Online-MegazineInterview

LACUNA COIL

Roadtrip ans andere Ende der Welt

LACUNA COIL

Wir trafen das LACUNA COIL-Gesangsduo Cristina Scabbia und Andrea Ferro zum ausführlichen Gespräch über das neue „Broken Crown Halo“-Album im Berliner Ramones-Museum. Die erste Hälfte des Gesprächs gibt es in Rock Hard Vol. 323 zu lesen, hier nun als Online-Ergänzung der zweite Teil:

Was waren für euch die Highlights des „Dark Adrenaline“-Tourzyklus?

Andrea: »Wahrscheinlich Vietnam.«

Cristina: »Ja, das war wirklich eigenartig, weil es völlig neu für uns war. Wir wussten nicht, was wir erwarten sollten und hatten keine Ahnung, ob es dort überhaupt eine Metalszene gibt. Aber wir wurden schon am Flughafen von hunderten Fans begrüßt, die unsere Shirts trugen und wild herumschrien. Wir waren erst die dritte internationale Metal-Band, die dort performt hat, die vorherigen waren Slipknot und My Chemical Romance.«

Andrea: »Natürlich waren die Touren durch Amerika und Europa auch toll, aber Vietnam war halt eine neue Erfahrung, die sich am prägnantesten ins unser Gedächtnis eingebrannt hat. Bei der Show in Hochuimi (Saigon) spielten wir in einer großen Halle vor 10.000 Menschen, eine völlig verrückte Erfahrung.
Anschließend waren wir drei Monate mit Sevendust in den USA unterwegs und haben all die wichtigen Radiomärkte abgedeckt und dabei in kleineren Städten als üblich gespielt. Es war cool, mal eine anderes Gesicht von den Staaten zu sehen, wir haben diesmal nicht in New York oder Los Angeles gespielt. Stattdessen waren wir beispielsweise in Louisiana oder Kansas. Diese Gegenden vermitteln einem ein ganz anderes Gesicht von Amerika, vielleicht sogar das wahre Gesicht. Südamerika war auch super. Ein weiteres Highlight war die Tour mit Paradise Lost zu ihrem 25-jährigen Jubiläum.«

Cristina: »Das war eine absolute Ehre, weil die Band ein großer Einfluss für LACUNA COIL war. Wir kannten sie bereits, aber mit ihnen zu touren; damit hat sich ein Kreis für uns geschlossen.«

Es gibt auf „Broken Crown Halo“ drei Songs, bei denen Cristina alleine singt. War das von vornherein klar oder haben die Lieder mit Andreas Vocals nicht funktioniert?

Cristina: »Wir tüfteln zwar viel herum, aber wir legen es nie darauf aus, dass wir am Ende des Tages auf Teufel komm raus jeder 50 Prozent gesungen haben müssen. Der Song an sich steht immer im Vordergrund. Wenn es mehr Sinn macht, dass Andrea einen Großteil der Vocals übernimmt, wie zum Beispiel bei einem aggressiven Stück wie 'Die And Rise', dann belassen wir es dabei. Bei melodiöseren Songs passt halt eine weibliche Stimme oft besser.«

Andrea: »Ich muss meine Stimme nicht in ein Stück pressen, wenn es nicht passt. Natürlich bemühen wir uns um eine gewisse Balance, aber irgendwie kriegen wir die auch hin.«

Cristina, du erwähntest bei unserem letzten Gespräch, dass 'Nothing Stands In Our Way' davon inspiriert wurde, dass ihr – mehr als manch andere Band – als Zielscheibe für viele Kritiker gilt.

