERADOZ

Spiel mir das Lied vom Tod

DEZPERADOZ

Mit “Dead Man’s Hand“ legten DEZPERADOZ kürzlich erneut ein äußerst formidables Western-Metal-Album vor. Wir unterhielten uns mit Bandgründer und Front-Halunke Alex Kraft über revolverschwingende Rock’n’Roll-Asis, epische Western aus den Siebzigern und seltsame Kollaborationsvorschläge.

Alex, wie läuft’s derzeit im DEZPERADOZ-Camp?

»Momentan proben wir für unsere Release-Show. Es geht grade richtig rund. Wir hatten weltweit sehr tolle Resonanzen.«

Wie kommt es, dass ihr für den “An Eye For An Eye“-Nachfolger vier Jahre gebraucht habt?

»Für die Platte selbst haben wir gar nicht so lange gebraucht. Es hört sich zwar blöd an, weil man so was ständig liest, aber ich habe mich mit meiner Plattenfirma einfach nicht mehr verstanden. Das Album hatte ich nach anderthalb Jahren schon nahezu fertig. Etwa sechs oder sieben Songs sind in der Tonne gelandet, das ist der normale Ausschuss. Wir hatten damals zum Beispiel einen Coversong vorbereitet, ‘Where The Wild Roses Grow‘ von Kylie Minogue und Nick Cave. Das war eine tierisch geile Version, und für die Aufnahme hätte ich Nina Hagen haben können. Ich war total begeistert und habe die Sache der Plattenfirma vorgeschlagen. Kurz vorher hatte ich mit Onkel Tom ein Spaß-Tribute-Album mit Gunther Gabriel aufgenommen. Die Plattenfirma hat mich daraufhin gefragt, warum ich das Duett nicht mit Gunther Gabriel mache. Mir fehlten die Worte. Das war der Punkt, an dem mir klar war, dass irgendwas falsch läuft. Wenn man so eine Musik wie DEZPERADOZ macht, ist es gar nicht so einfach, die Sache am Laufen zu halten. Die Plattenfirma muss verstehen, worum es eigentlich geht.«

Dezperadoz - Dead Mans HandNach “The Legend And The Truth“ ist “Dead Man’s Hand” schon euer zweites Konzeptalbum über einen berühmten Westernhelden. Warum hast du dir grade Wild Bill Hickok als zentrale Figur ausgesucht?

»Die Geschichte um ihn ist der absolute Hammer. Es gibt ja immer ein paar belegte Fakten und einen ganzen Haufen an Legenden. Wild Bill war im Bürgerkrieg Spion für die Südstaaten, obwohl er Nordstaatler war. Nach seiner Militärzeit hat er seinen Navy-Colt behalten, mit dem er später viele Männer zur Strecke gebracht hat. Diesen Revolver hat er an einen Mann mit dem Namen McCall verloren. Jahre später – Wild Bill war zu diesem Zeitpunkt schon eine Legende, mit der sich niemand anlegen wollte – wollte der Revolverheld ruhiger treten und zog sich in eine Stadt namens Deadwood zurück. Er litt am Grauen Star, hielt das aber geheim. In Deadwood trafen McCall und Wild Bill Hickok zum zweiten Mal aufeinander. Wild Bill war Stammgast im Saloon No. 10, verdiente sehr viel Geld beim Pokern und saß gewöhnlich immer mit dem Rücken zur Wand. An diesem speziellen Tag saß er ausnahmsweise mit dem Rücken zum Publikum und wurde von McCall, der zuvor all sein Hab und Gut an ihn verloren hatte, mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet. Wild Bill fiel mit seinen Karten in der Hand auf den Pokertisch und gewann die Runde als toter Mann mit dem fortan als Dead Man’s Hand bezeichneten Blatt.«

Welcher Revolverheld wäre alternativ für dich in Frage gekommen?

»Da gibt es natürlich etliche, zum Beispiel Billy The Kid. Der war ein richtiger Rock’n’Roll-Asi, ein echt gefährlicher Typ. Zum Glück brauche ich ja noch Material für das nächste Album. Die Geschichte von Butch Cassidy und Sundance Kid ist auch sehr interessant, weil es erwiesen ist, dass die Leichen in ihrem Grab gar nicht sie selbst waren. Es ist also gar nicht belegt, dass die beiden wirklich erschossen wurden. Zum Komponieren brauche ich grundsätzlich einen Hintergrund. Ich könnte nie irgendwelche Schnulzen oder Fantasy-Kram über Ritter schreiben, das ist nicht mein Ding.«

Stehst du eher auf amerikanische oder auf italienische Western?

»Ganz klar auf italienische. Mein Lieblingsregisseur ist Sergio Leone. Streifen wie “Leichen Pflastern Seinen Weg“ sind das, was ich als echte Western bezeichne.«

Der ist als Schnee-Western aber eher ein untypischer Vertreter seines Genres.

