Online-MegazineInterview

BITCH QUEENS

Regale zu Toiletten!


BITCH QUEENS

Dass der Spruch „Punk's not dead“ auf die Schweiz nicht zutrifft, ist unter anderem der Verdienst von den Baslern BITCH QUEENS. Im Interview erzählen Fronter Melchior und Schlagzeuger Harry von der Schweizer Szene, Iggy Pop und selbstgebauten Klos.

Fangen wir mal ganz allgemein an: Stellt eure Band vor!

Melchior: »BITCH QUEENS sind eine Punkband aus Basel. Eine der wenigen, die es noch in der Schweiz gibt, die Szene stirbt leider gerade ein wenig aus. Wir zwei machen schon seit 2000 zusammen Musik, die BITCH QUEENS gibt’s seit 2008. In der aktuellen Besetzung sind wir seit 2010 unterwegs. Wir touren in ganz Europa, hauptsächlich natürlich im Underground, was sich hoffentlich mit der neuen Platte ändert (lacht).«

Eure Szene ist in der Schweiz relativ klein. Wie seid ihr an den Punk gekommen?

Harry: »Wie jeder an den Punk herankommt, als Jugendlicher. Zum Beispiel sitzen wir gerade in einer Kneipe in der früher noch mehr als heute Punkkonzerte stattfanden und stattfinden (gemeint ist das Hirscheneck in Basel, mb).«

Melchior: »Stimmt! Mein erstes Konzert habe ich hier gesehen. Ich habe halt klassisch angefangen in den 90ern mit The Offspring und Green Day, diesen ganzen Streetpunk-Bands.«

Harry: »Ich auch, und wenn du ein bisschen interessiert warst, forscht du dann halt weiter zurück und kommst auf die ganzen 70er-Geschichten und die späten 60er.«

Melchior: »Eine Freundin hat mir damals aus dem Chinaurlaub eine „Never Mind The Bullocks“-Schwarzmarktkopie mitgebracht. Damit ging's dann mit dem älteren Punk weiter.«

Die Tour zum neuen Album führt euch erstmal nach Deutschland. Ihr macht ja eure Deutschland-Release-Party in Berlin und spielt einige Dates in Deutschland, bevor ihr dann erst am 14.2. in Fiesch seid. Liegt es daran, dass es in der Schweiz so wenig Möglichkeiten gibt, zu spielen?

Melchior: »Das Problem ist halt, dass du die Schweiz relativ schnell abdeckst.
Hinzu kommt das Problem, dass die Schweiz viersprachig ist. Die Deutsch-Schweiz-Bands spielen hauptsächlich in der Deutsch-Schweiz und die französisch- und italienischsprachigen eben hauptsächlich dort. Es gibt den berühmten „Rösti-Graben“, der existiert nicht nur politisch, sondern auch bandmäßig. So trennt sich die sowieso schon kleine Szene nochmal in zwei Hälften. Ich meine, die Städte liegen ja auch nur zwei bis drei Stunden auseinander, das heißt du kannst z.B. nicht am gleichen Wochenende in Luzern und in Zürich spielen. Deshalb verteilen wir das so, dass es irgendwie Sinn macht.«

Das heißt, es gibt auch wenig Kontakt zu den französisch- und italienischsprachigen Bands?

Harry: »Sehr wenig. Das ist meiner Meinung nach ziemlich doof. Es gibt zwar verschiedene Leute, die versuchen, Kontakt herzustellen, aber es ist einfach schwierig.«

Auf eurer Homepage finden sich diverse 7“-Splits. Außerdem gibt’s alle Veröffentlichungen auch als LP. Seid ihr privat große Fans des Vinyls und speziell der 7“?