Cristina: »Nein, nicht wirklich. Es gehört zwar zur Geschichte jeder Band, dass man auf der einen Seite Erfolge und Komplimente einheimst, auf der anderen Seite auch mit Kritiken und Problemen umgehen muss. Wie ich schon vorher sagte: Dass wir als einzige italienische Band internationale Erfolge feiern, hat viel Neid und Missgunst bei Leuten hervorgerufen, die halt nicht in dieser Lage waren. Je erfolgreicher du wirst, desto lauter schreien deine Kritiker. Deshalb haben wir uns unsere 15-jährige Bandgeschichte als eine lange Autofahrt vorgestellt, bei der man aus dem Fenster schaut und das Szenario auf sich wirken lässt. So wie „Thelma & Louise“, womit wir wieder unseren cineastischen Vergleich hätten.«

Andrea: »Ich bin Louise. (lacht).«

Cristina: »Und ich Thelma. Auf dieser Reise hast du auch Hindernisse oder versperrte Straßen, willst aber dennoch weiter. Wenn du ein Ziel hast, kann dich nichts stoppen, das ist die Message dieses Songs.«

Andrea: »Außerdem haben wir die derzeitige schlechte wirtschaftliche Situation in Italien, in der wir jeden Tag mit schlechten Nachrichten bombardiert werden, ebenfalls als ein Beispiel herangezogen, um zu sagen, dass es weitergeht. Du musst einfach einen Traum finden, an dem du festhalten kannst, ansonsten bringst du dich um. Wir sind keine politische Band, reflektieren aber über so was, weil uns das schon mehrere Jahre lang umgibt.«

'Die And Rise' hat als einziger Song eine Passage, die auf italienisch gesungen wird.

Cristina: »Der ganze Song handelt davon, dass man eine zweite Chance bekommen kann. Man kann durchaus Fehler machen, denn aus ihnen kann man lernen. Bei diesem Song kommen die cineastischen Elemente vielleicht noch stärker als bei einigen anderen heraus. Die Vergleiche zu dem Vampiren und Werwölfen offenbaren eine Ähnlichkeit zu unserer heutigen Lebensweise. Wir erleben dunkle Momente und verspüren die Lust nach Spaß. Manchmal fühlen wir uns verloren, können aber von unseren Fehlern lernen und gestärkt aus Krisen hervorgehen.«

Andrea: »Außerdem zielt das Konzept darauf ab, dass man sich immer wieder anpassen und seine Batterien wieder aufladen muss. Die Zukunft sieht momentan nicht sehr rosig aus, weil sich die Welt so schnell verändert, was vor allem an der Schnelllebigkeit des Internets liegt. Der gesamte Lebenszyklus scheint schneller zu laufen, deshalb ist es wichtig, dass du jeden Tag aufs neue „stirbst“ und „auferstehst“ und so aus deinen Fehlern lernst. Wenn du das nicht hinbekommst, wirst du zurückgelassen.«

'One Cold Day' wurde durch den Tod eures damaligen Gitarristen Claudio Leo inspiriert. Könnt ihr euch noch daran erinnern, warum er die Band 1998 verlassen hat?

Cristina: »Wir hatten damals sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie wir die Band fortführen wollten. LACUNA COIL sind damals ja quasi in zwei Teile zerbrochen, wir haben neben ihm ja auch noch unseren zweiten Gitarristen und Drummer verloren. Wir haben die Tour dann zu dritt zu Ende geführt, Andrea, Marco und ich, mit der Hilfe von anderen Musikern.«

Andrea: Es war vor allem eine Frage der mangelnden Erfahrung. Keiner von uns war vorher auf Tour oder in einer professionellen Band. Einige von uns haben einfach nicht verstanden, was es bedeutet auf Tour zu sein und ein professioneller Musiker zu werden, besonders das damit auch Arbeit verbunden ist. Das ist aber eine recht natürliche Sache, wenn man eine Band startet, es waren also keinerlei persönliche Probleme, die zum Split führten.
Wir sind aber immer in Kontakt geblieben und Leo hatte ein eigenes Projekt namens Kayne gegründet, auf deren letzten Album ich auch einen Song gesungen habe. Leo kam auch zu unseren Shows und trug unsere Shirts, er war immer noch sehr stolz darauf, was er in der Vergangenheit mit uns gemacht hatte.«

Cristina, du hast bei unserem letzten Gespräch erwähnt, dass euer Bassist Marco alle Songs geschrieben hat. Ist das neu? (Die Credits von „Dark Adrenaline“ führen alle Bandmitglieder als Songwriter an - rb)