»Das stimmt. Ich finde Kinski in dieser Rolle absolut großartig, einfach gigantisch. Die Atmosphäre macht den ganzen Film aus. “The Unforgiven“ finde ich aber zum Beispiel auch richtig geil, obwohl das ja wieder ein Ami-Western ist. Die ganzen Filme aus den sechziger Jahren machen für mich den wesentlichen Flair aus, sowohl was die Musik, als auch die generelle Stimmung angeht. Die Amis haben damals viele Dinge aus den italienischen Filmen übernommen.«

Grade neuere Filme wie “Todeszug Nach Yuma“ oder “True Grit“ orientieren sich ziemlich offensichtlich an den alten Italo-Western.

»Genau! “Todeszug Nach Yuma“ finde ich übrigens auch richtig gut, auch, wenn man das eigentlich nicht zugeben sollte. Ich bin in solchen Dingen sehr offen, aber die richtigen Spaghetti-Western-Freaks machen bei so etwas ganz schnell dicht. Für die ist Hollywood einfach scheiße.«

Wie sieht es denn bei dir mit Western-Games aus? Zockst du?

»Eigentlich bin ich überhaupt kein Zocker. Ich bin aber absoluter “Resident Evil“-Fan und habe mir nur wegen dieses Games eine PlayStation zugelegt. “Red Dead Redemption“ finde ich aber auch großartig. Ich brauche für solche Spiele ewig. An “Red Dead Redemption“ sitze ich schon seit über einem halben Jahr. Es ist schon saucool, dass man in diesen Spielen beispielsweise das digitale Mexiko der Revolution bereisen kann. Die Stimmung der alten Filme wurde für das Game exakt eingefangen, das fängt schon bei den Stimmen, der Musik und den Soundeffekten an.«

Wer ist denn dein Lieblings-Western-Komponist?

»Ganz klar Ennio Morricone! Der Mann strahlt in seinen Kompositionen eine ungeheure Größe aus, die einen das weite Land quasi fühlen lässt. Er unterlegt seine Stücke oftmals mit einer Bassgeige, während er die vordergründigen Harmonien verändert. Das ist ein sehr geiler Effekt, der absolut zu ihm gehört. Die Art, auf die er seine Songs schreibt, ist ganz eigen. Er hat viele Elemente geprägt, die für mich den Italo-Western-Flair ausmachen.«

Das gepfiffene Intro zu eurer neuen Scheibe erinnert an Morricones Werke. Wer hat das eigentlich eingepfiffen?

»Das war ich, solche Dinge mache ich immer selbst. Ich mache ja die komplette Vorproduktion, aus der etwa vierzig bis fünfzig Prozent auf dem fertigen Album verbleiben. Wir haben das Intro extra nicht neu eingepfiffen, eben weil es nicht perfekt war. Wenn wir das im Studio fein säuberlich aufgenommen und gerade gezogen hätten, hätte es seine Atmosphäre verloren. Das einzige, was ich nicht war, ist die Frauenstimme.« (lacht)

Hast du eigentlich Sorgen, dass sich das Westernkonzept früher oder später abnutzen könnte? Der Vorteil ist natürlich, dass ihr euch da in einer eigenen Nische bewegt.

»Nein, darüber mache ich mir keine Gedanken. Man darf sich sowieso nicht zu viele Gedanken machen, sondern muss einfach drauf los spielen. Wenn man zu viel nachdenkt, kommt meistens nur noch Blödsinn dabei raus. Klar kann es sein, dass sich so etwas irgendwann abnutzt, aber Manowar haben ja auch ihren Ritterkram, und haben da auch keine Probleme mit. Genauso ist es bei Amon Amarth und ihren Wikingern.«

Du sprichst jetzt aber von rein textlichen Konzepten, ich meinte eigentlich das musikalische Gesamtkonzept.

»Das stimmt, aber die Musik die man macht, die macht man eben. Der Gag bei der Sache ist: Ich fand schon immer, dass Westernmusik und Metal perfekt zusammen passen. Als Ennio Morricone die Aufnahmen für “Spiel Mir Das Lied Vom Tod“ machte, hat er seinen Gitarristen geradezu gequält. Er hat den Amp aufgedreht, und ihn stetig aufgefordert, noch härter zu spielen. Das klingt für mich gefährlicher als irgendwelche Drachen. Wenn man sich die Showdown-Szenen anhört, eigentlich ist doch genau das Heavy Metal. Die Musik ist knallhart und richtig bedrohlich. Genau deshalb wollte ich anfangs auch gar nicht glauben, dass es diese Mischung noch nicht gibt.«

 

http://www.dezperadoz.de/
http://www.facebook.com/DEZPERADOZ