Beide: »Ja!«

Melchior: »Ich finde Vinyl nach wie vor die Beste und schönste Art Musik rauszubringen. Du hast eine sinnvolle Größe, wo das Artwork erst zu wirken beginnt und sozusagen den Zwang, das Album so zu hören, wie die Band sich das gedacht hat. Hinter einer Songreihenfolge steht ja zum Beispiel ein Sinn. Einzelne Songs oder Singles zu hören, dass ist ja ganz schön, aber das Album als Konzept geht dabei einfach verloren. Und wenn du eine Vinylscheibe auflegst, dann hörst du bewusst Musik, weil du ja den Akt hast – also Nadel auflegen etc.. Das hat einfach eine ganz andere Wertigkeit als zum Beispiel bei Spotify.«

Harry: »Bezüglich der Splits: So etwas kannst du ja digital kaum umsetzen, dass du auf einem Medium zwei Bands unterbringst. Das ist einfach eine andere Art sich als Bands untereinander die Hand zu schütteln.«

Ich habe mir eure Internetseite im Vorfeld mal etwas genauer angeguckt und bin dabei auf euren Bühnen-Rider gestoßen...

(beide lachen)
Harry: »Schon wieder! Du bist der dritte oder vierte der danach fragt!«

Warum wollt ihr ein gedrucktes Iggy Pop-Bild haben?

Melchior: »Du bist echt schon der vierte der das fragt, in Österreich hat sogar mal einer eins ausgedruckt! Ich hatte die Idee vom Iggy-Pop-Bild eigentlich aus Spaß, weil ich was lustiges auf den Rider packen wollte. Das Gute ist, dass das alle als nette Geste sehen. Das soll ja auch nicht arrogant wirken, so dass wir das unbedingt haben wollen, sondern wir wollen schauen, ob das wirklich einer liest. Ich meine, in den meisten Clubs, wo wir spielen, ist der Verpflegungs-Rider eher Nebensache, da geht’s eher um die technische Seite. Iggy Pop ist auch einfach eine gute Referenz.«

Zum neuen Album. Was erwartet ihr von der neuen Platte?

Melchior: »Das ist auch die erste Platte, mit der ich auch im Nachhinein wirklich zufrieden bin. Und da braucht es bei mir schon relativ viel, weil ich so ein Arschloch-Perfektionisten-Gen habe. Ich bin das erste Mal so zufrieden, dass mir das Ding drei Monate nach dem Release nicht auf den Sack geht. Und ich hoffe, dass wir durch die Platte und die Promo drumherum einen Schritt nach vorne gehen können.«

Harry: »Bis zu einem gewissen Punkt ist das auch schon passiert. Das du zum Beispiel hier bist, wäre mit der alten Platte wahrscheinlich nicht passiert, und generell häuft sich das jetzt.«

Hofft ihr mittelfristig, davon leben zu können?

Harry: »Damit wir davon leben könnten, müsste ein Wandel in der Musikszene allgemein einsetzen, denke ich. Vor zehn, zwanzig Jahren hätte es vielleicht gereicht, um mit so einer Band durchzukommen, aber heutzutage müssten wir 365 Tage im Jahr unterwegs sein, um das hinzukriegen.«

Melchior: »Und es ist auch nicht das Hauptziel. Ich meine, wenn man uns einen guten Vertrag anbieten würde, dann würde keiner von uns ablehnen, aber für mich hat es nicht die erste Priorität, auf den größten Bühnen zu stehen. Mein Ziel ist es, vor allem seit zwei Jahren, gute Musik zu machen. Und da ist es mir egal, ob die Musik in oder out ist. Und Scandinavian Rock ist halt gerade nicht in, aber das ist mir egal. Ich finde die Musik einfach geil, und ich möchte die so gut wie möglich auf Platte bringen.«

Melchior hat gerade schon erwähnt, dass er mit der neuen Platte sehr zufrieden ist. Was ist euer persönlicher Lieblingstrack?

Harry: »Das wechselt ständig!«

Melchior: »Das stimmt, aber der Song, zu dem ich eine gute Verbindung habe, ist 'Again, Again & Again', weil der eine gute Mischung aus Punk und Pop ist. Der Song hat einfach diese gute Mischung aus Dreck und Eingängigkeit.«

Harry: »Ich will jetzt nicht den gleichen Song nennen, aber 'Again, Again & Again' war ein Song, den wir im letzten Moment noch geschrieben haben, weil wir dachten, dass wir noch zwei schnelle Punk-Songs brauchen, und der flutschte einfach so raus. Die Harmonien sind auch super geworden, das war ein neuer Schritt für die Band. Deswegen muss ich leider auch den Song nennen. Aber eigentlich mag ich schon alle.«

Kollege Peters unterstreicht in seinem Review in RH 333 die Partytauglichkeit der Platte. Achtet ihr beim Komponieren der Songs speziell auf die Livetauglichkeit des Materials?