Cristina: »Nein, er war schon immer der Hauptkomponist und unser interner Produzent, der vom ersten bis zum letzten Tag im Studio bleibt. Er hat einfach ein Ohr für solche Sachen, er hat nie studiert, ist aber super, gerade was die Arrangements angeht. Außerdem beherrscht er so gut wie alle Instrumente, selbst wenn er manche davon nur auf dem Computer programmiert. Andrea und ich sind hingegen für die Gesangsmelodien und Texte verantwortlich, deshalb hat sich beim Songwriting nicht viel verändert. Außer, dass Marco ein Problem mit seinem Arm hatte und deshalb für über ein Jahr zu Hause bleiben musste und an vielen Tourneen nicht teilnehmen konnte. Bei der Paradise-Lost-Tour konnte er wieder teilnehmen und war froh, dass er eine neue Technik gefunden hat, die es ihm ermöglicht wieder live zu spielen. Zumindest hatte er viel Zeit zum Songwriting und wahrscheinlich sind auch einige der Songs so aggressiv ausgefallen, weil er viel Wut über seine Situation in sich trug.«

Ihr habt beide offizielle Facebook-Fan-Pages, die ihr fast täglich mit Updates und Fotos versorgt. Nervt das nicht manchmal, jeden Tag etwas aus seinem Privatleben preiszugeben?

Cristina: »Das kostet doch nur einige Sekunden, etwas zu posten, und ich kommentiere online ja auch nicht mein ganzes Leben. Ich poste immer einen kleinen Blick hinter die Kulissen, aber nichts wirklich Privates, was ich wirklich beschützen will. Davon ab, finde ich es cool mit unseren Fans so etwas zu teilen, denn ohne sie wären wir nichts. Mir macht das Spaß, du siehst das sofortige Feedback, sei es auf einen Song oder einen Look. Es ist eine tolle Art der Einbindung in unsere Arbeit.«

Facebook hatte gestern sein zehnjähriges Jubiläum. Was denkt ihr wie sehr Facebook unsere Welt verändert hat?

Cristina: »Völlig, nicht nur Facebook, sondern das Internet im Allgemeinen. Du kannst nun mit jemanden in Verbindung treten, der am anderen Ende der Welt lebt und sonst wahrscheinlich nie etwas von dir oder deiner Band gehört hätte. Bei Facebook kannst du so über die "Teilen"-Funktion verdammt viele Leute erreichen.«

Andrea: »Es hat aber auch die Wahrnehmung der menschlichen Existenz verändert. Man existiert nicht nur im richtigen Leben, sondern auch auf Facebook, was nicht unbedingt der gleichen Identität entsprechen muss. Oft siehst du Leute, die als Job "Model", "Fotograf" oder "DJ" angegeben haben, im wirklichen Leben aber in einem Geschäft arbeiten. Es ist natürlich nichts verkehrtes daran, in einem gewöhnlichen Geschäft zu arbeiten, aber damit prahlt niemand.«

Cristina: »Worauf Andrea hinaus will: Soziale Netzwerke sind natürlich auch mit Vorsicht zu genießen.«

Andrea: »Unser Song 'Cypersleep' wurde durch den Film Inception beeinflusst, in dem es ja um mehrere, künstlich erzeugte Traumstufen geht. Wir haben uns gedacht, dass viele Leute in diesen künstlichen Sphären leben und eine davon scheinen Facebook, Twitter oder Instagramm zu sein. Sie versuchen etwas vorzugeben, was sie im richtigen Leben nicht sind.«

Cristina: »Es ist cool zu träumen und sich eine eigene Realität aufzubauen, aber du darfst dich in dieser oberflächlichen Welt nicht verlieren. In der virtuellen Realität fühlt man sich wesentlich leichter akzeptiert.«

Andrea: »Für einige Leute ist es ja schlimmer, wenn du ihnen auf Facebook die Freundschaft kündigst, als im richtigen Leben.«


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Pic: Steve Prue (Promo)

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