Online-MegazineInterview

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»Religion ist zerstörerisch.«

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Mattie Montgomery, seines Zeichens Sänger der christlichen Metalcore-Band FOR TODAY, erklärt uns die negativen Seiten der Religion. Damit hätte wohl niemand gerechnet. Warum er Religion nicht nur gut findet und was uns auf FOR TODAYs neuem Album „Wake“ erwartet, hat der Amerikaner mit der schönen Stimme im Interview verraten.

Mattie, bald erscheint euer neues Album „Wake“. Kurz und knackig – wie würdest du es in drei Worten beschreiben?

»Intensiv, hart und düster.«

Was ist mit dem Titel „Wake“ gemeint?

»Das Wort an sich hat unterschiedliche Bedeutungen. Einerseits bedeutet es „Nachwirkung“, also zum Beispiel: Eine Nachwirkung des Tornados ist die Zerstörung. Außerdem ist es ein anderes Wort für eine Beerdigung und es kann der Befehl sein, aus dem Schlaf oder dem Tod aufzuwachen. Uns gefiel diese Mehrdeutigkeit und dass die Leute selbst etwas hinein interpretieren können. Anstatt eine Bedeutung festzulegen, sollte das jeder selbst entscheiden können.«

Das Cover ist schwarz und weiß, die Farben gehen ineinander über. Was steckt hinter dem Artwork?

»Im Leben kommt man oft in Situationen, bei denen man weiß, dass sie etwas Gutes für einen bereithalten. Trotzdem sieht es für uns oft so aus, als wären wir nur von Schlechtem umgeben. Viele Vorzüge unserer Szene werden oft schlecht dargestellt oder von negativen Aspekten überdeckt. Wir wollen beides porträtieren: Die gebrochenen Herzen, aber auch Hoffnung. Selbst wenn etwas nicht perfekt ist, kann es trotzdem schön sein.«

Was hat euch dazu inspiriert?

»Die größte Inspiration waren wohl unsere Fans. Durch die Reisen lernen wir viele Leute kennen. Ihre Geschichten, Probleme und Gefühle sind inspirierend.
Auf „Wake“ wollten wir den Leuten eine Stimme geben, die mit Selbstmordgedanken, Depressionen oder dem Tod eines geliebten Menschen zu kämpfen haben. Dadurch sollte es diesen Menschen möglich werden, die Ereignisse in ein anderes Licht zu rücken und vielleicht eine Art Befreiung darin zu sehen. Darum geht es eben auch textlich: Um die Bemühungen, Hoffnung in einer Welt zu finden, die so kalt und hoffnungslos zu sein scheint.«

Hat sich euer musikalischer Stil auf „Wake“ verändert?

»Definitiv, das ist auch absichtlich so passiert. Jahrelang blieb unser Stil an einem Punkt hängen. Dieses mal haben wir uns nicht darum gekümmert, was die Leute von uns erwarten, sondern schrieben das auf, was in unseren Herzen vorging. Es klingt anders, aber ich liebe es.«

Mit welcher Band würdet ihr in naher Zukunft gerne mal auf Tour gehen?

»Das ist eine lange Liste. Aber Parkway Drive und August Burns Red stehen sehr weit oben. Mit August Burns Red sind wir gut befreundet, eine Tour kam aber bisher noch nicht zustande.«

Gehen wir mal auf die christliche Metalcore-Szene ein: Wo siehst du positive und negative Aspekte?

»Ich möchte keine Metal-Show nur für „Kirchen-Kids“ spielen. Dabei käme ich mir komisch vor. Ich bin in einer Szene aufgewachsen, in der alle einen unterschiedlichen Glauben vertraten oder andere politische Ansichten hatten. Das ignorierte man und sammelte gemeinsame Erfahrungen. Ich bin Christ und schäme mich nicht dafür. Aber die Musik die wir schreiben, ist für jeden, nicht nur für Christen. Wenn die Leute unsere Musik mögen, dann sind sie bei unseren Shows willkommen, egal, woran sie glauben. Der Glauben ist mir egal, solange die Leute uns hören und mögen.«

Ich denke der negative Punkt ist, dass die Leute oft zwischen Lyrics und Stil unterscheiden und dann sagen: Ich kann mich mit den Texten nicht identifizieren, die hören ich jetzt nicht. Aber so entgehen einem viele gute Bands.

»Du hast doch bestimmt von Bring Me The Horizon gehört. Der Sänger Oliver Sykes war drogenabhängig, schaffte es, clean zu werden und schrieb einige Songs über den Prozess und die Probleme, die er dabei hatte. Ich würde gerne wissen, wie viele Menschen sich damit identifizieren können. „Warst du auch abhängig?“ - „Nö.“ Die meisten, die die Musik hören, wissen nicht, wie sich das anfühlt. Aber mit dem Kampf um Freiheit und etwas Besseres können sie etwas anfangen. Ob man nun Christ ist oder nicht, auch in unserer Musik gibt es Themen, mit denen sich jeder identifizieren kann. Auch wenn man meine spirituelle Weltansicht nicht teilt.«

Ich habe das Gefühl, dass die Leute in Deutschland gar nicht so sehr darauf achten, ob die Texte christliche Hintergründe haben, oder nicht. Ist dir auch schon mal ein Unterschied zwischen den USA und Europa aufgefallen?

»Auf jeden Fall. Die religiöse Landschaft in Europa unterscheidet sich von der in den USA. Um das mal etwas zu überspitzen: Religion ist wie Krebs für die Gesellschaft. Sie ist eine der zerstörerischsten Kräfte, die die Menschheit kennt. Religion versucht, Menschen zu manipulieren, zu kontrollieren und dominieren.
Sie isoliert Andersgläubige und sie attackiert andere Philosophien. Genau deshalb ist Religion zerstörerisch. Im 30-jährigen Krieg starben abertausende Menschen für ihre Religion. Die Geschichte der Europäer ist gespickt mit Auseinandersetzungen zwischen den Religionen. Sie wissen, wie bedrohlich Religion sein kann. Deshalb reagieren viele auch irgendwie ängstlich, wenn ich sage, dass ich Christ bin. Was ich predige, ist aber keine organisierte Religion, ich sage nicht „Du musst deinen Glauben so ausdrücken, wie ich das mache! Komm in meine Kirche! Zieh dich an wie ich, benimm dich wie ich!“ Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der uns schuf und einen bestimmten Plan für uns alle hat. Wenn die Leute dann eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen wollen, dann ist das natürlich cool. Wenn jemand das allerdings nicht möchte, wäre das Letzte, das ich tun würde, ihm etwas aufzudrängen. Ich habe wirklich ein Problem mit Religion, aber weil ich klar sage, dass ich an Gott glaube, stecken die Leute mich in eine Gruppe von intoleranten Religiösen.«

Gab es auf Tour schon mal hitzige Diskussionen mit anderen Bands, ob christlich oder nicht-religiös?

»Ja, es ist natürlich auch ein sehr ernstes Thema. Viele Bands die eben nicht an das glauben, an das wir glauben. Trotzdem sind sie sehr respektvoll und wir können sie respektieren. Ich denke da an die Jungs von Motionless in White. Mit denen sind wir schon oft getourt, wir sind gute Freunde. Wir finden immer einen gemeinsamen Nenner und gehen respektvoll miteinander um, trotz unserer unterschiedlichen Ansichten.«

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