Harry: »Früher war es das Wichtigste, dass man den Song genau so spielen konnte, wie er auf der Platte ist. Bei dieser Platte ist es das erste Mal, dass wir das abgelegt haben. Natürlich achten wir darauf, dass es weiterhin spielbar ist, wir haben das auch live eingespielt, mit ein bisschen bescheißen, wie man das halt so macht.«

Melchior: »Früher hätten wir keine weitere Gitarre drüber gelegt, weil wir gesagt haben, das geht live nicht. Heute finden wir, dass das egal ist, weil es live ruhig anders klingen darf. Es klingt dann ja auch nicht schlechter, sondern einfach roher. Ich finde sowieso, dass eine gute Liveshow nie wie auf Platte klingt. Eben nicht schlechter, sondern halt anders.«

Ich meinte eher die Eingängigkeit der Platte. Beim Hören ist mir aufgefallen, dass jeder Refrain irgendwie im Ohr bleibt.

Melchior: »Nee, dass ist schon gewollt. Wir haben uns dieses Mal viel Zeit gelassen...«

Harry: »... und Refrains umarrangiert und neu geschrieben, wenn sie nicht catchy genug waren.«

Euer Video zu 'Gimme A Kiss' spielt hauptsächlich auf einer ziemlich ranzigen Toilette. Bei wem steht die in der Wohnung?

Harry: »Bei keinem! Die haben wir selber gebaut. Das ist eigentlich ein Plattenregal bei uns im Proberaum, da haben wir einfach alle Bretter rausgenommen und eine Toilette draus gemacht.«

Melchior: »Das ist schon der Do-it-yourself-Gedanke. Wir machen die Pre-Productions selber, wir haben die 7“ selber aufgenommen, und auch die Videos machen wir zusammen mit einer guten Freundin. Wir drehen jetzt auch ein neues Video.«

Wollt ihr schon verraten, für welchen Song ihr das Video dreht?

Harry: »Können wir eigentlich. Der Titeltrack, 'Kill Your Friends'.«

Der hat nicht nur mich an 'Are You Ready (For Some Darkness)' von Turbonegro erinnert.

Harry: »Ja, das war in diesem Fall ein maßgeblicher Einfluss (lacht).«

Melchior: »Wobei man vorsichtig sein muss. Viele Leute, die Reviews schreiben, gehen vorschnell auf die Turbonegro-Schiene. Und ich denke, wenn man die Platte genau hört, dann ist es einfach skandinavischer Rock. Ich finde man hört auch einige andere Bands heraus, wie zum Beispiel die Hellacopters.«

In 'Again, Again & Again' heißt es „My reputation is bad, but it's mine“. Seid ihr mit eurer Reputation zufrieden?

Beide: »Ja klar!«

Harry: »Wir bauen die auch stetig aus.«

Melchior: »Das ist auch etwas, dass uns am Herzen liegt bei den BITCH QUEENS. Ich finde bei einer guten Band gehört eine Reputation, eine Attitüde dazu. Sonst ist es langweilig. Das ist auch etwas, das es meiner Meinung nach in der Schweiz kaum gibt. Es gibt einige Gegenbeispiele, zum Beispiel die Peacocks, die gehen auf die Bühne und es hat etwas, aber eben auch einige, wo mir das Gesicht einschläft. Und das wollte ich nie.«

Harry: »Wir sind einfach auch eine Live-Band, und da bist du halb Musiker und halb Entertainer. Sonst kann das Publikum auch die Augen zu machen und nur hören, aber so eine Band wollten wir nie sein.«

Melchior: »Ich glaube, die Mischung muss stimmen. Auf der Bühne spielst du immer eine Rolle, aber die muss ehrlich sein. Und wenn es zu gespielt wirkt, dann wird’s einfach lächerlich. Und ein gewisses Augenzwinkern gehört einfach dazu.«


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